Der grosse Millionen-Check

Der grosse Millionen-Check
Was wurde aus den Millionen, die aus dem Lotteriefonds in die Kultur flossen? Dieser Frage geht unsere grosse Datenanalyse nach. Das Foto zeigt Schweizer Banknoten im UV-Licht. | © Canva

Mehr als 100 Millionen Franken hat der Kanton seit 2013 über den Lotteriefonds in Kultur investiert. Wohin ist das Geld geflossen? Und wer profitiert besonders davon? Eine Datenanalyse.

Die wesentliche Erkenntnis aus unserer Analyse ist wohl die: Ohne Lotteriefonds wäre das Kulturleben im Kanton ziemlich tot. Mehr als 100 Millionen Franken sind seit 2013 (so weit reichen die öffentlich zugänglichen Zahlen des Kulturamts zurück) in den Kulturbereich geflossen. Fast alle beliebten Kultureinrichtungen und Veranstaltungen, die es heute im Thurgau gibt, wären ohne die Mittel aus dem Lotteriefonds undenkbar. Auch diesen Text gäbe es so nicht, weil es thurgaukultur.ch nicht gäbe. Wir finanzieren uns im Wesentlichen aus Mitteln des Lotteriefonds (240’000 Franken pro Jahr).

Gerade weil diese Gelder so wichtig sind, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Verteilung der Mittel. Wer bekommt wie viel? Welche Sparten profitieren besonders? Und welche Schlüsse kann man daraus für die zukünftige Kulturförderung im Kanton ziehen? Das waren die Kernfragen unserer Datenanalyse (mehr zur Grundlage der Auswertung siehe Kasten am Ende des Textes).

Theater und «Geschichte/Archäologie» profitieren besonders

Die kurze Antwort auf die ersten beiden Fragen lautet: In den letzten fast acht Jahren haben vor allem die Sparten „Geschichte/Archäologie“ (2,1 Millionen) und „Theater/Kabarett/Kleinkunst" (1,8 Millionen) vom Lotteriefonds profitiert. Das meiste Geld, rund 8,9 Millionen, flossen in den etwas unklaren Begriff «Kultur allgemein». Laut Kulturamtsleiterin Martha Monstein sind damit Infrastrukturprojekte gemeint, aber auch alles, was keiner anderen Kategorie zugeordnet werden konnte.

Bei den Einrichtungen liegen das Theater Bilitz (1,2 Millionen für die Jahre 2019-2022) und das See-Burgtheater Kreuzlingen (800’000 Franken) vorne. Und ebenfalls interessant: Drei der sechs grössten Einzelentnahmen (Summen zwischen 1,5 Millionen und 500’000 Franken) aus dem Lotteriefonds hat sich der Kanton selbst zugesprochen. Wir kommen später noch mal darauf zurück.

Zum Verständnis der Daten müssen wir aber vorher noch einen Blick auf die komplizierte Förderstruktur des Kantons werfen. Es gibt verschiedene Förderinstrumente, die in der Auflistung der geförderten Projekte teilweise unterschiedlich kategorisieren. Das macht eine Auswertung aufwändiger.

Wohl auch deshalb hatte der SRF in seiner grossen Datenanalyse zum Lotteriefonds im Januar 2020 den Thurgau nicht berücksichtigt. Aufgrund der Qualität der Daten sei keine Datenverarbeitung möglich, erklärte der SRF damals.

Komplexe Förderstruktur im Kanton kann verwirren

Im Wesentlichen gibt es vor allem zwei Instrumente: Gesuche, die laufend beim Kulturamt Thurgau eingehen und dann unterjährig begutachtet werden. Und Leistungsvereinbarungen mit bestimmten Einrichtungen, die über vier Jahre geschlossen werden. Der Unterschied: Gesuche kann im Prinzip jeder jederzeit stellen, Leistungsvereinbarungen schliesst der Kanton erst, wenn sich eine Kulturinitiative über mehrere Jahre bewährt hat.

Ebenfalls aus dem Lotteriefonds werden übrigens die Kulturstiftung des Kantons Thurgau (1,1 Millionen Franken pro Jahr) und die Denkmalpflege (2,5 Millionen Franken pro Jahr) finanziert. Diese spielen in unserer Analyse aber keine Rolle. Details dazu gibt es aber im aktuellen Kulturkonzept des Kantons.

Weil beide Förderinstrumente, also unterjährige Gesuche und vierjährige Leistungsvereinbarungen, schwer zusammenzufassen sind, haben wir uns für eine separate Betrachtung entschieden. Schauen wir zunächst auf die jährlichen Gesuche. Alle Jahreslisten sind öffentlich zugänglich und über die Internetseite des Kulturamts einsehbar.

