von Anabel Roque Rodríguez, 14.02.2019

Ein Haus ist mehr als ein Ort mit einem Dach

Ein Haus ist mehr als ein Ort mit einem Dach
«Mir ist es wichtig, dass der Betrachter so lange wie möglich im Bild bleibt und nicht von Rahmen begrenzt wird. Man soll sich im Bild verlieren»: Die Künstlerin El Frauenfelder über ihre Arbeit. | © Kunstverein Frauenfeld

El Frauenfelders Malereien entstehen lebendig aus dem Prozess heraus. Sie ist nicht daran interessiert, das Zusammenfügen, die Klebestreifen oder die einzelnen Schichten zu verstecken. Im Gegenteil, ihre kraftvollen und kantige Behausungen sind ein Angebot an den Betrachter, sich in den einzelnen Werken zu verlieren. Der Kunstverein Frauenfeld zeigt jetzt Werke der Künstlerin, die 2015 den Manor-Kunstpreis des Kantons Zürich gewonnen hat.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, dass Künstler und Ausstellende wirklich zusammenfinden. Daran erinnerte Hans Bissegger, Präsident des Kunstverein Frauenfeld, bei der gut besuchten Vernissage der neuen Ausstellung von El Frauenfelder. Er hatte demnach in einem Artikel über die Künstlerin gelesen und wollte sie für eine Ausstellung im Kunstverein gewinnen. Das wurde erheblich dadurch erschwert, dass El Frauenfelder über keinen Festanschluss verfügt. Bissegger liess sich davon nicht abhalten und besuchte Frauenfelder daraufhin in ihrem Atelier inmitten des zürcherischen Weinlandes in Ossingen. Dort konnte er sie schliesslich für die Ausstellung im Kunstverein gewinnen.

Über Gesten und den Körper in der Malerei

Die Werke von El Frauenfelder entstehen aus einem organischen Prozess heraus, der nicht unbedingt durchgeplant ist, sondern in dem das Gefühl die Künstlerin leitet. «Die Entstehungsweise des Bildes verschränkt sich mit der Entstehungsweise des Bildes beim Schauen: Es wird entliehen und zusammengefügt, überblendet, gekratzt und getastet, verworfen. Es sind Häuser, durchlässige Gefässe, Farbräume», schreibt die Künstlerin in der Einladung zur Ausstellung. Im gemeinsamen Gespräch betont sie immer wieder, wie wichtig ihr Körpergefühl während des Entstehungsprozesses ist. «Die kleinformatigen Arbeiten brauchen eine andere Geste als die grossen. Sie funktionieren anders.»

Das Gefühl hat sie auch beim Zusammenstellen der Ausstellung geleitet. Die Werke sind nicht alle für Frauenfeld entstanden. Sie hat eingepackt wovon sie dachte, dass es passen könnte. Im Kunstverein fing dann die eigentliche Arbeit an. El Frauenfelder breitete die Bilder auf dem Boden aus und verschob sie so lange bis die Ausstellung Gestalt annahm.

Bilderstrecke: Einblicke in die Ausstellung, Teil 1

 

Ihre Malereien sind kantig und verwehren sich banal schön sein zu wollen. Das Element der Zerstörung fällt sofort auf. Die Leinwände sind zerschnitten, abgeschabt oder überklebt. Sie fügt Dinge zusammen, die eine Spannung erzeugen. Hinterlässt auf den meisten Leinwänden einen scheinbar unfertigen weissen Rand und malt an einigen Stellen doch darüber hinaus. Als ob El Frauenfelder konstant gegen Sehkonventionen und Erwartungen ankämpfe. Obwohl man eine künstlerische Handschrift in allen ihren Werken erkennt, schafft sie die grosse Kunst, dass jedes Werk überrascht.

El Frauenfelder pflegt ein offenes Kunstverständnis «Mir ist es wichtig, dass der Betrachter so lange wie möglich im Bild bleibt und nicht von Rahmen begrenzt wird. Man soll sich im Bild verlieren.» So werden ihre Leinwände auch unprätentiös direkt an die Wand genagelt. Die einzelnen Schichten des Schaffensprozesses werden offengelegt: pastose Farbe wird zum Teil des Daches, Malerband dient als Strukturstück, Stoffe, Schablonenstücke oder Gitterstrukturen tauchen auf und konstruieren in ihrer Kleinteiligkeit die gesamte Atmosphäre und die einzelnen Motive. Die Arbeiten fordern vom Betrachter, sich körperlich zu den Werken zu positionieren. In der Nähe sind die Einzelbausteine zu sehen und aus der Ferne bekommt man eine andere Perspektive.

Die Arbeiten haben eine soziale Dimension

In der heutigen Zeit gibt es in der Kunstwelt häufig ein Bedürfnis, Künstler unnötig politisieren zu wollen, weil man glaubt, ihnen so mehr Substanz zu geben. Mit diesem Hinweis vorweg kann man dennoch sagen, dass El Frauenfelders Auseinandersetzung mit Häusern einer tieferen Sinnsuche gleichkommt und eine soziale Dimension hat. Ein Haus ist ein durch ein Dach und Wände begrenzter Raum und doch viel mehr als ein blosser geometrischer Körper. Ein Haus bietet Schutz, kann ein Zuhause oder ein Ort der Produktion sein. Die Bedeutung eines Hauses definiert sich über die Funktion und ist damit sofort auch ein emotional aufgeladener Ort. Doch welche Funktion haben die Gebäude für El Frauenfelder? Im Gespräch verweigert sie eine einfache Definition und es scheint als würden die Gebäude, Landstriche und Formen in ihren Malereien von ihrer persönlichen Suche erzählen. Die Bilder sind sowas wie ihre Gedankenorte, die sie vielleicht stetig ein Stückchen weiter zu dem Kern ihrer Suche bringen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. März 2019. Am 23. Februar ist die Künstlerin im Kunstverein anwesend und steht für Gespräche zur Verfügung.

Bilderstrecke: Einblicke in die Ausstellung, Teil 2


 

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