von Maria Schorpp, 07.08.2025
Von Gejagten, Agenten und Kulissenschiebereien

„Die 39 Stufen“ bei den Schlossfestspielen Hagenwil macht nicht nur Hitchcock-Fans Freude, sondern demonstriert, wie Chaos zu einem Happy End führen kann. Trotz mancher Längen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Selbst das Verschwörungsgeschwurbel hat seine zwei Seiten. Was in heutigen Tagen für entschiedene Vertreter:innen demokratischer Prinzipien die Pestelenz darstellt, ist kaum wegzudenkender Teil von heissgeliebten Thrillern. Ohne Geheimorganisationen kein Suspense. Allerdings liessen Regisseure wie Alfred Hitchcock nie Zweifel daran, dass solche Verbünde nichts Gutes im Sinn haben. Mit seinem speziellen Humor kämpfte der Brite mit der beste aller Waffen gegen die dunklen Kräfte.
In diese Tradition haben sich nun auch die Hagenwiler Schlossfestspiele gestellt. Mit ihrer diesjährigen Sommerinszenierung der Bühnenversion von „Die 39 Stufen“ beweisen sie den kraftvollen Charme der Komik, die mit scheinbar leichter Hand die Dinge zurechtzurücken vermag. Und das, indem sie erst einmal alles durcheinanderbringt, was nur durcheinanderzubringen ist. Die Bühnenfassung von Patrick Barlow aus dem Jahr 2005, die den Roman von John Buchan und den Film von Alfred Hitchcock zum Comedy Thriller verarbeitet hat, bringt die vielleicht nicht neue, aber immer wieder erinnerungswerte Erkenntnis, dass das Chaos zur Klärung der Verhältnisse beitragen kann.
Grossartiger Antiheld
Einzig die Figur des Richard Hannay ist so angelegt, dass er nur von einem einzigen Schauspieler verkörpert wird. Bei Bruno Riedl in Hagenwil ist er ein Phlegmatiker mit Tendenz zur Lebensmüdigkeit, keiner, der Chaos erzeugt, sondern sich widerstandslos hineinziehen lässt, um es dort ohne grosses Zutun zu maximieren. Riedl ist ein grossartiger Antiheld, der eigentlich zwei Leben hat. Als Hannay ist er ein zu Tode gelangweilter Nichtsnutz, er spielt aber auch denjenigen, der Hannay spielt.
Regisseur Florian Rexer hat dem Stück nämlich eine Rahmenhandlung verpasst. In einem Requisitenlager stossen vier Personen auf das Script zum Stück, und schon beginnen sie unter Ausnutzung des vorhandenen Fundus zu spielen (Bühne von Peter Affentranger). Damit ist dem skurrilen Ablauf des Stücks eine Erklärung angefügt. Warum zum Beispiel die Agenten auf der Strasse sich erst auf das Stichwort hin mit der Laterne vor dem Fenster positionieren und wieder abziehen, wenn niemand mehr hinschaut. Das Spiel im Spiel legt nicht nur auf amüsante Weise Mechanismen des Theaters offen, sondern gewährt gelegentlich auch einen entlarvenden Blick auf die Menschen, die sich nicht immer ganz hinter ihren Rollen verbergen können.
Skurrile Thrillerlogik
Dieser Hannay also versucht im Theater seine Tristesse loszuwerden, wo er sich die Gedächtnisakrobatik von Mr Memory anschaut, und gerät in einen Spionagethriller. Die Frau, die ihn bedrängt, sie mit nach Hause zu nehmen, entpuppt sich als Agentin, die nachts erstochen auf ihn niedersinkt. Bigna Körner ist die Lady mit dem harten Akzent, zunächst noch mit pechschwarzer Perücke. Am Abend zuvor hat sie ihm noch die Sache mit den 39 Stufen und dem schottischen Hochmoor und dem Agenten mit dem fehlende Fingerglied ans Herz gelegt. Dass Hannay flüchtet und sich damit verdächtig macht, ist einer mittlerweile etwas skurrilen Thrillerlogik geschuldet, die von der Inszenierung dankbar aufgegriffen wird.
Während Bigna Körner mit komödiantischem Feingefühl eine Handvoll Frauenrollen darstellt, obliegen Alexandre Pelichet und Marcus Coenen alle übrigen Figuren, vom Milchmann über diverse Polizisten, Agentenehefrauen bis zu den Bösewichten selbst. Ihre Auftritte sprühen vor Spiellaune und Sinn für Slapstick und absurde Pointen. Albern wirds dann manchmal auch. Stellenweise wechseln sie in einem atemberaubenden Tempo und in unbeirrbaren Sensorium für Timing ihre Rollen. Vor den beiden möchte man den Hut ziehen, wie sie es selbst auf dem Bahnsteig in einer Slapstick-Nummer vorführen, die an grosse Vorbilder erinnert.
Der Look der guten, alten Zeit
Kostümtechnisch sieht es so aus, als habe Barbara Bernhardt Hitchcocks Film aus dem Jahr 1935 in Ungefähr zum Vorbild genommen. Nicht nur wegen der Szene im Zug, in dem Pelichet und Coenen Vertreter für weibliche Unterwäsche spielen und ihre Ware stark an die Teile in Hitchcocks Film erinnern. Besonders Bigna Körner hat diesen Old Fashion-Look, der auf die gute alte Zeit der Schwarzen Serie verweisen. So blond, wie der Meister des Suspense seine Hauptdarstellerinnen wollte, ist ihre Perücke allerdings nur in ihrer komischsten Rolle als Frau eines grantigen Hochlandbauern.
Es gibt etliche Verweise, die als Filmmusiken oder Szenen Hitchcock-Fans freuen dürften. Die Zwei-Sterne-Kaschemme etwa, in der Hannay und Pamela aneinander gefesselt nach einem Zimmer fragen, atmet den Norman Bates-Irrsinn aus „Psycho“. Besonders amüsant ist, wie dessen Schlüsselloch-Voyeurismus in Hagenwil umgesetzt wird.
Das Stück hat auch gewisse Längen
Angesichts der Offenlegung des Theater-Motors bekommen Kulissen ein Eigenleben, Fenster etwa sind solche Herausforderungen, die, so scheint es, aufgebaut werden, um sie umgehen zu können. Besonders das Kulissen-Schieben trägt aber auch dazu bei, dass ab und zu ein Durchhänger auffällt oder auch mal zu viel Aktionismus für ein paar Längen sorgt. Die Thriller-Handlung geht da natürlich etwas unter. Aber heut wirkt sie ohnehin ein bisschen komisch mit diesem lebenden Computer namens Mr Memory.
Den Geheimbund hat man dann fast auch schon vergessen. Die gute Nachricht: Am Ende wird ihm das Handwerk gelegt. Schade, dass das Happy End aus der Mode gekommen ist. Grosser Applaus fürs abendfüllende Amüsement.

Von Maria Schorpp
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