von Claudia Koch, 25.03.2021

Auf dem Holzweg

Auf dem Holzweg
Detailansicht der über 200-jährigen Holzbibliothek von Candid Huber, die im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld zu besichtigen ist. | © Claudia Koch

#Lieblingsstücke, Teil 7: Im Naturmuseum in Frauenfeld gibt es eine über 200-jährige Sammlung aus Holzbüchern, die in diesem Umfang schweizweit nur im Thurgau zu finden ist. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Was so ein Estrich für Überraschungen bereit hält! Das kann im privaten Bereich eine alte Eisenbahn des Grossvaters oder ausgetragene Kleider der Grossmutter sein. Das können aber auch ungeahnte Schätze in Museen sein. So geschehen vor etwa zehn Jahren im Naturmuseum Thurgau. «Der Estrich musste saniert werden und dabei entdeckten wir einige Schränke mit unbekanntem Sammlungsgut», erinnert sich Sammlungskuratorin Barbara Richner.

Als sie die Buchrücken aus verschiedenen Baumrinden sah, dachte sie: «Das sieht ja wahnsinnig aus.» Insgesamt 135 Bücher kamen zum Vorschein. Die Buchrücken sind aus der jeweiligen Baumrinde gefertigt, die Buchdeckel aus dem entsprechenden Holz. Klappt man das Buch auf, so entdeckt man ein Herbar mit einem Sommer- wie auch Winterzweig sowie Sämlingen. Eine Augenweide und Fundgrube für jemanden wie mich, die immer schon ein Flair für Bäume und Pflanzen hatte.

Sogar aus Heidekraut fertigte Candid Huber Bücher, die er innen mit der getrockneten Pflanze bestückte. Bild: Claudia Koch

Bedeutung des Waldes aufzeigen

Wie gut erhalten die Sammlung ist, zeigt sich mir beispielsweise an einem Zweig mit über 200 Jahre alten gedorrten Brombeeren. Oder am getrockneten Heidekraut, bei dem man fast noch die Farbe erahnen kann. Hübsch sind auch die originalen Etiketten aus rotem Leder mit Golddruck auf den Buchrücken. Laut Richner gibt es noch einen weiteren Schatz zu dieser Holzbibliothek: Ein Buch, mit dem wohlklingendem Titel «Kurzgefasste Naturgeschichte der vorzüglichsten baierischen Holzarten».

Die Recherche Richners deutete schnell darauf hin, dass diese Holzbibliothek von Candid Huber (1747-1813), Benediktinermönch und Forstbotaniker, stammen könnte. Eine Nachfrage in Hubers Geburtsort Ebersberg, die ebenfalls eine Holzbibliothek beheimatet, gab Gewissheit.

Die Holzbibliothek wird jetzt Teil der Dauerausstellung

Richner erkannte die Handschrift Heinrich Wegelins, dem früheren Museumsleiter, auf den teilweise ersetzten Etiketten. Deshalb geht sie davon aus, dass die Sammlung schon seit 100 Jahren im Naturmuseum ist.

Was bezweckte der umtriebige Naturforscher mit seiner Holzbibliothek? Richner sagt dazu: «In Zeiten der Industrialisierung ging es dem Wald sehr schlecht. Umso wichtiger war es Candid Huber, die Bedeutung des Waldes und das Wissen um die Bäume und Sträucher anschaulich zu vermitteln. Aus diesem Grund stellte er solche Bibliotheken in Serie her. Heute sind gut ein Dutzend davon bekannt, wobei diejenige in Frauenfeld eine der Vollständigsten ist.» Eine erfolgreiche Kabinettausstellung 2012 war ausschlaggebend, dass die Holzbibliothek nun zur Dauerausstellung hergerichtet wird.

Die Holzbibliothek von Candid Huber im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld ist mit 135 Büchern eine der vollständigsten. Bild: Claudia Koch

Alle Inhalte sollen auch digitalisiert werden

Ergänzend zu den Holzbüchern werden die Informationen aus dem Begleitbuch digitalisiert und auf einem Bildschirm abrufbar sein. Ich freue mich jetzt schon darauf, dem breiten Wissen des Mönchs zu den jeweiligen Holzarten und Sträuchern zu lauschen.

Detailansicht der über 200-jährigen Holzbibliothek von Candid Huber, die im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld zu besichtigen ist. Bild: Claudia Koch

 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer neuen Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-KorrespondentInnen über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch, bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

Oder ihr schreibt einen Kommentar am Ende dieses Textes oder zum entsprechenden Post auf unserer Facebook-Seite. Ganz wie ihr mögt: Unsere Kanäle sind offen für euch!

 

Alle Beiträge sammeln wir und veröffentlichen wir sukzessive im Rahmen der Serie. Sie werden dann gebündelt im Themendossier #lieblingsstücke zu finden sein.

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