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von Maria Schorpp, 13.08.2025

Der Matratzen-Test einmal anders

Der Matratzen-Test einmal anders
Mit Kraftprotzerei können sie nichts anfangen: Mischa Löwenberg als Guschti und Jeanine Amacher als Julia. | © Reto Martin

Wenn aus einer Seite Märchen eine Stunde Theater wird: Die Kindertheater-Inszenierung „Die Prinzessin auf der Erbse“ bei den Hagenwiler Schlossfestspielen nutzt die Kürze des Andersen-Textes für einen erfrischend neuen Anstrich. Und macht Anleihen bei Büchner. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Die Zeit, als man selbst abends im Bett Märchen gelesen hat, liegt ja schon einiges zurück. Vielleicht  ein Fehler. Jedenfalls ist man ganz erstaunt, dass die „Prinzessin auf der Erbse“ nur knapp eine Seite lang ist. Bei all der Sprichwörtlichkeit, die das Kunstmärchen erlangt hat, seit es Hans Christian Andersen 1837 veröffentlichte.

Da bleibt noch einiges zu tun, soll es als Stück auf die Bühne kommen, das auch für Kinder plus-minus eine Stunde lang sein sollte. Regisseur Florian Rexer und seinem Theater-Team ist das in der Kindertheater-Vorstellung der diesjährigen Schlossfestspiele in Hagenwil formidabel gelungen, nicht einfach nur, indem kindgerechter Inhalt aufgefüllt, sondern der Beweis geführt wird, dass ein wahres Märchen zeitlos ist.

Prinzessin Julia denkt demokratisch

Zumindest, was den Rahmen betrifft. Prinzessin Julia ist in Hagenwil demokratisch inspiriert, aristokratische Allüren lehnt sie ab. Das klingt sehr modern, und das ist es auch. Trotzdem gibt es noch genug Märchenpotential, um das Publikum jeglichen Alters tatsächlich zu verzaubern. Aber von Anfang an. Man befindet sich am Hof von König August der Zweite und dessen Sohn Guschti. Letzterer will auch lieber Nägel in Bretter hauen als daherzustolzieren oder im Gefecht zu protzen. Nur sind die Umstände eben andere. Guschdi muss dringend bis zum seinem 21. Lebensjahr eine Prinzessin ehelichen, sonst ist es aus mit seiner Zukunft als August der Dritte.

Nicht das wäre das Problem, sondern die Alternative. Wenn er nicht liefert, übernimmt seine Tante Hulda den Thron, so steht es geschrieben. Und die hat es in sich. Die Hagenwiler Inszenierung denkt um die Ecke. Tante Hulda will äusserlich alles modernisieren, ist in ihrer Denke aber erzkonservativ. Sie will auch keine Königin für die Yellow Press sein, sondern herrschen und beherrschen, wie eben eine Königin alten Schlags. Anja Brühlmann spielt dieses Teufelsweib mit der gewaltigen Stimme so grossartig, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommen kann, wie sehr man sich auf den Auftritt dieser dunklen Gestalt freut.

 

Hulda die Schreckliche: (v.l.)  Jeanine Amacher,  Anja Brühlmann und Mischa Löwenberg. Bild: Reto Martin

Guschti macht den ganzen Tag Quatsch

Kostümbildnerin Barbara Bernhardt hat ihr einen schwarz glitzernden Böse-Königin-Mantel umgehängt und hebt sie damit ab von den Bewohner:innen dieses freundlichen Märchenschlosses in ihren schönen Märchenkostümen. Man muss aber auch sagen, dass Guschti noch nicht so recht erwachsen ist. Statt zu lernen, wie es sein König-Vater will und was angesichts seiner künftigen Rolle auch angebracht wäre, macht er lieber Quatsch. Lässt das Publikum Wind, Regen, Blitz und Donner nachmachen, um den „Paps“ am Telefon hinters Licht zu führen und spielt mit Lutz, dem Hundetier, das es auch dieses Jahr wieder in die Inszenierung geschafft hat.

