von János Stefan Buchwardt, 17.12.2020

«Bey Gott, zwey Kerls»

«Bey Gott, zwey Kerls»
Doppelporträt: der etwa 50-jährige Dichter Gottfried Keller (links) um 1870 in Zürich und der 46-jährige Ingenieur John U. Mueller 1865 in Detroit. | © ZBZ (Privatbesitz)

Mit Leidenschaft und Dienstbarkeit rückt Monica Seidler-Hux Gottfried Kellers Jugendfreund Johann Müller ins rechte Licht. Im «Hier und Jetzt»-Verlag ist eine erhellende wie vergnügliche Rehabilitationsschrift erschienen, deren Lektüre der Literatur- wie der Regionalgeschichte, aber auch guter Unterhaltung alle Ehre erweist. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

«Ich liebe das Recherchieren, Schreiben und Büchermachen. Und ich kann es nicht lassen, andere mit ‹anstecken› zu wollen», konstatiert die Kunsthistorikerin und Germanistin Monica Seidler-Hux aufrichtig. Ihre grosse Begeisterungsfähigkeit und Neugier gelten für dieses Mal einem vergessenen und von vielen Gottfried-Keller-Biografen geschmähten Frauenfelder.

Wohltuend holt die Autorin Johann Ulrich Müller aus der Versenkung, indem sie Licht auf die durchaus innige Beziehung der beiden Jugend- und Schulfreunde Keller und Müller wirft. Sie legt sich konsequent ins Zeug, weil sie es, wie sie sagt, als überzeugte Frauenfelderin nicht gelten lassen konnte, dass ihr Protagonist ungerechtfertigterweise in schiefem Licht dastand.

Kurzum, sie hat seinen Werdegang biografisch hieb- und stichfest durchforstet. Was sich der Bedeutung des Vergangenen in der Gegenwart verpflichtet, darf nun als bleibendes Verdienst gewertschätzt werden.

Oben: Bey Gott, zwey Kerls – Buch-Vernissage in der Zentralbibliothek Zürich (ZBZ), Ausschnitt aus der begleitenden Projektion. Unten: Nach «Martha Haffter 1873–1951» ist «Gottfried Kellers feuriger Freund» die zweite Biografie aus dem Thurgau, der sich Monica Seidler-Hux verschrieben hat. | Bilder: János Stefan Buchwardt

Frappanter Lebenslauf

Der seit 1998 existierende «Hier und Jetzt»-Verlag, bekannt für exquisite Kultur- und Geschichtsthemen mit Bezug zur Schweiz, legt mit der reich bebilderten Publikation unter dem Titel «Gottfried Kellers feuriger Freund» ein haltbares Stück Zeitgeschehen vor. Mit der Aufschlüsselung der Verbindung zweier zeitweiliger Schicksalsgefährten erhält nicht nur die Keller-Forschung neue Anstösse, auch die Thurgauer Geschichte wird um eine bestechende Persönlichkeit reicher.

Erfolgreicher Auswanderer, ambitionierter Zivilingenieur, angesehener Kartograf im Auftrag des amerikanischen Kriegsministeriums, Erfinder und Familienvater – hier gelingt ein bemerkenswertes Nachzeichnen. Darüber hinaus darf Müller als Landschaftszeichner und Vedutenkünstler, der in Cleveland, Detroit und Washington ausstellte, gepriesen werden.

Müllers Leben zeigt: Ein Neuanfang ist immer möglich

«Wie er sich vom träumerischen Romantiker zum praktisch schöpferischen Menschen des Gründerzeitalters entwickelte, versetze», so Seidler-Hux, «rückblickend in Erstaunen. Johann Müllers Leben», resümiert sie, «bestätigt meine eigene Zuversicht: Es gibt immer einen Neuanfang, einen erstrebenswerten Horizont.»

