von Maria Schorpp, 01.03.2021

Ein Festival für Frauen*-Allianzen

Ein Festival für Frauen*-Allianzen
Ein Festival mit Sternchen: Beim Konstanzer «Female Artists» stehen Frauen im Fokus. | © Canva

Wenn nicht real, dann eben digital: Das Festival „Female Artists“ des Konstanzer Stadttheaters zum Weltfrauentag bietet vom 6. bis 8. März Party, Performance, Podcast und noch mehr. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

„Ein Festival ist total toll im Theater.“ Sagt Hannah Stollmayer, Dramaturgin im Konstanzer Stadttheater. So weit so wahr. Sie hätten sich vorgestellt, dass anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März drei Tage lang Menschen in die Spiegelhalle kämen, um sich das Programm anzuschauen, das vier Kuratorinnen des Theaters unter dem Titel „Female Artists“ zusammengestellt haben. Stattdessen kam die Pandemie, und alles war anders.

Hannah Stollmayer macht am Telefon den Eindruck, hin und her gerissen zu sein. Die Begegnungen, die Gastspiele, die Party – alles futsch und das gleich in ihrer ersten Spielzeit in Konstanz. Dann wurde aus dem ursprünglichen Konzept mit Bühne, Publikum und Mensch-zu-Mensch-Begegnungen ein Streaming-Programm, das sich sehen lassen kann, wenn auch „nur“ am Bildschirm.

Festivalkuratorin Hannah Stollmayer. Bild: Ilja Mess

Frauen mit Sternchen

Der ursprünglich geplante Inhalt von „Female Artists“ und die eingeplanten Künstlerinnen und Künstler sind allerdings nie in Zweifel gezogen worden. „Das ist politisch bei uns im Theater sehr präsent: Wir möchten Frauen* in der Theaterwelt stärken, Menschen, die sich als Frauen identifizieren“, sagt die Dramaturgin, die mit Karin Becker, der neuen Intendantin, ans Konstanzer Stadttheater gekommen ist.

Das angefügte Sternchen hinter „Frauen“ will sagen, dass hier die Menschen nicht in männlich und weiblich unterschieden werden, sondern auch andere Geschlechtsformen mitgedacht werden. Wenn also die Frage lautet, welche Rollen Frauen heute in der Gesellschaft einnehmen, ist der Festival-Auftakt, die Produktion „Care Affair“ des Kollektivs „Frauen und Fiktion“, quasi die Inszenierung dieser Fragestellung.

Die Performance, von der „eine ganz hochwertige Stream-Fassung“, so Stollmayer, erstellt wurde, „lädt zu einem glamourösen Abend der Sorgetragenden ein“, wie es im Programm heisst.

Video: Trailer zu „Care Affair“

CARE AFFAIR / Frauen und Fiktion from TD Berlin on Vimeo.

Wer wird in welche Kategorie gesteckt? Und warum?

Wer übernimmt Fürsorgeaufgaben in unserer Gesellschaft? Als Antwort eine weitere Frage: Warum ist Fürsorge traditionellerweise an einen gebärfähigen Körper gebunden? Hannah Stollmayer formuliert es so: „Was bedeutet es, dass ich eine Gebärmutter habe und jemand anders nicht? Warum werde ich deshalb in eine bestimmte Kategorie gesteckt?“

Die Koproduktion des Lichthof Theaters Hamburg und von Theaterdiscounter Berlin basiert auf Gesprächen mit Menschen, die privat oder beruflich Fürsorgearbeit leisten, wobei das postdramatische Theatererlebnis mit Text-, Körper- und Videoeinsatz eine überraschend bunte Mixtur bietet.

Eine Party für zu Hause

Die Produktion ist an jedem Abend der drei Festival-Tage zu sehen. Manches kann hingegen nur einmal gestreamt werden, so die Auftaktparty mit DJane Beatzn live aus Berlin.

