von Bettina Schnerr, 14.12.2021

Wie kommt Literatur ins Klassenzimmer?

Wie kommt Literatur ins Klassenzimmer?
Diese Macher stecken massgeblich hinter der Realisierung der Unterrichtsmaterialien: Obere Reihe v.l.: Bea Keller (Sek I Auen, Frauenfeld), Verlagsleiterin Miriam Waldvogel (Verlag Saatgut), Peter Giger (Sek II Kanti Frauenfeld). Untere Reihe v.l.: Robert Fürer (Präsident Frauenfelder Lesegesellschaft und Vorstandsmitglied Verein Saatgut), Sandra Bertschinger (Sek I Auen/Schulische Heilpädagogin, Frauenfeld), Eliane Wenger (ehem. Leiterin Mediothek der Kanti Frauenfeld). | © Foto: Bettina Schnerr/Miriam Waldvogel

Aktuelle literarische Texte mit lokalem Bezug schaffen es eher selten auf den Schulstundenplan. Dabei liegt darin eine grosse Chance, wie ein Projekt aus dem Thurgau zeigt. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Im September erschien mit «Bleib doch — komm wieder» eine Anthologie im Frauenfelder Saatgut Verlag, der dritte Titel des noch jungen Unternehmens. Das Buch umfasst Texte von 33 Autoren und Autorinnen, die durch ihren Lebenslauf einen Thurgauer Bezug haben, und die sich in ihren Kurzgeschichten inhaltlich mit Fragen rund um Aufbrechen, Ankommen, Bleiben und Weiterziehen auseinandersetzen. Für die Anthologie ist nun auch Unterrichtsmaterial erschienen, das die Bearbeitung der Texte in den Sekundarstufen I und II ermöglicht.

Dieses zeitliche Zusammentreffen ist eher untypisch: Zeitgenössische Literatur findet in der Regel stark zeitversetzt ihren Platz in den Schulen. Denn wichtig ist gutes Begleitmaterial sowohl für Lehrer als auch Schüler, das für relevant erscheinende Werke erst geschaffen werden muss. Nicht zuletzt spielen Urheber- und Nutzungsrechte eine Rolle (alles zusammen kostet entweder Geld oder Zeit oder beides).

Selbst, wenn es schnell geht, gehen bis zur Herausgabe von Lektüreschlüsseln oder Unterrichtsmaterialien mehrere Jahre ins Land. Insofern ist das Lesebuch für Thurgauer Schulen ein Glücksfall, da Lesebuch und Schulmaterialien beide von Saatgut Verlag stammen. Und das Projekt bietet die Chance, aktuelle Texte mit lokalem Bezug zu bearbeiten.

Diese Texte aus dem Thurgauer Lesebuch können jetzt in Thurgauer Schulen besprochen werden. Bild: Bettina Schnerr

Hand in Hand von Anfang an

Die Idee dazu stammt schon aus der Zeit, als die ersten Manuskriptzusagen für das Lesebuch im Verlag Saatgut eintrafen. Robert Fürer, Präsident der Frauenfelder Lesegesellschaft, initiiterte die Anthologie, die statt einer Jubiläumsschrift von der Lesegesellschaft herausgegeben wurde und so erlebte auch Fürers Sohn, ein Lehrer, die Entstehungsgeschichte des Projekts mit.

„Er hatte die Idee, dass sich die Texte wegen ihrer Themen und ihrer Länge sehr gut als Unterrichtsmaterial eignen würden,“ erzählt Robert Fürer. „Gleichzeitig war klar, dass ein Begleitheft mit didaktischen Hinweisen erstellt werden muss.“ Noch während die Anthologie Gestalt annahm und Manuskripte hin und her gingen, begannen parallel bereits die Arbeiten an den Lernmitteln.

