von Maria Schorpp, 29.04.2019

Auf der Suche nach dem Menschlichen

Auf der Suche nach dem Menschlichen
Entsetzt von den eigenen Handlungen: Szene aus der Produktion «nüt» des Jungen Theater Thurgau. | © Lukas Fleischer/JTTG

Das Junge Theater Thurgau zeigt im Frauenfelder Eisenwerk in „nüt“, was ist, wenn nichts mehr eine Bedeutung hat. Die Bühnenversion von Janne Tellers Roman „Nichts“ wird zur Suche nach dem, was den Menschen ausmacht.

Die Wissenschaft sagt, dass wir Menschen einen Sinn im Leben sehen müssen, etwas haben müssen, das uns etwas bedeutet. Wenn nicht, wenn alles sinn- und bedeutungslos erscheint, ist das wie seelisch verhungern. Wir müssen essen und trinken, wir brauchen die Gesellschaft anderer Menschen, wir brauchen Sex – und wir brauchen Sinn und Bedeutung. Sonst leiden wir an einem Defizit, einem grundlegend menschlichen.

Insofern haben die sechs Schülerinnen und vier Schüler auf der Bühne des Frauenfelder Eisenwerks schon recht, wenn sie sich dieser Stimme widersetzen: Nichts bedeutet irgendetwas. Warum dann überhaupt etwas tun? Damit verlässt Pierre Anthon das Klassenzimmer, um ab sofort den nihilistischen Einflüsterer zu geben. In der Inszenierung des Jungen Theaters Thurgau im Frauenfelder Eisenwerk sitzt er nicht auf einem Pflaumenbaum wie im Roman von Janne Teller. Pierre Anthon ist lange nur eine Stimme und ein bisschen Schattenriss. Und wirkt so auch heutiger als ein Bub, der mit Pflaumenkernen spuckt.

Was ist hier eigentlich los? Die Jugendlichen ringen um die Frage der Bedeutung. Bild: Lukas Fleischer

Die Verunsicherung ist existenzieller, nicht biologischer Natur 

„nüt“ also, wie die Inszenierung des Jungen Theaters Thurgau betitelt ist. Die Theateradaption von Tellers Roman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ ist von den jungen Schauspielenden unter der Regie von Petra Cambrosio nochmals stark an eigene Lebensumstände angepasst worden. Das ist schon daran zu erkennen, dass sie aussehen, als würden sie ihre eigene Kleidung tragen (Kostüme von Natalie Peclard). Dabei bleibt vieles in der Schwebe, die Fragen sind ihnen, und das ist gut so, offenbar wichtiger als die Antworten. Wüssten die jungen Menschen, was die Wissenschaft dazu sagt, würde ihnen das auch nicht weiterhelfen. Ihre Verunsicherung ist existentieller, nicht biologischer Natur. Eine Verunsicherung, die damit zu tun hat, was in dieser Welt als wertvoll an sie herangetragen wird.

Aus ihnen soll etwas werden, sie sollen etwas darstellen. Wenn sie alle zusammen auf dem Fliessband sitzen (Bühne von Gabor Nemeth), das später auch dazu dient, ihre wichtigsten Dinge auf einen Berg von Bedeutung zu befördern, dann ist klar: Das sind junge Menschen, die die Norm erfüllen sollen, reinpassen sollen, gerne in gehobener Stellung. Und das wissen sie. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich nicht in einem verlassenen Sägewerk wie bei der dänischen Autorin, deren Roman bei Erscheinen so umstritten war, wie er dann ausgezeichnet wurde, sondern in einer Schaufensterpuppenfabrik.

Unbekleidete Exemplare der perfekten Figuren stehen denn auch im hinteren Bühnenraum. Ein schauriger Anblick – wie in einem dystopischen Science-Fiction, in dem die Menschen endgültig zur Normware geworden sind, deren Lebensfunktion ist, mit schönem Schein ihre innere Nacktheit zu verhängen.

Die grösste Frage: Woher kommt all dieses Misstrauen?

Wie die jungen Menschen versuchen, sich gegenseitig zu versichern, dass es – dem alles verneinenden Grosssprecher zum Trotz – Bedeutsames im Leben gibt, dem merkt man von Anfang an etwas Hilfloses an. Die Mitwirkenden auf der Bühne des Eisenwerks haben sich eigene Gegenstände ausgesucht, die sie auf einem Berg der Bedeutsamkeit aufhäufen. Das ist einerseits deshalb verständlich, weil abgeschnittene Hundeköpfe und Menschenfinger wie bei Janne Teller auch etwas Effekthascherisches haben. Darum geht es hier ganz und gar nicht. Es ist aber auch deshalb naheliegend, weil die Spielenden auch Suchende sind – nach sich selbst und dem, was sie als Menschen ausmachen.

Umso drängender wird die Frage, wie es dann zu diesem gegenseitigen Misstrauen kommt. Jeder horcht den anderen aus, um aus ihm herauszukitzeln, was ihm am wichtigsten ist, und es dann für den Berg der Bedeutung zu verlangen. Überall Misstrauen, Verrat und die Bereitschaft, den anderen zu quälen. Die bedeutsamen Gaben mutieren zu Opferungen, bei den Socken mit der Unterschrift der Spice Girls fängt es an, bei der Urne mit der Asche eines ungeborenen Kindes hört es immer noch nicht auf. Was ist da los, was geht da vor sich? Die Inszenierung lässt das offen, legt jedoch Spuren. Vielleicht haben diese jungen Menschen schon zu viel erlebt, um noch unschuldig zu sein. Vielleicht ist das, was sie gerade zerstören, das wahre Bedeutsame. Vielleicht führen Sinn und Bedeutung, wenn man sie absolut nimmt, in den Terror.

Wie stimmig: Der Provokateur ist ein smarter Krawattenträger

Die Spielenden – Sara-Jane Demeulemeester, Corine Fischer, Sarina Hess, Esmail Ibrahimi, Aleena Krähemann, Nassim Mozaffari, Zeno Ruzzo, Eric Scherrer, Alena Weber und Sara Weber – beeindrucken jedenfalls mit ausdrucksstarken Szenen. Manchmal hat bei der Premiere der grundierende Rhythmus gefehlt, was aber auch immer wieder mit sehr schönen, wenn auch traurigen Szenen wettgemacht wurde.

Dass der Verneiner aller Bedeutsamkeit am Ende kein lustvoller Provokateur ist, sondern smarter Krawattenträger, passt in das Bild vom Menschen als Warenprodukt, der keine anderen Werte mehr haben soll als materielle. Ein sehr stimmiges Konzept der Inszenierung von Petra Cambrosio mit ihrem jungen Ensemble, das eine immense Leistung erbringt. Am Ende kommen sie wohl zum selben Ergebnis wie die Wissenschaft. Wenn nichts eine Bedeutung hat, ist alles nichts. Aber vielleicht ist es für dieses Wissen auch schon zu spät.

Weitere Aufführungen: 3./4./5./9./10. und 11. Mai.

Oben und unten: Verunsichert sind am Ende alle in der Produktion «nüt» des Jungen Theater Thurgau. Bild: Lukas Fleischer

 

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