von Brigitta Hochuli, 15.09.2010
Brain-Drain

Brigitta Hochuli
Der neuste Abfluss von Thurgauer Hirni betrifft Journalisten. Hochqualifizierte Senioren der Guilde haben in Zürich die Internetzeitung journal21 lanciert. Unter den 80 Autoren sind drei Thurgauer und eine Thurgauerin: Christoph Ullmann, Fernsehmacher, Hansjörg Enz, Ausbildner und Entwicklungshelfer, Ekkehard Faude und Elisabeth Tschiemer, unter anderem Verleger. Faude hat im journal21 mit „Roger Federer als literarische Erfahrung“ bereits einen von zwei brillanten Texten platziert.
Brain-Drain bei Journalisten ist nichts Neues. Schon Markus Schär hat im Kantonsführer für Fortgeschrittene („O Thurgau“, 2002) über Thurgauer Journalisten im Exil geschrieben. Das sollte uns also nicht weiter beunruhigen. Brain-Drain bei Thurgauer Hochschulabsolventen allerdings schon. Die letzten verfügbaren Zahlen hat mir freundlicherweise Regierungsrätin Monika Knill zusammengestellt. Danach kehren 52 Prozent der jungen Menschen, die den Thurgau für ein Studium verlassen, nicht mehr in den Kanton zurück. Das sei ein Problem für die Wirtschaft, sagt Frau Knill. Dabei warteten interessante Arbeitsplätze auf Rückkehrer.
Und wie sieht‘s in der Kultur aus? Jean Grädel ist zurückgekehrt. Er schwärmt vom zwanglosen Schaffen in der Provinz. Das muss man sich leisten können. Ansonsten bleibt wohl auch bei Kulturschaffenden nur der Export. Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?
***
Kommentare
lukas g. dumelin | 18.09.2010, 00.58 Uhr
Verstehe ich diese Zeilen richtig: 48 Prozent aller jungen Menschen, die den Thurgau für ein Studium verlassen, kehren nach dem Abschluss in den Kanton zurück. Das ist doch eine grandiose Quote! Man denke nur an die Kontakte und Möglichkeiten, die sich während eines fünfjährigen Studiums an einer Hochschule ergeben, und man denke daran, was passieren würde, wenn alle Thurgauer Germanistikstudenten (wie ich) nach dem Master an Thurgauer Kantonsschulen oder in Thurgauer Verlagen oder Redaktionen arbeiten wollen. Und im Übrigen steht keinesfalls fest, dass jene, die nicht unmittelbar nach dem Studium zurückkommen, für ewig dem Thurgau den Rücken kehren. Wie hat es Slam-Poetin Lara Stoll (23), die sich in ihrer aktuellen Lebensphase eine Rückkehr aufs Land überhaupt nicht vorstellen kann, wunderbar formuliert: “Der Thurgau ist ein Kanton fürs Altwerden.”
Nils Hafner | 18.09.2010, 14.56 Uhr
Ich denke auch, 48% sind brilliant und man muss sich drüber freuen. Und es kommt drauf an, wann man misst. Ich fände eine Messung nach 10 Jahren spannend. Denn mit Kind und Katzen ist es wirklich klasse.
Robert Fürer | 21.09.2010, 11.02 Uhr
Ich erkenne da keine Dramatik. Zum einen ist es wünschenswert, dass junge Thurgauer Akademikerinnen und Akademiker zuerst die Welt kennen lernen, bevor sie in die Heimat zurückkehren. Gibt es eine Statistik, wie das zehn Jahre nach Studienabschluss aussieht? Zum anderen haben wir auch eine wichtige Zuwanderung: Was wäre der Thurgau ohne die Autorinnen und Autoren, die Musikerinnen und Musiker, die von auswärts hierher zogen?
