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von Brigitta Hochuli, 08.09.2013

Die Heimsuchung

Die Heimsuchung
Thomas Goetz als Louis Agassiz (li), Agassizhorn (oben), künstlerische Nachbildung und Vernissagebesetzung des Berges (Mitte), Agassiz Column, Yosemite, California sowie Agassiz Basin, North Woodstock New Hampshire (beide Stahl-Tacker, unten, v.l.). | © Brigitta Hochuli

Den Schweizer Fisch- und Gletscherforscher Louis Agassiz (1807-1873) plagen Rassismusvorwürfe. Deshalb tritt er in der Person von Thomas Goetz lange nach seinem Tod nochmals an zu einer Rechtfertigungsvorlesung. So gesehen und gehört an der Vernissage der Ausstellung „Louis Agassiz
(1807-2013): Eine Heimsuchung“ der Künstlerin Sasha Huber im Neuen Shed in Frauenfeld.

Brigitta Hochuli

Der Gemeinderat Grindelwald schreibt am 22. September 2008 an Sasha Huber: „Endlich sind Sie (...) direkt an die Gemeinde Grindelwald gelangt. Das freut uns. Weniger Freude hatten wir an Ihrer Berglandung per Heilikopter auf dem Agassizhorn (...). Derartige Flüge wären bewilligungspflichtig. (...) Es ist bedauerlich, dass Sie diesen Berg nicht aus eigener Kraft erstiegen haben.“

Tatsächlich hat die haitianisch-schweizerische, in Helsinki lebende Künstlerin am 21. August 2008 auf besagtem Berg zwischen Grindelwald, Guttannen und Fieschertal eine Umbenennungstafel angebracht. Das Agassizhorn sollte künftig Rentyhorn heissen, benannt nach jenem kongolesischen Sklaven, den der 1807 im freiburgischen Môtier geborene und später in Amerika tätige Naturforscher Louis Agassiz nebst vielen anderen aus rassenhygienischen Gründen fotografiert hatte.

Sasha Huber gehört dem Komitee „Démonter Louis Agassiz“ an, das seit Erscheinen des Buches „Reise in Schwarz-Weiss“ im Jahr 2005 gegen die bis damals unkritische Verehrung des Forschers kämpft. Autor des Buches ist der St. Galler Mittelschullehrer und Kabarettist Hans Fässler. Ein weiterer Mitstreiter ist der Romanist, Philosoph und Therapeut Hans Barth, der für Sasha Hubers Ausstellung den Text "Louis Agassiz: Mein Rassismus ist ein Humanismus" geschrieben hat. „Louis Agassiz (1807-2013): Eine Heimsuchung“ geschrieben hat.

Götz in schwieriger Rolle

Geschrieben ist dieser Text als aktuelle Vorlesung des vor 200 Jahren längst verstorbenen Professors. Vorgetragen wurde er an der Vernissage vom Weinfelder Schauspieler Thomas Götz, der dafür angefragt worden war, weil er Agassiz ähnlich sieht. Der Text hat es in sich, und Götz nimmt den Inhalt nicht auf die leichte Schulter. Er sei entschiedener Gegner der Evolutionstheorie und müsse sich nun gegen die nicht enden wollende Kampagne gegen seine Rassenlehre wehren, doziert er vom Katheder herab. Sogar der Bundesrat verurteile sein Denken. Dabei sei er gegen die Sklaverei und habe in den USA vorgeschlagen, diese Menschen in einem für sie bestimmten Gebiet anzusiedeln oder zurück nach Afrika zu schicken. Denn versklavte Neger seien minderwertig und widerten ihn an. Sein Vorschlag sei ihm jedoch als Vorschlag zur Apartheid ausgelegt worden. Dabei sei es ihm um die grosse wissenschaftliche Frage gegangen, ob alle Rassen den gleichen Ursprung hätten oder nicht. „Ich hielt an Gott dem Schöpfer fest und lehrte einen unterschiedlichen Schöpfungsakt für Weisse und Schwarze, man nennt es kreationistischen Polygenismus. Mein Freund, der
Dichter Longfellow hat es humorvoll so gesagt: Agassiz 'denkt, es hätte da
mehrere Adam und Evas gegeben.' Das hat man mir zum Vorwurf gemacht.
Kreationismus sei unwissenschaftlich und Polygenismus sei rassistisch." In diesem Sinn lehne er auch Mischlinge ab, „denn der Unterschied war Gottes Wille“.

In seiner Vorlesung ärgert sich Agassiz/Götz schliesslich über Stadt und Universität Neuchâtel, wo der echte Agassiz viele Jahre lang tätig gewesen war. Deren Vertreter schwärmten zwar von ihm, erwähnten aber seine Rassenlehre nicht. Im historischen Lexikon der Schweiz ist das bis heute so geblieben - angeblich aus finanziellen Gründen, wie Hans Barth beschieden worden ist.

Erste Einzelausstellung in der Schweiz

Sasha Huber war mit dem Thema nicht nur in Brasilien unterwegs, sondern letztes Jahr schon im Grindelwalder Heimatmuseum präsent. Im Herbst 2014 wird eine Ausstellung im Zeughaus Teufen ausgerichtet. Im Neuen Shed in Frauenfeld hat sie die erste Einzelausstellung in der Schweiz und war zwei Monate lang auch dessen erste artist in residence. Gewohnt hat sie in dieser Zeit in einer Klause der Kartause Ittingen, gearbeitet habe sie an der Erweiterung ihres Werkcorpus. Kuratorin Katja Baumhoff freute sich an der Vernissage über eine ganz besonders angenehme Zusammenarbeit.

In der Mitte des Neuen Sheds steht nun der Prototyp des Rentyhorns, eine massive Holzkonstruktion, die Sasha Huber in Zusammenarbeit mit Petri Saarikko errichten liess. Das Horn lädt die Besucher zum Sitzen und Nachdenken ein. Den Wänden entlang sind Auszüge aus Briefverkehren mit Behörden, Bilder der Helikopteraktion, Videos, Fotos und Takerbilder und fortan auch die Götz-Performance zu sehen. Alles in allem eine sehr gelungene, hochstehende Verschmelzung von Kunst und politischem und gesellschaftlichem Engagement, die mitten ins menschenfreundliche Herz trifft.

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Sasha Huber

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Reise in Schwarz-Weiss, Rotpunktverlag

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