Das Superspreader-Instrument

Das Superspreader-Instrument
Musizieren unter Corona-Bedingungen - Querflötistin Natalie Schwaabe des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in der Versuchsanordnung einer neuen Studie. Foto: Bayerischer Rundfunk | © Bayerischer Rundfunk

Selten wurde die Kultur so wissenschaftlich durchmessen wie in Pandemie-Zeiten. Eine neue Untersuchung zeigt nun, welche Instrumente besonders viele der berüchtigten Aerosole verbreiten. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Würde man eine weltweite Umfrage nach den beliebtesten Musikinstrumenten starten, mit ziemlicher Sicherheit könnte man im Voraus sagen, dass die Flöte ziemlich weit hinten landen würde.

Die Flöte, ganz gleich in welcher Variante sie auch daher kommt, hat ein massives Imageproblem. Sie gilt als langweilig, bieder, bestenfalls solide. Die Herzen erobert mit einem solchen Instrument nur, wenn man maximal 5 Jahre alt ist, grosse Kinderkulleraugen hat und sehr quietschende Töne auf dem Gerät produziert.

Eine neue Studie des Universitätsklinikums Erlangen und des LMU Klinikums München verpasst dem Instrument nun einen weiteren Tiefschlag: Die Forscher haben herausgefunden, dass die Flöte so etwas wie das Superspreader-Instrument ist. Bei keinem anderen Musikinstrument fliegen die in Pandemie-Zeiten so berüchtigten Aerosole, so weit durch die Luft. Das hat nach Angaben der Wissenschaftler einen Grund: Bei der Querflöte zum Beispiel, blasen die Musiker über eine Öffnung wie über einen Flaschenhals. Die Atemwolke breite sich besonders weit aus, heisst es in der Studie. Bis zu zwei Meter seien hier gemessen worden.

Die Trompete kann was, was die Flöte nicht kann

Im Vergleich dazu ist die Trompete beinahe ein Aerosol-Schlucker. Hier werde beinahe fast alles zurückgehalten und es könne nur eine sehr gerne Ausbreitung erfolgen, folgert die Studie. Dazu trage unter anderem bei, dass beim Spielen ein Teil der Aerosole auch im Instrument kondensiert und gar nicht über den normalen Luftstrom entweicht, erklärt Stefan Kniesburges, Mitautor der Studie.

Während also Trompeter und andere Blasinstrumentgruppen nach Empfehlung der Wissenschaftler in Orchestern künftig wieder etwas näher zusammenrücken könnten, droht den FlötistInnen weitere Ausgrenzung, sie müssen drei statt der sonst üblichen zwei Meter Abstand zu den vor ihnen spielenden Musiker-KollegInnen halten.

Die Wahrheit: Eine Verschwörung der internationalen KlarinetistInnen!

Wer nicht komplett auf den Kopf gefallen ist, ahnt natürlich längst welches Spiel in Wahrheit hier gespielt wird. Die internationale Verbindung der KlarinetistInnen steckt dahinter. Das ist doch klar. Wacht auf! Mit der sozialen Ausgrenzung der FlötistInnen verfolgen sie nur ein Ziel:

Sie wollen endlich nicht mehr selbst die Lieblings-Spottopfer ihrer Orchester sein!
 

Wie die Wissenschaftler geforscht haben

Ansatz der Studie von LMU Klinikum München und Universitätsklinikum Erlangen war, die akute Ausbreitung und Verteilung von Aerosolen im Raum durch das Spielen von gewissen Blasinstrumenten zu bestimmen. Untersucht haben sie das so: In einem abgedunkelten Raum spielten die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BR) einzeln ihr Instrument. Vorher mussten Sie einmal tief an einem sogenannten E-Dampfer ziehen, einer E-Zigarette, die Flüssigkeit ohne Nikotin enthielt. Mit Hilfe von Hochgeschwindigkeitskameras und Laserlicht konnten die Wissenschaftler dann die Aerosolwolken, die beim Musizieren entstehen, sichtbar machen und ausmessen.

 

Die wesentlichen Erkenntnisse: Die Aersolwolke breitet sich nach vorne deutlich stärker aus als zur Seite. Und: Je nach Instrument breiten sich Aerosole aus der Atemluft ganz unterschiedlich aus. Alle Ergebnisse gelten unter der Voraussetzung, dass der Raum permanent gelüftet wird und damit die Aerosole regelmässig durch Frischluft entfernt werden. Wie weit sich Aerosole unter realen Bühnen- und Probebedingungen entfernen lassen, ist nach Ansicht der Studienleiter jedoch noch nicht im Detail verstanden. Hier seien weitere Studien notwendig.

 

Die Schlussfolgerungen: „Es ist so, dass wir für fast alle Instrumente einen Abstand nach vorne von zwei Metern und zur Seite von eineinhalb Metern als sicher empfinden würden“, schreibt Studienautor Mathias Echternach von der LMU München. Das sei etwas weniger als die derzeitigen Empfehlungen der Berufsgenossenschaft. Nur Flötisten müssten demnach mehr auf Abstand gehen: „Bei der Querflöte schlagen wir vor, dass man 3-Meter nach vorne geht und zwei Meter zur Seite.“

 

Das sagt ein Orchestermanager dazu: „Diese überaus gründliche Studie gibt wichtige Aufschlüsse über sichere Abstände zwischen Musikerinnen und Musikern auf der Bühne. Wir hoffen, dass ihre Erkenntnisse schnell in die Vorgaben von Entscheidungsträgern einfliessen“, sagt Nikolaus Pont, Manager des Symphonieorchesters des BR (BRSO). „Allein die Reduktion der seitlichen Abstände bei den Bläsern würde uns ermöglichen, wieder ein wesentlich grösseres Repertoire zur Aufführung zu bringen.“

 

Das sagt ein Musiker dazu: Christopher Corbett, Solo-Klarinettist beim BRSO, meint: „Für uns Musiker ist es Grundvoraussetzung, dass wir uns untereinander gut hören, um musizieren zu können. Es wäre bereits enorm hilfreich, wenn die Abstände innerhalb einer Stimmgruppe in einer Reihe verkleinert werden könnten. Das musikalische und emotionale Kommunizieren mit den Kollegen wäre damit wieder leichter, und das wird hörbar.“

 

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