von Michael Lünstroth, 04.12.2018

Der lange Schatten des Vaters

Der lange Schatten des Vaters
«Ich sage, was ich zu sagen habe.»: Sandra Kreisler im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Am 8. Dezember gibt sie ein Konzert in Konstanz - und singt dann auch einige Lieder ihres Vaters Georg Kreisler. | © Simone Hofmann

Kinder von berühmten Eltern haben es oft nicht leicht: Ständig wird man verglichen, selten wird man als eigenständige Person anerkannt. Sandra Kreisler weiss sehr gut, wie sich das anfühlt. Seit ein paar Monaten lebt die Tochter des legendären Liedermachers Georg Kreisler in Kreuzlingen. Vor ihrem Konzert in Konstanz am 8. Dezember haben wir mit ihr gesprochen.

Manchmal, sagt Sandra Kreisler, kann sie auch die Provinz noch überraschen. Zum Beispiel einmal, als sie wochenlang ihr Velo unabgeschlossen vor der Tür stehen hatte. „In Berlin wäre das Rad sofort geklaut worden, hier in Kreuzlingen hatte ich irgendwann einen Zettel am Rad mit dem Satz: ‚Wenn Sie Ihr Rad nicht mehr mögen, ich nähme es gerne‘.“ Kreisler lächelt, wenn sie das erzählt, diese Freundlichkeit berühre sie sehr, sagt sie noch. Seit ein paar Monaten lebt die Schauspielerin, Sprecherin und Sängerin auch in Kreuzlingen. Davor war sie in Berlin und Wien Zuhause. Jetzt sei sie aber die lange Anreisen zu ihren Konzerten im Süden Deutschlands und der Schweiz leid gewesen. „Ausserdem ist mein Mann Schweizer und wir wollen jetzt verstärkt hier auftreten“, erklärt die 57-Jährige.

Wer Kreisler hört, denkt sofort an den grossen Liedermacher Georg Kreisler (1922-2011). Denkt an  Chansons wie „Tauben vergiften“ oder „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Sandra Kreisler ist die Tochter dieses Meisters des schwarzen Humors. Was sie nicht leiden kann: Wenn man sie nur als Tochter von Georg Kreisler sieht: „Alles, was ich heute bin, was ich heute kann, habe ich mir komplett selbst erarbeitet. Manchmal wünschte ich die Leute könnten das stärker trennen - meine Familienherkunft und das, was ich heute mache“, sagt sie im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Aber sie weiss natürlich, dass ihr der Name auch viele Türen geöffnet hat. „Das schon, die Türen gingen vielleicht leichter auf, aber das Durchgehen wurde mir sehr schwer gemacht.“

Video: Mit diesem Programm kommt sie jetzt nach Konstanz 

Die Neigung zur Kunst war ihr in die Wiege gelegt

Geboren wurde Sandra Kreisler am 9. November 1961 in München. Sie entstammt Georg Kreislers dritter Ehe - mit Topsy Küppers. Dass sie mal im Kunstbetrieb landen würde, war ihr quasi in die Wiege gelegt: „Ich bin aufgewachsen mit Literatur, Theater, Chansons, da lag der Weg wohl nahe“, blickt Kreisler zurück. Ihre Eltern trennten sich, da war sie gerade 14 Jahre alt. Von da an habe sie ihr Leben selbst in die Hand genommen, sagt Kreisler. Sie absolviert ihre Schulausbildung an den Amerikanischen Schulen in Wien und Berlin (Kreisler ist US-amerikanische Staatsbürgerin) und nimmt danach privaten Gesangs-, Schauspiel- und Rhetorikunterricht. Ab 1982 arbeitet sie fürs Radio, ihr Bühnendebüt gibt sie 1984, Filmdebüt 1987 und als Solo-Chansonnier steht sie seit 1994 auf der Bühne. Sie moderierte, drehte Filme und TV-Serien und spielte an Theatern wie dem Wiener Theater in der Josefstadt. 

1994 folgt der Bruch mit dem klassischen Worttheater. Kreisler fühlt sich dort zu eingeschränkt, zu abhängig von den Launen und Leistungen anderer. Sie entschliesst sich fortan nur noch als Sängerin aufzutreten. Das Theater sei ihr damals zu erwartbar, zu viel Handwerk geworden, die Magie habe gefehlt, erklärt sie. Die habe sie vielmehr in den Chansons und Liedern gefunden: „Das gesungene Wort ist das wofür ich brenne. Das kann ich zehn Stunden am Stück machen und werde nie müde.“ Lange habe sie sich nicht daran getraut. Eben wegen des grossen Namens, den sie mit sich trägt. „Ich dachte, ich kann das nicht adäquat auf die Bühne bringen.“ Als sie es dann doch wagt, merkt sie, dass es genau das Richtige für sie ist. Das wird auch von aussen anerkannt: 2006 erhält sie den Lale-Andersen-Preis und den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. 