„Wir wollen, was man eigentlich immer auf einem Festival macht, eine grosse Party haben“, sagt Hannah Stollmayer, die hofft, dass möglichst viele zu Hause mittanzen. Ausser Hip Hop und Latin Sound wird ein spezieller Überraschungsgast erwartet.

Einmalig ist auch der Workshop tags darauf, der vom Jungen Theater Konstanz organisiert wird und sich unter dem Titel „Let’s board the Allyship“ überlegt, wie Frauen unterstützt werden können, auch „von nicht weiblich sich Identifizierenden, wie sie sich gegenseitig unterstützen können und in tolle Allianzen eintreten können“, sagt Stollmayer, die das Kuratorinnen-Team gemeinsam mit der Regisseurin Franziska Autzen, der Intendantin Karin Becker und der Dramaturgin Meike Sasse stellt.

Neue Konstanzer Band ist auch dabei

Der Workshop läuft selbstredend interaktiv über Zoom. Mitmachen können alle über 14 Jahre, Anmeldung ist noch bis zum 4. März unter junges-theater@konstanz.de möglich.

Eine szenische Lesung von „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf als Video, der Instagram-Takeover einer neu sich bildenden Band, hinter der das Konstanzer Punk-Duo „The Sound Monkeys“ und drei Schauspielerinnen stecken, die sich mit „REVOLution“ auseinandersetzen (unter #probentagebuch sind bereits erste Einblicke möglich), ein Audio-Beitrag zu Feminismus der Spoken-Word-Poetin Fatima Moumouni, die viel in der Schweiz unterwegs ist – das Programm weist sowohl medial als auch künstlerisch Formenvielfalt auf.

Video: Die Slam-Poetin Fatima Moumouni

Gespräche mit starken Frauen

Ausserdem gibt es am Weltfrauentag selbst eine Spezialausgabe der Podcast-Reihe des Stadttheaters „Warten auf …“ Zwei „tolle Gästinnen“, O-Ton Stollmayer, werden erwartet. Das sind Julika Funk, Leiterin der Chancengleichheitsstelle der Stadt Konstanz, und die Medizinerin Kristina Hänel, die wegen Werbung für den Schwangerschaftsabbruch verurteilt wurde.

Und noch ein Highlight ganz zum Schluss des Festivals. Hannah Stollmayer interviewt unter dem Titel „Frauen in Führung – Gegenwart und Zukunft“ ein ganz spezielles Konstanzer Quartett: Katharina Holzinger, Rektorin der Universität Konstanz, Ruth Bader, Geschäftsführerin des Bodenseeforums, Insa Pijanka, Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie, und Theaterintendantin Karin Becker haben mit Sicherheit einige interessante Erkenntnisse zur Frage beizutragen: „Wie können wir einander und den Nachwuchs unterstützen?“.

Leider wird das Interview nur in schriftlicher Form auf der Theater-Homepage angeboten.

Das Festival soll sich etablieren in den nächsten Jahren

Bei „Female Artists“ wird es im Übrigen nicht bleiben. Das Festival ist der Auftakt einer Festival-Reihe, die jährlich stattfinden soll und jedes Jahr ein anders Motto hat. Die Reihe selbst steht unter der Überschrift „Let’s Ally“ – lasst uns Allianzen schliessen.

Hannah Stollmayer ist auf jeden Fall glücklich darüber, dass der Auftakt trotz Pandemie noch zustande gekommen ist. Das scheint nicht immer ganz einfach gewesen zu sein: „Es war uns aber wichtig, dass wir zu unserem Wort stehen, zum dem, was wir im Spielzeitheft angekündigt haben.“ Und: „Wir wollten nach diesen vielen, vielen Wochen im Lockdown zeigen, dass wir weiter an Theater glauben, dass wir an Formen glauben und dass wir an Entwicklung glauben.“

Das komplette Programm von „Female Artists“ vom 6 bis 8. März 2021: https://www.theaterkonstanz.de/programm/lets-ally  

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