von Andrin Uetz, 16.11.2022

«Der Aufwand für ein solches Projekt ist riesig.»

«Der Aufwand für ein solches Projekt ist riesig.»
«Ob hybrid oder normal, ich kommuniziere gerne mit meinem Publikum.» Der Jazzpianist Claude Diallo im Interview über sein Streaming-Projekt JazzDreams. | © Claude Diallo

Lohnen sich Konzert-Streams für Künstler? Der Jazzmusiker Claude Diallo hat während der Pandemie Massstäbe gesetzt für Streaming-Konzerte. Im Interview zieht er jetzt eine gemischte Bilanz seines Projektes JazzDreams. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Wie ist die Idee für den Trägerverein JazzDreams entstanden?

Angefangen hat es eigentlich damit, dass ich 2020 ein Album rausgeben sollte, und mein Label dann fragte, ob das angesichts des Lockdowns überhaupt Sinn ergibt. [Anm. d. Red: Plattenverkäufe sind stark von Liveauftritten abhängig.] Weil wir den Release nicht aufschieben wollten, entschieden wir uns anstatt von Konzerten Live-Streams aus dem Wohnzimmer zu machen. Dabei zeigte sich rasch, dass es eine grosse Herausforderung ist, die Musik in guter Qualität ins Netz zu bringen. So entstand dann die Idee in Zusammenarbeit mit Reto Knaus und Samuel De Cataldo solche hybriden Streaming-Konzerte zu veranstalten.

Bisher fanden vier Konzerte statt an unterschiedlichen Orten, zweimal in der Alten Stuhlfabrik Herisau, einmal in der Tonhalle St. Gallen und einmal im Kult-X Kreuzlingen. Bei allen Konzerten hast Du selbst in begleitender Form auch mitgespielt. Kannst Du uns etwas zum Line-Up dieser Konzerte erzählen?

Ich habe mich gefragt, was sind spannende Musiker:innen, mit denen ich gerne einmal zusammenspielen würde? Es geht ja bei den Streams nicht in erster Linie um mich, sondern um den Austausch mit verschiedenen Künstler:innen. Auch sollte es nicht das gewöhnliche Programm sein, welches ich zum Beispiel mit meinem Trio spielen, sondern mal etwas neues ausprobiert werden. So spiele ich in einer Session auf der Hammond Orgel, was ich schon ewig nicht mehr gemacht hatte. Die Hauptacts sind alles Musiker:innen mit internationaler Ausstrahlung, welche jedoch in der Schweiz wohnhaft sind. Zudem gibt es bei jeder Session eine Vorband, wo wir jungen Talenten eine Plattform bieten wollen.

 

Verkabelte Bühne im Kult-X. Der technische Aufwand für die Streamings ist gross. Bild: Trägerverein JazzDreams

 

„Die Gesellschaft ist nicht wirklich bereit für Content im Netz zu zahlen.“

Claude Diallo, Jazzmusiker

Das Projekt wurde unter anderem auch als Recherche betrieben. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse für Euch?

Einerseits die etwas ernüchternde Bilanz, dass die Gesellschaft nicht wirklich bereit ist für Content im Netz zu zahlen. Da hätten wir uns etwas mehr erhofft. Die Streams sind zwar öffentlich zugänglich, doch das Publikum wurde animiert mittels Twint oder Paypal etwas zu spenden. Andererseits konnten wir mit den Streams ein geografisch viel weiter gefächertes Publikum ansprechen. Wenn man Werbebudget auf Google, YouTube, Instagram und Facebook clever einsetzt, kann man sehr viele Leute erreichen. Auch konnten die Besucher:innen mit der Chat-Funktion quasi live dabei sein, egal ob sie sich gerade in LA oder sonstwo befinden. Und last but not least: Der organisatorische Aufwand für ein solches Projekt ist riesig. Ich kam da echt an meine Grenzen.

Du hast es angesprochen, ihr habt eine ziemlich ausgefeilte Online-Kampagne gefahren und dafür mit der indonesischen Jazzplattform WartaJazz zusammengearbeitet. Mit einem Gesamtbudget von 7500.– CHF wurde eine Marktanalyse durchgeführt sowie bezahlte Werbungen geschaltet. Hat sich dieser Aufwand gelohnt?

