von Markus Schär, 13.06.2018

«Dieser Kanton hat seine Seele verloren»

«Dieser Kanton hat seine Seele verloren»
André Salathé beim Soldatendenkmal vor dem Alten Zeughaus in Frauenfeld. | © Sascha Erni

Was hält eigentlich den Thurgau zusammen? Und wie lange gibt es den Kanton überhaupt noch? Kaum jemand denkt so tief über solche Fragen nach wie André Salathé. Der Staatsarchivar machte den Historischen Verein in den letzten zwanzig Jahren als Präsident wieder zur wichtigen Institution für alle Geschichtsinteressierten; jetzt tritt er zurück. Ein Gespräch unter Studienkollegen. 

André Salathé, wieso soll man sich überhaupt mit der Thurgauer Geschichte befassen? Sogar der Kantonshistoriker Albert Schoop schrieb, sie sei «so undramatisch wie die Landschaft selbst».

Selbst in einer undramatischen Landschaft, also in der Geschichte der Gesellschaften, die hier lebten, widerspiegelt sich die Weltgeschichte. Wir können sie also hier studieren, wo wir uns bewegen.

Zum Beispiel?

Das sehen wir doch an jeder Ecke. Wir wollten deshalb einmal Ausfallstrassen anschauen, also beispielsweise in Frauenfeld vom Schloss im historischen Kern zum Tower an der Autobahneinfahrt gehen, zwei Kilometer durch die Zeit. Das sollte uns eine Antwort auf die Frage geben, warum man in der Altstadt niemanden mehr sieht, sondern alle an den Tankstellenshops und in den Einkaufszentren, also die Amerikanisierung oder Globalisierung seit dem Zweiten Weltkrieg zeigen. Oder wir könnten, wenn es dies noch gäbe, vor die erste Zapfsäule im Thurgau hinstehen und eine Geschichte der Motorisierung entwickeln. Wir brauchen nur den Blick dafür.

Solche Entwicklungen liessen sich überall auf der Welt beobachten. Muss es gerade Thurgauer Geschichte sein?

Ja, grundsätzlich meine ich – obwohl ich vielleicht als Ewiggestriger dastehe: Wenn dieser Kanton nicht nur behaupten will, er bewahre noch etwas an Autonomie, obwohl er sie immer mehr an Bern oder Brüssel abtritt, dann müssen wir uns mit seiner Geschichte befassen. Sonst müssen wir irgendwann ein Gesuch um Anschluss an einen anderen Kanton stellen. Es reicht nicht, über die Zürcher mit ihrer Selbstherrlichkeit oder die St. Galler mit ihren Ansprüchen zu jammern. Wir müssen uns selber darauf besinnen, was uns zusammenhält. Diese Verbundenheit in Selbständigkeit erodiert – oder sie ist schon erodiert.

«Wenn uns die schöne Landschaft zusammenhält, dann sollten wir ihr endlich Sorge tragen.»

André Salathé, Historiker 

  

Was hält denn eigentlich diesen Kanton zusammen?

Ich fühle mich mit meiner Ansicht allein auf weiter Flur, aber ich glaube, im Thurgau gab es bis in die Sechzigerjahre eine starke Identität: Man war nicht Zürcher, nicht St. Galler, nicht Süddeutscher, einfach eine Restmenge – das hielt uns zusammen. Dieses Gefühl, das ich in meiner Jugend noch spürte, ist weg. Ich sagte schon in einigen Sitzungen von kantonalen Gremien: Dieser Kanton hat seine Seele verloren. Allerdings wäre es schwierig, die Seele zu definieren. Ich weiss nur, dass sie nichts mit Steuerprozenten oder mit Wirtschaftswachstum zu tun hat. In Diskussionen stimmen alle einzig darin überein, dass uns diese Landschaft berührt, also das Gefühl, wenn wir in Attikon auf der Autobahn den Thurgau sehen. Da meine ich: Wenn uns die schöne Landschaft zusammenhält, dann sollten wir ihr endlich Sorge tragen, statt im hintersten und letzten Kaff raumplanerische Fehler zu machen.