Als Keimzelle des Projekts diente die Kurzgeschichte von Michèle Minelli, die schon früh vorlag. Minelli selbst war schnell klar, wovon ihr Text für das Lesebuch handeln würde: „Ich wohne seit einigen Jahren in Iselisberg,“ erzählt sie. „Die Bauern hier arbeiten sehr viel mit Saisonarbeitern. Die Themen ‚Ankommen und Gehen‘ ergaben sich damit aus dem Berufsleben vor der Haustür.“ Minelli nahm Kontakt mit den Bauern auf und konnte dann viele Gespräche mit deren Saisonarbeitern führen. „Was ich da erfuhr, ging verdichtet in die Geschichte ein.“

Die Autorin Michèle Minelli: Auch eine ihrer Geschichten kann nun von Schüler:innen analysiert werden. Bild: Archiv

Ein erstes Konzept von Schüler:innen für Schüler:innen

Der Frauenfelder Kantonsschullehrer Peter Giger, der das Lehrmittelprojekt von Beginn an mit organisierte, erzählt von den Anfängen der didaktischen Arbeit: „Eine Maturaklasse erhielt Minellis Kurzgeschichte und überlegte, wie dieser Text im Unterricht eingesetzt werden könnte.“

Daraus erarbeiteten sie eine Unterrichtsplanung für eine Doppelstunde mit Aufgabenbeispielen und didaktischen Ansätzen. „Dieses Konzept probierten wiederum zwei weitere Lehrkräfte mit ihren Klassen aus.“ Der Test liess weitere Verbesserungen für das Unterrichtskonzept zu und das Material wurde auch Michèle Minelli vorgelegt.

Zum ersten Workshop der Projektgruppe war die Autorin denn auch für eine kleine Lesung eingeladen. Doch vor allem ging es darum, sich über die konkrete Unterrichtsidee und methodisch-didaktische Möglichkeiten auszutauschen. „Per Mail ergänzte ich im Vorfeld weitere Umsetzungsideen und konnte nach der Lesung noch einige offene Fragen klären,“ erinnert sich Minelli.

Das Besondere: Schüler:innen, Lehrer:innen und Autor:innen arbeiten gemeinsam

Danach ging es an die Feinarbeit. Daran war die Autorin nicht mehr beteiligt, doch neugierig auf die Umsetzung ist sie verständlicherweise sehr. Nicht zuletzt, weil sie über ihre Jugendromane und Texte selbst hin und wieder mit Klassen zusammenarbeitet.

„Ich bin sehr interessiert, wie die Arbeitsgruppe das Material umgesetzt hat,“ meint sie. Immerhin läuft die Vermittlung von Literatur in Schulen oft anders ab, als Minelli sich selbst als Leserin versteht: „Jeder liest unterschiedlich und für meine Texte gebe ich eigentlich keine Interpretationen vor. Es kommt eher selten vor, dass ich eine Passage auf eine sehr präzise Art verstanden haben will.“ Ist das der Fall, sei es ihr Job, dafür zu sorgen, dass es exakt so beim Leser ankomme. „Dann muss ich eben sehr genau schreiben.“

„Das kann die Tiefe des Textes sein, aber auch die Möglichkeit, ihn mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu verbinden. Zu viel ‚Insiderwissen‘ sollte der Text nicht voraussetzen, damit er gut greifbar ist.“

Peter Giger, Frauenfelder Kantonsschullehrer, auf die Frage, wann sich ein literarischer Text für den Unterricht eignet (Bild: Bettina Schnerr)

Insgesamt sieben Kurzgeschichten wählte der Verlag für die Schulen aus. „Wir hatten dafür mehrere Kriterien,“ erzählt Verlagsleiterin Miriam Waldvogel. „Wir legten Wert auf ein möglichst breites Spektrum an Inhalten und Gattungen. Die Themen sollten ausserdem interessant für die Jugendlichen sein und die Texte müssen sich für den Unterricht eignen.“

Nicht zuletzt ist es dem Verlag ein wichtiges Anliegen, dass die jeweiligen Autoren für Lesungen zur Verfügung stehen und entweder problemlos in den Thurgau reisen können oder ohnehin schon hier wohnen.

Autor:innen sollen auch in den Klassen lesen

Was einen guten Text für den Unterricht ausmacht, lässt sich tatsächlich sehr breit fassen. „Es ist vieles denkbar,“ findet Peter Giger. „Das kann die Tiefe des Textes sein, aber auch die Möglichkeit, ihn mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu verbinden. Zu viel ‚Insiderwissen‘ sollte der Text nicht voraussetzen, damit er gut greifbar ist.“

Für ihn und die Projektgruppe ergab sich aus dem verfeinerten Konzept und den Erfahrungen des Probeunterrichts das Muster für die weiteren Texte. Je zwei Lehrpersonen kümmerten sich um einen Text, eine aus jeder Schulstufe.

