Düstere Aussichten

Düstere Aussichten
Stimmungsbild der Schweizer Kulturszene 2021: Wie lang soll der Weg noch sein? Und wann verschwinden die dunklen Wolken endlich? | © Canva

Zwei Drittel der Akteur:innen im Kultursektor bleiben nach einer aktuellen Umfrage auch 2022 auf Covid-Unterstützung angewiesen. Die Daten zeichnen ein finsteres Bild, eine Normalisierung ist nicht in Sicht. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Es gibt so Tage, da ist Florian Rexer ziemlich sicher, dass die Politik Leute wie ihn vergessen hat in den vergangenen Wochen. Rexer ist Schauspieler, Regisseur, Unterhalter, einer der vom Publikum lebt und jetzt zusehen muss, wie diese Existenzgrundlage schrumpft.

„Erstaunlich, wie selten man jetzt hört von der Politik: ‚Wir lassen Sie nicht alleine, wir sind für Sie da…‘ Gut laufende Theater und Spielorte sind nicht mal zu einem Viertel gefüllt. Wir kämpfen alle und sind so damit beschäftigt zu überleben, dass so mancher Ruf einfach untergeht“, schreibt der Romanshorner in einer E-Mail an die Redaktion.

„Wir kämpfen alle und sind so damit beschäftigt zu überleben, dass so mancher Ruf einfach untergeht.“

Florian Rexer, Schauspieler & Regisseur (Bild: Sascha Erni)

Die Lage für Kulturschaffende ist schwierig gerade, vielleicht so schwierig wie noch nie in der Pandemie. Und glaubt man aktuellen Zahlen einer Umfrage der schweizweiten Kultur-Lobbygruppe „Taskforce Culture“, dann wird sie das auch noch eine ganze Weile bleiben.

„Zwei Drittel der Akteur:innen im Kultursektor bleiben 2022 auf Unterstützung angewiesen“, hat die Taskforce Anfang November über eine Medienmitteilung geschrieben. Grundlage dafür war eine Umfrage, die das Forschungsbüro Ecoplan für die Gruppe durchgeführt hat.

Umsätze, Einkommen, Zuschauer: Alles wird weniger

Nicht nur die Schlagzeile wirkt düster, blickt man tiefer in die Daten der Umfrage, wird es nicht besser: Gravierende Umsatzeinbrüche, schrumpfende Jahreseinkommen, sinkende Vorverkaufszahlen, bestenfalls halbleere Veranstaltungsorte - die Erhebung zeichnet das Bild einer Branche am Abgrund.

So ist der Anteil von Kulturschaffenden, deren Jahreseinkommen weniger als 40’000 Franken beträgt, von 46 Prozent (2019) auf 61 Prozent (2020) gestiegen. 42 Prozent der befragten Künstlerinnen und Künstler haben aktuell für das erste Halbjahr 2022 gerade mal ein Viertel so viele feste Aufträge wie sie in Jahren vor der Pandemie zu diesem Zeitpunkt für das Folgejahr hatten. Bei den Kulturunternehmen sagte fast die Hälfte der Befragten, dass der Umsatz 2020 unter 40 Prozent der vor Corona üblichen Zahlen lag.

Nun sind derlei Umfragen immer auch mit ein bisschen Vorsicht zu geniessen, weil Umfragen keine objektiv überprüfbaren Daten ergeben, sondern eher gefühltes oder geschätztes Wissen der Befragten abbilden. Die Untersuchung erhebt nicht den Anspruch repräsentativ zu sein. Insgesamt beteiligten sich nach Angaben der Taskforce Culture 1076 Kulturschaffende, 393 Kulturunternehmen und 623 Kulturvereine. Eine Datenmenge, die den Aussagen zumindest eine gewisse Schlagkraft verleiht.

Ein Beispiel aus dem Thurgau: Manche Künstler:in fällt durch jedes Raster

Das sieht auch die Thurgauer Tänzerin Rahel Zoë Buschor so: „Das ist tatsächlich eine Bombe“, kommentiert sie die Ergebnisse der Umfrage. Buschor erhielt 2020 einen der Kulturförderbeiträge des Kantons und befindet sich seither in einer sehr speziellen Situation wieder: „Da ich im Februar 2020 von meinem gut 8-jährigen Aufenthalt in Asien in die Schweiz zurückgekehrt bin - dort wurden schon im Dezember 2019 alle Kulturveranstaltungen abgesagt -, konnte ich keinerlei geplante Projekte vorweisen, und war auch nicht als selbstständig Erwerbstätig gemeldet. Das heisst ich fiel und falle weiterhin durch alle Maschen und habe bist jetzt keine Möglichkeit gefunden, Unterstützung zu erhalten“, erklärt sie gegenüber thurgaukultur.ch

Ihr Glück in dieser Lage: Sie arbeitet auch als Pädagogin und kann so ihren Lebensunterhalt verdienen. Für ihre künstlerische Arbeit muss sie gerade andere Wege finden: „Ich nutze diese Zeit, um neue, der Situation angemessene, Formate zu erforschen“, sagt sie. So ist im Oktober beispielsweise mit dem ebenfalls aus dem Kanton Thurgau stammenden Pianisten Max Petersen und dem koreanischen Schauspieler und Regisseur HongSoo Kim das Musik-Tanz-Video «Trio for Zoë» erschienen.