Klassische Musik wird stärker gefördert als Jazz, Pop und Rock

Seit 2013 wurden über diesen Weg rund 20,8 Millionen Franken in die Kultur investiert. Unterstützt wurden so ganz verschiedene Projekte - von der Organisation der OLMA 2017 mit 1,5 Millionen Franken bis zu Schulklassen- oder Kindergartenbesuchen von Theater oder Museen für 40 Franken. Der grösste Anteil der Summe floss in die Kategorie „Kultur allgemein“. Laut Kulturamtsleiterin Martha Monstein sind damit Infrastrukturprojekte gemeint, aber auch alles, was keiner anderen Kategorie zugeordnet werden konnte. 8,9 Millionen Franken, oder 43,9 Prozent der Gesamtausgaben, wurden hier investiert. Dazu zählten zum Beispiel die Publikationsreihe zum Thurgau im späten Mittelalter (500’000 Franken) ebenso wie die Ausrüstung des Kreuzlinger Planetariums mit einer Fulldome-Technologie (400’000 Franken).

Betrachtet man die Ausgaben nach Sparten, dann liegen „Geschichte/Archäologie“ (2,1 Millionen) und „Theater/Kabarett/Kleinkunst“ (1,8 Millionen) vorne. Klassische Musik wird demnach auch stärker gefördert (1,4 Millionen) als die Sparte „Jazz, Rock, Pop, Hip Hop, Weltmusik“ (837’000 Franken. Das kann aber auch daran liegen, dass es schlicht mehr Gesuche im Bereich klassischer Musik als im jenen der Populärmusik gibt. Oder Akteure klassischer Musik mit den kantonalen Förderinstrumenten besser vertraut sind.

Die geringste Förderung geht in den Tanz: 98’000 Franken seit 2013 machen deutlich, dass der Thurgau keine Tanzhochburg ist. Aber auch hier dürfte die Anzahl der Gesuche eine Rolle spielen - die Tanzszene im Kanton ist sehr übersichtlich.

Bekommen immer dieselben KünstlerInnen Gelder?

In der Analyse des SRF aus dem Januar ging es auch um die Frage, ob immer dieselben Kulturschaffenden Gelder bekommen. Für den Thurgau muss man diese Frage zweigeteilt beantworten: Für die Leistungsvereinbarungen gilt: eher ja. Wer es einmal hierher geschafft hat, verliert den Status so schnell nicht wieder ohne guten Grund. Neue Initiativen müssen sich erst beweisen. Aber das liegt in der Natur dieses Förderinstruments - es ist auf langfristige und nachhaltige Unterstützung angelegt.

Zwar gibt es auch bei den unterjährigen Gesuchen Namen, die über die Jahre immer wieder auftauchen, aber nie in einem Masse, das unangemessen erschiene. Zudem kommen gleichzeitig auch immer wieder neue Initiativen hinzu, die unterstützt werden. Beide Instrumente sorgen so zusammen für eine gewisse Balance und Gerechtigkeit in der Kulturförderung.

Interessant ist noch eine Analyse nach Jahr und Sparte. Also, wie hat sich die Förderung einzelner Sparten über die Jahre verändert. Grössere Sprünge gab es vor allem bei „Geschichte/Archäologie“ von 2014 nach 2015 und im Bereich „Theater/Kabarett“ von 2018 bis 2019. Dieser Anstieg lag aber an mehr oder teureren Einzelprojekten (das Forschungsprojekt zur Psychopharmakaforschung von Prof. Dr. Roland Kuhn kostete beispielsweise 750’000 Franken) als einer strategischen Entscheidung, diese Sparten, mehr zu fördern.

Der Lotteriefonds als „Selbstbedienungsladen“ der Kantone?

In den vergangenen Jahren war der Lotteriefonds auch gelegentlich als „Selbstbedienungsladen der Kantone“ in Verruf geraten, weil die Kantone selbst Gelder beantragen können. Dass auch der Kanton Thurgau gerne in diese Tasche greift, bestätigt die Analyse: Drei der sechs grössten Einzelentnahmen aus dem Lotteriefonds seit 2013 gingen auf das Konto des Kantons. Finanziert wurde damit zum Beispiel die Projektorganisation der OLMA 2017 (1,5 Millionen Franken), das Forschungsprojekt zur Psychopharmakaforschung von Prof. Dr. Roland Kuhn am Spital Münsterlingen (750’000 Franken) und eine Publikationsreihe zum Thurgau im späten Mittelalter (500’000 Franken).

Ist das verwerflich? Bemerkenswert ist zumindest, dass sich der Kanton (die Entscheidungshoheit liegt bei Summen bis 3 Millionen Franken beim Regierungsrat) die jeweils höchsten Summen gestattet und bei anderen Projekten Dritter manchmal doch recht knauserig ist. Verwerflich ist es in den konkreten Fällen aber eher nicht, die Relevanz der geförderten Projekte war gegeben. Es geht ja auch immer darum, was mit dem Geld gemacht wurde. Die benannten Vorhaben waren unter den Förderbedingungen des Lotteriefonds wohl zu rechtfertigen.