Lesebuch und Materialien wirken zusammen. Hier am Beispiel eines Textes von Usama Al Shahmani. Bild: Bettina Schnerr

Vielfältige Ansatzpunkte und Aufgaben

„Aus meiner Erfahrung als ehemaliger Fachdidaktiker ist es wichtig, dass man eine konkrete Einsatzidee angibt, aber zusätzlich genug Möglichkeiten, was man alternativ machen kann,“ weiss Giger. „Die Lehrkräfte entscheiden dann selber, ob sie sich an den vorgegebenen Fahrplan halten oder daraus eigene Ideen ableiten.“

Diesen Ansatz spiegelt das Begleitmaterial wieder: Formale Analysen zu Gedichten finden sich ebenso wie Textvergleiche, die Recherche zu den Autoren und Autorinnen oder die Aufforderung, eigene Texte zu entwickeln.

Auch alle anderen Autoren und Autorinnen erhielten „ihre“ Unterrichtsmaterialien, damit eventuelle Missverständnisse ausgeräumt oder weitere Umsetzungsideen entwickelt werden konnten. Das Finale bestritt eine Redaktionsgruppe, die das komplette Material in ein einheitliches Bild brachte und schulgerecht ausformulierte.

Schullektüre made in Thurgau – das gab es seit mehr als 50 Jahren nicht

Anfang Dezember trug die intensive Arbeit Früchte und das Begleitheft erhielt eine kleine Buchtaufe, passenderweise in der Kantonsschule Frauenfeld. Während Robert Fürer noch einmal einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte gab, fasste Peter Giger die Arbeits- und Verfeinerungsschritte für das Publikum zusammen.

Auch Miriam Waldvogel schaut auf eine besondere Kooperation: Im Saatgut Verlag erscheint erstmals seit Langem wieder Schullektüre im Thurgau mit lokalem Bezug. Die letzte solche Schulpublikation liegt nach Angaben von Robert Fürer mehr als 50 Jahre zurück. Manchmal können Jubiläen, wie das der Literaurgesellschaft, eine erstaunliche Kette an Impulsen legen.

So sehen die Aufgaben aus, mit denen sich die Schüler:innen künftig beschäftigen können. Bild: Saatgut Verlag

 

 

Das Lesematerial & das Buch

Das Lesematerial

Begleitheft mit Unterrichtsideen für die Sekundarstugen I und II zum Thurgauer Lesebuch

35 Seiten, Verlag Saatgut, Edition saatgut|studio, Frauenfeld

ISBN 978-3-9525244-4-2

Material zu den Texten von Usama Al Shahmani, Simon Engeli, Tabea Steiner, Michèle Minelli, Hans Gysi, Tanja Kummer, Gianni Kuhn

 

 

Das Buch

Bleib doch – komm wieder. Thurgauer Lesebuch

224 Seiten, Verlag Saatgut Frauenfeld

ISBN 978-3-9525244-2-8

Anthologie mit Texten von Usama Al Shahmani, Daniel Badraun, Elisabeth Binder, Zora Debrunner, Simon Engeli, Ruth Erat, Barbara Fatzer, Mathias Frei, Zsuzsanna Gahse, Andrea Gerster, Olivia Rahel Grubenmann, Hans Gysi, Sven Hirsbrunner, Peter Höner, Martina Hügi, Angelus Hux, Eva Maria Hux, Stefan Keller, Jochen Kelter, Gianni Kuhn, Tanja Kummer, Julia Langkau, Michèle Minelli, Jan Rutishauser, Markus Schär, Daniela Schwegler, Severin Schwendener, Michael Stauffer, Tabea Steiner, Willi Tobler, Max Werner Widmer, Samantha Zaugg und Flutura Ademi.

 

Bestellmöglichkeiten

Lesebuch und Begleitheft können direkt beim Verlag bestellt werden sowie beim Lehrmittel Online-Shop Thurgau des BLDZ (Link zum Buch / Link zum Begleitheft).

Video: arttv-ch-Beitrag über das Lesebuch

 

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