 

 

„Kultur und Kunst sind nicht nachhaltig eingebettet in unserer Gesellschaft.“

Rahel Zoë Buschor, Tänzerin

Insgesamt, so Buschor, habe die Pandemie aber ein viel grundsätzlicheres Problem offengelegt: „Kultur und Kunst sind nicht nachhaltig eingebettet in unserer Gesellschaft. Es gibt zum Beispiel zu wenige ‘gesicherte Arbeitsplätze’, und das Thema einer angemessenen Bezahlung für Kunst ist ein riesengrosses Thema.“

Die Tänzerin sieht die Fehler auch im Marktdenken der Branche: „Das Überleben als Kunstschaffende hängt zum grossen Teil davon ab, wie viele Projekte ich an Land ziehen kann, wie sich diese ‘verkaufen’ und was für ein Image ich von mir und meiner Kunst nach aussen bringen kann. Raum und Zeit um eine Arbeit zu entwickeln und wirklich reifen zu lassen sind Luxus – jedoch essentiell.“

Luftsprung: Rahel Zoë Buschor in einer ihrer Chroreographien. Titel: Apprivoiser. Bild: zVg

 

Nicht bei allen Kulturschaffenden im Thurgau ist die Lage übrigens so düster, wie sie die Umfrage der Taskforce Culture skizziert. David Lang zum Beispiel, Musiker und Komponist aus Mammern, hat gerade eine Konzertreihe gespielt - und zeigt sich zufrieden: „Es sind einige Leute gekommen, etwa gleich viele wie letztes Jahr. Ich habe, wie es scheint, ein kleines, sehr solides und treues Stammpublikum. Das hilft mir gerade sehr“, schreibt Lang in einer E-Mail. Insgesamt sei er gerade verhalten optimistisch: „Die Engagements kommen langsam wieder, ich bin noch unter dem Niveau von 2019, aber sehr zuversichtlich, dass das im 2022 stetig zunehmen wird.“

Es wird nicht leichter, wenn das Covid-Gesetz scheitert

Und aufgeben ist ohnehin für keinen der hier befragten Thurgauer Künstler:innen eine Option. Nicht mal für Florian Rexer. Ja, er sei manchmal traurig und müde wegen des seit Monaten andauernden Krisenmodus’, „und doch brennt da ein Feuer in mir, gerade vor Weihnachten. Ich gebe nicht auf. Ich bin mit Leib und Seele Unterhalter und ich glaube an ein Leben nach der Pandemie! Ich glaube, dass es Menschen gibt, die Ihre Angst und Skepsis überwinden und sich meine neue Inszenierung von „P. Pan“. anschauen werden.“ Premiere davon ist übrigens am 16. Dezember im Kulturforum Amriswil.

Die Taskforce Culture will die Ergebnisse ihrer Umfrage natürlich auch politisch nutzen: Sie fordert, alle Covid-Unterstützungsmassnahme bis Ende 2022 zu verlängern: „Ein Stopp der Unterstützung auf Ende Jahr wäre enorm schädlich für die weiterhin Betroffenen und würde die geleistete Hilfe der vergangenen Monate leichtfertig relativieren“, schreibt die Gruppe in ihrer Medienmitteilung. Die Abstimmung am 28. November über die Änderungen am Covid-Gesetz und das Covid-Zertifikat könnte hier auch ein Wegzeichen sein: Scheitert das Gesetz beim Referendum, dürfte die Lage für viele Kulturschaffende nicht gerade leichter werden.

 

Die Vorverkaufskrise ist real

Die Daten der Umfrage der Taskforce Culture zeigen auch: Die grosse Vorverkaufs-Krise, über die wir vor zwei Wochen berichtet hatten, ist schweizweit zu spüren. In der Umfrage wurde auch nach den Auslastungszahlen bei Veranstaltungen vor und während Corona gefragt. Das Ergebnis: Für die Jahre 2017/2018/2019 sagten gerade mal 5 Prozent der Befragten, dass die durchschnittliche Auslastung bei maximal 30 Prozent gelegen habe. In den Pandemiejahren 2020 und 2021 sagten dies aber 50 bzw. 41 Prozent der Befragten. Umgekehrt gilt es genauso: Einer 70-prozentigen durchschnittlichen Auslastung ihrer Veranstaltungen stimmten 77 Prozent der befragten Kulturnehmen für die Zeit vor Corona zu. Im Jahr 2021 sagen das nur noch 16 Prozent der Befragten.

 

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