Thomas Wunderlin | 21.09.2010, 14.25 Uhr
Seit 1848 haben wir ja in der Schweiz die Personenfreizügigkeit unter den Kantonen, seit kurzem auch mit der EU. Wenn die Thurgauer von der Uni nicht mehr heim finden, werden dafür die offenen Stellen im Thurgau von Absolventen ausserthurgauischer Primarschulen besetzt. Der Schreibende sieht sich hier in der guten Gesellschaft von Leuten wie Peter Spuhler und Roland Eberle.
Lieselotte Schiesser | 22.09.2010, 11.53 Uhr
Stellen wir uns doch mal vor, es gäbe diesen Brain drain nicht. Das würde doch heissen, alle bleiben immer dort, wo sie geboren sind bzw. sie kehren nach Beendigung eines Studiums umgehend dorthin zurück, wo sie herkamen. Die ThurgauerInnen bleiben im TG, die BaslerInnen in Basel, die BünderInnen und GR etc. Und dann bauen wir eine hohe Mauer um jeden Kanton und verlangen Eintritt? Himmel,welche Inzucht. Seien wir doch froh, dass es Austausch zwischen Kantonen und Ländern gibt. Was wäre denn aus der Schweiz geworden, ohne all die schlauen und kreativen Köpfe, die woanders her kamen? Und dem Thurgau tun doch die meisten Zugezogenen auch gut. Dazu kommt: Wie will man denn die Welt verstehen lernen, wenn man immer nur den eigenen Vorgarten beharkt?
Brigitta Hochuli | 22.09.2010, 13.17 Uhr
NACHZUG 1: Zu den Thurgauer journal21-Koryphäen ist Kulturpublizist Alex Bänniger gestossen, ein hervorragender Schreiber, auf dessen Texte ich gespannt bin. Inzwischen ist auch der dritte Beitrag von Ekkehard Faude online. In seiner Rubrik “Bücherborderline” stellt er die für viele existenzielle Frage: “Was rettet sich aus dem Gedruckten?”
NACHZUG 2: Zum mehrheitlichen (52 Prozent) Brain-Drain von Thurgauer Hochschulabsolventen wollen Kommentatoren wissen, wie es zehn Jahre nach Abschluss des Studiums aussehe. Bei den Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BSF) handle es sich um eine Sonderpublikation. Im Jahr 2007 habe das BFS basierend auf den Hochschulabsolventenbefragungen 1998 – 2004 eine empirische Analyse mit dem Titel “Regionale Abwanderung von jungen Hochqualifizierten in der Schweiz” publiziert, sagt Regierungsrätin Monika Knill. “Es ist nicht vorgesehen, neue Zahlen zum Brain-Drain zu erheben und zu publizieren. Gemäss kantonaler Beobachtung gehen wir davon aus, dass sich seit dieser Erhebung nicht allzu viel verändert hat, das heisst, dass wir heute wohl von ungefähr gleichen Rückkehrer-Zahlen ausgehen können.”
Während sich laut Monika Knill die Rekrutierung einheimischer spezialisierter und hochqualifizierter Personen trotz attraktiver Angebote vor allem der Thurgauer Wirtschaft “nicht einfach” gestalte, freuen sich unsere Kommentatoren zurecht über den Zuzug von aussen. Ich spüre da eine gewisse Romantik. Denn andererseits sind die Klagen von Thurgauer Kulturschaffenden über mangelndes Auskommen, fehlenden Kontakt und Austausch sowie Zusammenhalt untereinander oder über weit entfernte theoretische Anreize stetig hörbar, wenn auch nicht nachhaltig offen deklariert.
Liebe Betroffene, eine Plattform für den Austausch steht Ihnen mit thurgaukultur.ch bequem und jederzeit zur Verfügung!
Dieter Langhart | 23.09.2010, 14.07 Uhr
Ich bin
Mutterseitsrumäne,
Kantonalzürcher,
Stadtwinterthurer,
Studiumengländer,
Domizilfrauenfelder.
So what?