Theater Bilitz erhält das meiste Geld

Zieht man die Daten aus den mehrjährigen Leistungsvereinbarungen hinzu, zeigt sich, dass der Kanton ein Schwerpunkt im Bereich Theater hat. Die grösste Summe aus diesen Leistungsvereinbarungen (2,9 Millionen Franken) fliesst in diese Sparte. Mit dem Theater Bilitz (1,2 Millionen Franken über vier Jahre) und dem See-Burgtheater Kreuzlingen (800’000 Franken über vier Jahre) stammen auch die grössten Zuschuss-Empfänger aus dem Bereich.

Eine Rolle spielt hier noch eine weitere Spezialität Thurgauer Kulturförderung: Die regionalen Kulturpools. 1,7 Millionen Franken fliessen von 2019 bis 2022 hierher. Damit sollen vor allem lokale und regionale Projekte unterstützt werden. In Regionen, in denen solche Kulturpools existieren unterstützt der Kanton Projekte nicht mehr direkt, sondern über Beiträge an die Kulturpools. Der Kanton beteiligt sich am jeweiligen Kulturpool in gleicher Höhe wie die Mitgliedsgemeinden und verdoppelt deren Beiträge mit Mitteln aus dem Lotteriefonds.

Bilanz: Ohne Lotteriefonds kaum Kulturleben im Thurgau

Was heisst das jetzt alles?

Theater Bilitz in Weinfelden, Kunstraum in Kreuzlingen, die Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen, die Kunsthalle in Arbon - wenn man sieht, was alles, über den Lotteriefonds finanziert wird, kann man sich schnell vorstellen wie zappenduster es kulturell im Kanton wäre, gäbe es diesen Millionenschatz nicht. Was wir aus der Analyse sonst lernen?

Die Förderpolitik der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass der Kanton einen Profil-Schwerpunkt in den Bereichen „Theater“ und „Geschichte/Archäologie" ausgebildet hat. Tanz und Populärmusik könnten hingegen weitere Unterstützung vertragen. Ein Teil davon übernimmt bereits die Kulturstiftung des Kantons, wenn auch nach dem Aus für das Festival «tanz:now» noch nicht ganz klar ist, wie es hier weitergeht. Die Mittelvergabe der Kulturstiftung war aber explizit nicht Thema dieser Analyse, weil es den ohnehin schon grosse Rahmen dieser Untersuchung gesprengt hätte und die Daten der Kulturstiftung zudem nur teilweise öffentlich zugänglich sind. Wir werden uns das aber in einem separten Bericht genauer anschauen.

Auch das Kulturamt beginnt damit, den Tendenzen entgegen zu wirken: Zum Beispiel mit Projekten wie KosmosMusik, die explizit die Musikszene im Kanton fördern sollen. Aus den Daten lässt sich keine einseitige Bevorzugung bestimmter Einrichtungen herauslesen, die nicht aus dem Fördersystem begründet wären. Die Durchlässigkeit für neue Initiativen bei den jährlichen Gesuchen einerseits und ein gewisser Bestandsschutz für bewährte Projekte durch die Leistungsvereinbarungen andererseits ergänzen sich in diesem Punkt gut.

Die Intransparenz im System

Was sich aber auch zeigt: Die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Daten sorgt für eine gewisse Intransparenz. Zwar sind alle Daten öffentlich zugänglich, aber bisweilen so sehr verteilt, und so unterschiedlich kategorisiert, dass man nur mit einigen Mühen ein Gesamtbild erhält.

Mehr Transparenz hier würden es Kulturpolitik erleichtern, strategische Entscheidungen zu treffen und ein Kulturkonzept wirklich umzusetzen. Auch gegenüber Kulturschaffenden wäre mehr Transparenz in Bezug auf Förder-Entscheidungen hilfreich. Nur wer weiss, weshalb er oder sie abgelehnt wurde, kann an diesen Punkten arbeiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Unser Fazit: Manches läuft bereits gut, aber: Es wäre mehr möglich. Mit etwas mehr Koordination, mehr gezielter Strategie liesse sich das Kulturleben noch stärker beleben. Daraus ergeben sich womöglich auch klarere Ideen, was man mit den seit 2013 angehäuften 44 Millionen Franken im Lotteriefonds anfangen könnte.

 

Die Grundlage der Datenanalyse

Die erste Idee zu einer solchen Analyse hatten wir schon vor einigen Monaten. Die SRF-Datenanalyse hat uns bestätigt, dass ein tieferer Blick in die Zahlen des Lotteriefonds interessant sein könnte. Für unsere Daten-Untersuchung haben wir nur öffentlich zugängliche Zahlen verwendet. Sie sind entweder im Kulturkonzept des Kantons oder auf der Internetseite des Kulturamts Thurgau nachzulesen. Die Analyse zog sich schliesslich auch deshalb in die Länge, weil nicht alle Daten vergleichbar waren aufgrund unterschiedlicher Kategorisierungen.

 

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