«Ein Geschenk für Gottfried Keller: Johann Müller aquarellierte 1837 das Frauenfelder Schloss nach der Vedute des Zeichenlehrers Georg Anton Gangyner im Thurgauischen Neujahrsblatt von 1835.» Bild: 

János Stefan Buchwardt (Abbildung 26 in der Neuerscheinung «Gottfried Kellers feuriger Freund»)

Drehscheibe für Historie

In ihrer Danksagung ordnet Seidler-Hux ihr neues Buch auch als «Hommage an all die Schätze, die in Archiven und Bibliotheken weltweit aufbewahrt, erschlossen und zugänglich gemacht werden», ein. Sich intensivst der «Lebensgeschichte des phantomhaft durch die Literaturgeschichte geisternden Frauenfelders» gewidmet zu haben, ist eines der beispielhaften Projekte der Hux-Familie.

Die Tochter ist längst in die Fussstapfen des Vaters getreten. Erst kürzlich hat der Lokalhistoriker, Ehrenbürger, ehemalige Archivar und Bürgerschreiber Angelus Hux eine Publikation über die Schwyzer Familie von Reding mit Ablegern im Thurgau herausgebracht.

«Etwas Schönes zu erschaffen und zu kultivieren, dünkt mich ein sehr erfüllendes Vorhaben.»

Monica Seidler-Hux, Autorin

Die Kantonshauptstadt scheint dem Familienverband bestimmende Drehscheibe für ihre Schriften über Geschichten und Persönlichkeiten vor Ort zu sein. Seidler-Hux, die sich ihrerseits im heimischen Kanton als Museumspädagogin, Kulturjournalistin und Lektorin hervorgetan hat, ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Inzwischen im Aargau zuhause, wird sie ihrem jetzt neu in Zürich beheimateten Verlag mehr als gerecht.

Ihren Vater weiss sie als einen ihrer Mentoren hinter sich. «Wir tauschen uns super gerne und angeregt über unsere jeweiligen Projekte und Faszinationen aus und stacheln uns gegenseitig an», hält sie fest. Und weiter: «Etwas für mich selbst und mein Umfeld Bereicherndes, Schönes, Relevantes zu erschaffen und zu kultivieren, auch wenn es möglicherweise nicht dauerhaft ist, sondern an einen Moment oder eine Zeit gebunden, dünkt mich ein sehr erfüllendes Vorhaben.»

Oben: Buch-Vernissage in der ZBZ, Ausschnitt aus der begleitenden Projektion. Unten: Ein von Müller aus Frauenfeld an Keller in München geschickter Briefbogen vom Mai 1837. | Bilder: János Stefan Buchwardt und ZBZ

Gerechte Würdigung

Mit der Ehrenrettung Müllers – im schwärmerischen Briefwechsel mit dem jungen Keller etwa hat er sich wiederholter Plagiatsvergehen respektive literarischer Anleihen schuldig gemacht – leistet Seidler-Hux einen erfrischenden Korrekturbeitrag an eine weltgewandte Confoederatio Helvetica.

Der Frauenfelder Baumeister war neben der in den teilweise autobiografischen Roman «Der grüne Heinrich» eingegangenen Verfehlung auch über seine vorübergehenden Geldnöte pauschal in Verruf geraten. Dabei war Keller selbst im Laufe der Freundschaft in Geldverlegenheiten bei ihm bittstellig geworden.

Neuer Kontinent, neue Chance

John U. Mueller, wie er sich in den Vereinigten Staaten nannte, sei also weder ein unsolider Charakter gewesen noch zugrunde gegangen. Wie der als Landschaftsmaler gescheiterte, junge Keller habe sich auch der erfolglose Frauenfelder Baumeister wieder aufgerappelt und nach schwierigen Anfangsjahren seinen Platz und seine Berufung auf einem anderen Kontinent gefunden.

Die bündige Erkenntnis, dass Müller keineswegs eins zu eins der Romanfigur im «Grünen Heinrich» entspräche, wie es die Keller-Literatur bisher kolportierte, untermauert Seidler-Hux mit Verve und gestalterischer sowie stilistischer Eleganz.