Mischa Löwenberg, der erst am vergangenen Mittwoch nach der Premiere von „Die 39 Stufen“ mit der alljährlich verliehenen Goldenen Glocke für seine Verdienste um das Kindertheater Hagenwil ausgezeichnet wurde, spielt König und Königssohn, was gar nicht gleich zu erkennen ist, da Maskenbildnerin Tatjana Mahr ganze Arbeit geleistet hat und Löwenberg diesen etwas vertrottelten, aber nicht dummen August den Zweiten auf den Punkt trifft. Als Guschti ist er der Darsteller, den nicht nur die Kids lieben in seinen naiven Rollen, die zeigen, dass Herz am Ende den bösen Buben, oder hier: die fiese Hulda schlagen kann.

 

Hulda besteht auf den Matratzentest, der König findet ihn veraltet, und Prinzessin Julia tut das Kreuz weh: (v.l.) Mischa Löwenbrg, Anja Brühlmann und Jeanine Amacher. Bild: Reto Martin

Grossartig, diese Hulda-Auftritte

Da passt es dann, dass Prinzessin Julia von Jeanine Amacher ein bisschen was Aufmüpfiges bekommt, das nicht nur das Klischee einer Prinzessin in Frage stellt, sondern sich insgesamt nicht so schnell von männlichem Gebaren beeindrucken lässt. Köstlich, wie sie als Zeichen maskuliner Kraftmeierei ihren Bizeps küsst. Auf jeden Fall wollen beide raus aus dieser Ecke, was im Fall von Guschti direkt nachvollziehbar ist. Wieder ein echter Hulda-Auftritt, wie die Tante die Prinzessinnen präsentiert, damit es Guschti vergeht, eine von ihnen zu heiraten – und sie am Ziel ihrer Machtträume ist.

Die Wendung, dass die beiden Königskinder nun unabhängig voneinander ihr Schloss verlassen und sich dann zufällig im Wald treffen, hat Rexer und Co. vielleicht ein bisschen Büchners „Leonce und Lena“ abgeschaut, aber gute Geschichten dürfen mehrmals erzählt werden. So kommt es denn auch, dass Prinzessin Julia am Ende von Hulda dem Matratzen-Test unterzogen wird. Nicht zwanzig, aber sieben Matratzen werden auf die Bühne geschoben, die von Peter Affentranger mit den Hintergrundmotiven wieder diesen verträumten märchenhaften Anstrich bekommt.

Pfiffiger Dreh mit der Erbse

Ja, der Matratzen-Test. Dass König August ihn für veraltet hält, spricht für seinen Durchblick. Modern ist, wer erkannt hat, dass die Welt sich ändert, und nicht, wer einen Schönheitssalon im Schloss einrichten will. Wie wer wohl. Dabei war immer schon komisch, dass eine Erbse durch diesen Federkernberg erspührt werden soll. Prinzessin hin oder her. In Hagenwil hat man dazu einen originellen und witzigen Dreh gefunden, der einem solch pfiffigen Paar wie Guschti und Julia und überhaupt einer solch findigen Inszenierung mit grossem Spassfaktor angemessen ist.

Kleine Anmerkung: Hulda muss am Ende zur Strafe für ihre Intrigen das Schloss putzen. Stimmt schon, Putzen ist eine Strafe. Recht geschieht ihr. Man könnt aber auch auf die Idee kommen, dass die Frau für ihre Ambitionen wieder ins Haus zurückgeschickt werden soll. Und das wäre dann ein kleiner Abstrich an der sonst so modern daherkommenden Inszenierung.

Weitere Termine & Tickets

 

Zofe Juna präsentiert die schrecklichen Prinzessinnen, die Hulda ausgesucht hat, um Prinz Guschti abzuschrecken: (v.l.) Jeanine Amacher in ihrer zweiten Rolle, Mischa Löwenberg und Anja Brühlmann. Bild: Reto Martin

 

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