«Als er sich von meiner Mutter trennte, legte er auch mich ab.»

Sandra Kreisler über die Beziehung zu ihrem Vater Georg Kreisler

 

Das ist für Sandra Kreisler auch so etwas wie der befreiende Schritt, raus aus dem langen Schatten ihres Vaters. Der Weg dahin war für die heute 57-Jährige nicht immer leicht: „In der Rückschau habe ich von dem harten Weg profitiert, aber nochmal alles durchmachen? Da müsste ich schon nachdenken.“ Lange ist sie zwiegespalten, wie sie mit dem Namen und dem Erbe ihres Vaters umgehen soll. Sie überlegt, den Namen ändern zu lassen, lässt es dann aber doch, weil „ich ja auch stolz auf den Namen bin“, wie sie sagt. Trotzdem nervt es sie, dass die Leute immer mit festen Vorstellungen zu ihren Auftritten kommen. Entweder sagen sie: „Ah, interessant, die Tochter von Georg Kreisler, das muss ja gut werden“ oder: „Ah, die Tochter von Georg Kreisler, das kann ja gar nicht so gut werden wie beim Vater“. Deswegen etwas ganz anderes zu machen, kam ihr aber auch nicht in den Sinn. Sie wusste ja, wo ihre Talente liegen.

Lieder ihres Vaters hat sie trotzdem lange in ihren Programmen gemieden. „Mir fiel es schwer, zwischen dem Vater und dem Künstler zu trennen. Es hat lange gedauert bis ich das wirklich konnte“, erzählt Sandra Kreisler offen. Georg Kreisler war offenbar nicht die Art Vater, den man sich als Kind wünscht: „So lange er da war, war er sehr paternalistisch, als er ging, blieb er nur noch eine Chimäre. Mein Vater war der Typ Mann, der mit den Frauen auch seine Vergangenheit ablegte. Als er sich von meiner Mutter trennte, legte er auch mich ab“, erinnert sich Sandra Kreisler. Sie klingt darüber nicht mehr verbittert, sie hat gelernt zu akzeptieren, dass es war, wie es eben war.

Sie ist lieber angriffig als streichelweich

Künstlerisch folgt sie inzwischen den Spuren ihres Vaters. In ihren verschiedenen Programmen singt sie jetzt auch Georg-Kreisler-Lieder. So auch in dem Programm mit dem sie jetzt nach Überlingen, Konstanz und Gailingen kommt. „Schum davar - Jüdische Lieder und Chansons“ heisst es und in den Ankündigungstexten der Konzerte wird „Galgenhumor“ versprochen. Sandra Kreisler singt und spricht über Vergangenes, aber auch über „das heutige Judentum, den deutschen ‚Ethnotouristen‘, der so gern Klezmerkonzerte besucht und im selben Atemzug den Konflikt mit den Palästinensern allein Israel anlastet“, wie es in einem Pressetext zum Programm heisst. Man ahnt: Leichte Kost wird das nicht. 

Kreisler selbst sagt dazu, es werde nicht „streichelweich, sondern eher angriffig, vor allem im zweiten Teil“. Sie wolle eben nicht nur hübsche Lieder singen, sondern auch etwas vermitteln. In München habe das dazu geführt, dass einige Zuschauer empört die Vorstellung verlassen hätten. Kreisler nimmt das in Kauf. Denn: Eine klare Haltung einzunehmen und diese auch zu zeigen, ist ihr wichtig. Ob das ein Erbe ihrer Familie sei? Sandra Kreisler überlegt kurz, dann sagt sie: „Das ist schwer zu beantworten, weil ich ja nicht weiss, wie ich wäre, wenn ich nicht das Kind meiner Eltern wäre. Aber was sicher stimmt, ist: Ich bin wohl eher nicht das Kind von Diplomaten. Ich sage, was ich zu sagen habe.“

Termine: Sandra Kreisler tritt mit ihrem Programm „Schum davar“ in Überlingen (7. Dezember, 19 Uhr, Augustinum), Konstanz (8. Dezember, 20 Uhr, Wolkensteinsaal) und Gallingen (9. Dezember, 17 Uhr Kliniken Schmieder) auf. Begleitet wird Kreisler an allen drei Abenden von Gennadij Desatnik, Geige, Bratsche und Gitarre sowie Valeriy Khoryshman, Akkordeon. Der Eintritt zum Konzert in Konstanz ist frei. Spenden sind willkommen.

Video: Kreisler singt Kreisler

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