Oben: Bildlegende zur Abbildung 101, «In den 1860er-Jahren vermass und kartografierte John U. Mueller den Portage Lake und seine Zuflüsse. Die farbige Neuauflage der Seekarte von 1905 wurde um Kanalstrecken, Strassen, Siedlungen und Nebenkarten erweitert.» Unten: Buch-Vernissage in der ZBZ, Ausschnitt aus der begleitenden Projektion. | Bilder: János Stefan Buchwardt

Kulturelles Gedächtnis

Den Anspruch an Sorgfalt, den die Autorin an sich stellt, löst sie vor allen Dingen auch mit fesselnder Detailgenauigkeit ein. Durchweg genüsslich, wie sie das Klischee trockener wissenschaftlicher Aufarbeitung Lügen straft.

Ihre verbissene Suche nach einem längst verstorbenen Frauenfelder, der «als Ausweg aus der ökonomisch und gesellschaftlich beklemmenden Lage die Überfahrt nach Amerika» wählte, wie Seidler-Hux festhält, zeitigt ein rundum erkenntnisreiches Resultat.

Beruflich bewege sie sich «quasi mitten in einem immensen kulturellen Gedächtnis», das für die Gegenwart abgerufen werden könne. «Immer wieder neu und anders», erläutert Seidler-Hux. Das sei beglückend und für ihre Arbeit relevant. Wo sie nur scheinbar langweilige Archivalien analog und digital abkämmt und ihre Ergebnisse in eine souverän gestochene Sprache überführt, weiss sie Realität und Fiktion in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.

Bildunterschrift, Abbildung 54, unten rechts: «In seinem Aquarell ‹Landschaft mit Gewitterstimmung› (um 1842) scheint Gottfried Keller sich selbst und seine ungemütliche Lage in der Figur des einsamen Wanderers dargestellt zu haben.» | Bild: János Stefan Buchwardt

Faszinierende Schnitzeljagd nach Lebensspuren

Die neu vorliegende Monografie «Gottfried Kellers feuriger Freund», deren Gegenstand sich ursprünglich anlässlich Kellers 200. Geburtstags entzündete, leistet viel. Die Publikation – eine faszinierende und erfolgreiche Schnitzeljagd nach Lebensspuren im 19. Jahrhundert, wie das «Historische Museum Thurgau» schreibt – ist wärmstens zu empfehlen.

In der Tat spiegelt der Lebensweg des einstigen Steinmetzgesellen und Architekturstudenten «im Kleinen die Erweiterung des Horizonts und die bahnbrechenden Veränderungen im neuen Zeitalter der Technik, der Industrie und des Verkehrs.»

Unterm Weihnachtsbaum

Wünschenswert auch, dass das öffentliche Interesse am aufschlussreichen Sachbuch dem Wunsch der Autorin, es möge nicht zuletzt auf so manchem Thurgauer Gabentisch zu liegen kommen, zuspielen wird. «Johann Müller selber würde das gewiss freuen», sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen und setzt zu einer kleinen Exkursion an: «Aus Müllers nächster Verwandtschaft hat sich traditioneller Weihnachtsbaumdekor im Detroiter Museum erhalten. Den Brauch der Weihnachtstanne hätten calvinistische deutsche Auswanderer nach Amerika mitgebracht.»

Hinweis: Die Zürcher Buchvernissage fand am 19. November 2020 statt. Da die für den 24. November im Schloss Frauenfeld geplante Thurgauer Vernissage abgesagt werden musste, soll im nächsten Jahr ein «Müller-Anlass» in geeigneter Form nachgeholt werden. Die Monografie ist im Buchhandel oder direkt über die Website des Verlages erhältlich. Ein Beitrag im Regionaljournal SRF 1 vom Sonntag 22. November 2020 ist hier nachzuhören (ab Min. 4:20)

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