Du wirfst der Thurgauer Geschichte von Albert Schoop sogar im Artikel zum Kanton im Historischen Lexikon der Schweiz «konzeptionelle, methodische und darstellerische Mängel» vor. Bekommt der Thurgau irgendwann eine Geschichte, für die wir uns nicht schämen müssen?

Ich wusste zu den Zeiten, als ich Einfluss nehmen konnte, dass es für eine neue Geschichte zu früh war. Die traditionelle von Albert Schoop kam schon relativ spät, in anderen Kantonen gab es da bereits moderne Geschichten. Sie hatten immer mehr Bände, Baselland sechs, Luzern acht, St. Gallen mit dem Register neun – aber wurden sie deshalb immer besser? Ich glaube es nicht. Werden solche Geschichten tatsächlich gelesen oder bestenfalls als Lexika benutzt? Wenn eine Kantonsgeschichte etwas für die Identität leisten will, muss sie doch kurz und lesbar sein. Eine solche Geschichte gibt es im Thurgau: jene von Ernst Herdi von 1943 – ein im ursprünglichen Wortsinn witziges Buch, also gescheit. Wenn jemand wieder so etwas zustande bringt, bin ich dafür.

Du hast dich stark dafür eingesetzt, dass die dunklen Seiten der Kantonsgeschichte erforscht wurden: die Beziehungen von Alfred Huggenberger zu den Nazis, die Zustände im Kinderheim Fischingen und in der Erziehungsanstalt Kalchrain, jetzt die Medikamentenversuche in Münsterlingen. Gab es da Widerstände?

Im Einzelfall schon, im Grundsatz nicht – das erhielt mich als Optimisten am Leben. Wir stellten uns diesen Fragen, auch dank guten Quellen. Und die Leute, die diese Arbeiten überhaupt lasen, nahmen sie zum überwiegenden Teil gut auf. Aber natürlich liessen sich bei jedem der Bücher Briefe von Leuten finden, die meinten, es gebe bei diesen Themen nichts zu untersuchen.

«Der Untergang des Thurgaus lässt sich hinauszögern, solange sich noch Leute für den Kanton engagieren.»

André Salathé, Historiker  

Du sagst, der Historische Verein sei ein «wunderbarer» Verein. Warum?

Die Leute sind offen, sie lassen sich für Themen gewinnen, meistens jedenfalls. Und sie geben Feedbacks, am schönsten für mich, wenn sie mitdiskutieren oder wenn sich ganz unterschiedliche Leute miteinander unterhalten. Obwohl viele Ältere dazugehören: Das ist ein ganz lebendiger Verein.

Als letzten Satz deines Berichtes über die zwanzig Jahre als Präsident schreibst du: «Der Historische Verein bleibt wichtig, solange es noch einen Kanton Thurgau gibt.» Wie lange ist das noch?

Ich glaube, der Untergang des Thurgaus lässt sich hinauszögern, solange sich noch Leute für den Kanton engagieren; dazu gehört auch der Historische Verein. Aber vielleicht hat er irgendwann seine Mission erfüllt, weil es den Thurgau nicht mehr gibt, für den er gegründet worden ist und den er mitgeprägt hat. Wenn alles so wird wie anderswo, dann ist es vorbei.

Das ist André Salathé

André Salathé, geboren 1959, besuchte 1975 bis 1979 das Thurgauer Lehrerseminar in Kreuzlingen und studierte 1979 bis 1987 in Zürich Allgemeine Geschichte, Neuere deutsche Literatur und Publizistik. 1987 Lizenziat mit einer Arbeit bei Rudolf Braun über die Anfänge des Polizeiwesens im Thurgau 1798 bis 1831. 1987 bis 1990 freischaffender Historiker. 1990 bis 1995 Thurgau-Redaktor für das Historische Lexikon der Schweiz und Mitarbeiter der Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins. Seit 1995 Staatsarchivar, 1998 bis 2018 Präsident des Historischen Vereins des Kantons Thurgau. Autor und Herausgeber von regionalgeschichtlichen und archivfachlichen Büchern.

 

Teil 2 des Interview mit André Salathé können Sie in der nächsten Woche lesen. Dann spricht er über seine Arbeit beim Historischen Verein und das Geschichtsbewusstsein der jüngeren Generation.

 

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