Definitiv! Ich war beeindruckt vom Team von Agus Setiawan Basuni, einem Experten des Jazz auf internationaler Ebene. Durch ihn hat das Projekt eine Professionalität erreicht, die wir uns im Voraus nicht hätten vorstellen können. Es lohnt sich sehr als Kulturorganisation oder Künstler:in Geld in diesem Bereich zu investieren. Wenn es richtig gemacht wird, kann es schnell eine sehr hohe Reichweite erzielen. Unser erster Trailer hat zum Beispiel über 80’000 Views erreicht. Das hat uns sehr beeindruckt. Auch konnte man aus diesen Analysen zum Beispiel erkennen, dass die meisten Menschen die unser Projekt online mitverfolgt haben aus Indien gekommen sind. Spannend, nicht? Man kann durch solche Tools definitiv eine Nachhaltigkeit für einen Youtube-Kanal aufbauen. Wir sind ein bisschen stolz darauf, dass wir es geschafft haben Herbie Hancock und seine Organisation International Jazz Day auf unsere Streamings aufmerksam zu machen. Ein Stream wurde durch dieses Netzwerk sogar ziemlich gut beworben.

Erreichte mehr als 80'000 Views: Der Trailer zur Streaming-Reihe

 

„Wenn man Werbebudget auf Google, YouTube, Instagram und Facebook clever einsetzt, kann man sehr viele Leute erreichen.“

Claude Diallo, Jazzmusiker

Was waren die grössten Schwierigkeiten? Du hast angesprochen, dass der Aufwand viel grösser war als erwartet.

Die grösste Schwierigkeit war die Projektleitung und alles unter einen Hut zu kriegen. Sollten wir als Trägerverein JazzDreams so ein Projekt in Zukunft wiederholen, müsste die Projektleitung extern vergeben werden. Man läuft das Risiko, dass die künstlerische Seite vom Projekt verloren geht, wenn der Fokus nur noch in der Organisation steckt. Zudem kostet alles in der Schweiz schnell sehr viel Geld wenn man es professionell machen will. Auch hier mussten wir massiv mehr investieren als ursprünglich budgetiert.

Wie ist die Erfahrung dieser hybriden Konzerte für Dich persönlich? Du bist ja gleichzeitig als Musiker auf der Bühne, und führst zudem das Publikum im Saal sowie vor den Rechnern durch das Programm. Das scheint eine ziemliche Tour de Force zu sein?

[Lacht] Nein, das macht mir eigentlich mega Spass! Mit Samuel und Reto hatte ich ein unglaubliches Team. Christian Crego, einer der besten Lichttechniker der Schweiz war ja auch noch dabei. Mit solch einem Support fällt es einem auf der Bühne leicht sein Ding zu tun. Ob ich jetzt in eine Kamera auf Englisch rede, oder in einen Saal voll Leute auf Deutsch, kommt eigentlich nicht darauf an. Wenn es Spass macht, dann passiert vieles aus dem Ärmel und geht locker. Natürlich verschwatzt man sich dann auch mal hier und da, aber das gibt der ganzen Sache auch einen gewissen Charme. Wir haben bei diesen hybriden Live-Streams den Fokus auf die Zuschauer im Internet gesetzt. Ich habe also nur am Anfang und in der Pause mit dem Publikum vor Ort auf Deutsch kommuniziert. Während den Streams hört man mich nur Englisch reden. Da ich 14 Jahre in Amerika gelebt habe, ist Englisch beinahe meine Muttersprache. Das fällt mir leicht. Ob hybrid oder normal, ich kommuniziere gerne mit meinem Publikum.

 

 

„Einfach Gratisinhalte ins Internet stellen ist längerfristig keine gute Lösung, auch wenn man damit weltweit neue Publikumssegmente erreichen kann.“

Claude Diallo, Jazzmusiker

Wird es eine Fortsetzung des Projekts geben? Wie geht es weiter mit dem Trägerverein JazzDreams?

Das ist eine gute Frage. Wir möchten als Trägerverein JazzDreams gerne auch 2023 aktiv bleiben. Hybride Live-Streams in dieser Form sind ohne grosse finanzielle Unterstützung eher schwierig, aber durchaus möglich. Es gibt verschiedene Plattformen die uns kontaktiert haben, welche mit uns gerne zusammenarbeiten würden. Solche Kollaborationen zum Beispiel mit YourStage Live wären für uns wünschenswert, damit Leute auch für die Inhalte bezahlen. Einfach Gratisinhalte ins Internet stellen ist längerfristig keine gute Lösung, auch wenn man damit weltweit neue Publikumssegmente erreichen kann.

 

„Hybride Live-Streams in dieser Form sind ohne grosse finanzielle Unterstützung eher schwierig, aber durchaus möglich.“

Claude Diallo, Musiker

 

 

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