Christof Lampart | 23.09.2010, 14.19 Uhr
Ich besuchte
im Aargau
im Baselbiet
im Emmental
in Baselstadt
in London
in New York
in St. Gallen
meine Schulen
und arbeite trotzdem im Thurgau.
Darf ich das überhaupt bei dieser “Vorbildung”?
Lieselotte Schiesser | 24.09.2010, 13.38 Uhr
Also “die gewisse Romantik” seh ich – als ebenfalls Zugewanderte – nicht. Allerdings bin ich auch keine Kulturschaffende… Aber kann mir mal jemand einen Kanton nennen, in dem sich Kulturschaffende nicht über fehlende Infrastuktur, mangelndes Auskommen etc. beklagen? Das soll diese Klagen nicht “vernütigen”, aber es ist doch wohl so, dass auch in allen anderen Kantonen nur ein kleiner Prozentsatz der Kultuschaffenden von dieser Arbeit leben kann. Da dürfte der Thurgau nicht besonders negativ auffallen. Und auch was den fehlenden Kontakt betrifft: der Rest der Deutschschweiz zeichnet aich auch nicht gerade durch besondere Kontaktfreude gegenüber Zugezogenen aus. Klar, sind die Angebote in bevölkerungsreicheren Gegenden zahlreicher, die Auswahl an Kontakten grösser – damit ist noch nicht gesagt, dass man sie wahrnimmt.
Anders sieht die Situation für die Wirtschaft aus: Dass ein hochqualifizierter Chemiker, Physiker etc. den Thurgau nicht grad als erste Wahl einstuft, ist nachvollziehbar. Die Karrierechancen dürften in ZH, BS, GE erheblich besser und die Arbeitsplatzauswahl vielfältiger sein. Dass sich die Wirtschaft dann schwer tut, für die wenigen wirklich hoch qualifizierten Stellen jemanden zu finden, ist klar. Der oder die muss ja auch gleich einkalkuleren, dass ein Arbeitsplatzwechsel auch zwingend einen Umzug nach sich zieht und damit das gesamte soziale Umfeld wechseln muss.
Brigitta Hochuli | 27.09.2010, 14.12 Uhr
Wie sieht’s mit dem Brain-Drain der Kulturschaffenden aus? Der in den Thurgau zurückgekehrte Regisseur Jean Grädel hat in der “Leuchtspur” der Thurgauer Zeitung (27.9.2010) eine Antwort auf die Frage gegeben. Für Theaterschaffende gebe es im Heimatkanton noch wenig ganzjährige Arbeitsmöglichkeiten. Für einzelne Projekte müsse immer wieder neu um Unterstützung ersucht werden – erfolgsabhängig von Goodwill, Geschmack und Sachkenntnis der zuständigen Förderpersonen. Grädels Utopie: Freie Gruppen, die über Jahre in Kernensembles zusammenarbeiten und dadurch soziale Sicherheit erhalten.
A propos Sachkenntnis: Den hiesigen Kulturjournalisten attestiert sie der Theatermann. Und so wie es IHN motiviert, “empatisch” begleitet zu werden, freuen WIR uns über die Wahrnehmung. Versprochen, wir wandern nicht ab und bleiben bei der Stange!
Cathrin Michael | 28.09.2010, 22.11 Uhr
Als Heimatthurgauerin floh ich nach der Matura zu Studienzwecken zuerst quer durch’s Land nach Fribourg und dann gar nach Spanien. Den Thurgau – den ich damals noch als provinziell und langweilig verspottet hatte – erscheint mir heute, Jahre später, als heimelig und Ruhepol. Die Job-Situation ist für viele Akademiker wohl besser in Grossstädten wie Zürich, so war und ist es auf jeden Fall bei mir. Deshalb nutze ich die Wochenenden, um am schönen Bodensee etwas Ruhe zu tanken. In der Schweiz ist das Gute überall so nah. Freuen wir uns doch daran.
Stefan Keller | 01.10.2010, 01.46 Uhr
Mir gefällt das Gedicht von Dieter.

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