von Andrin Uetz, 10.06.2026
Ein Orchester aus hundertfünfzig Radios

Mit «Guerilla Radio» verwandelt das Kollektiv blablabor die Kunsthalle Arbon in einen Resonanzraum, in dem ausgediente Geräte das Wort ergreifen. Was gemeinhin als Störung gilt – das Rauschen, das Knacken, das Springen zwischen zwei Frequenzen –, wird hier zum eigentlichen künstlerischen Material. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Ein diffuses Rauschen erfüllt den Raum. Auf dem Boden der Kunsthalle Arbon stehen hundertfünfzig Radios. Angeordnet auf mit Kreide markierten Kreisen und Linien um und zwischen zwei Sendeantennen, welche wie in einem Western-Duell aufeinander gerichtet sind. Begibt man sich in dieses Spannungsfeld, so intensiviert sich das Rauschen. Einzelne Stimmen sind zu vernehmen, unverständliche Wortfetzen, Knack- und Störgeräusche der in die Jahre gekommenen Endgeräte.
Seit dem Jahr 2000 beschäftigt sich das Kollektiv blablabor mit Sprache als Klang und Musik. Ursprünglich wollten Annette Schmucki (*1968) und Reto Friedmann (*1965) ein Opernprojekt realisieren, um das klassische Verhältnis zwischen Text und Musik zu hinterfragen. Aus der Oper ist zwar nichts geworden, doch seither erforschen die beiden beständig die Möglichkeiten von Sprache als Klang, der über die blosse Mitteilung oder Vermittlung von semantischen Inhalten hinaus geht.
Das Radio spielt dabei eine zentrale Rolle, denn es steht paradigmatisch für eine Technik, deren ursprüngliche Funktion die Verbreitung von Informationen durch verschiedene Unterhaltungs- und Kunstformen ergänzt wurde. In der Kunsthalle Arbon werden die Störgeräusche von Sendern und Empfängern selbst zum künstlerischen Ausdruckmittel.
UKW-Sender als Musikinstrument
Schmucki und Friedmann verstehen ihre Arbeit immer als Experiment. Wie Forschende in einem Labor haben sie zwar eine theoretische Hypothese, eine Idee, was das Resultat des Experiments sein könnte, und doch liegt der Reiz gerade auch im Unvorhersehbaren und in den Launen der lokalen und situativen Gegebenheiten.
Für «Guerilla Radio» in der Kunsthalle Arbon haben sie zwei ausrangierte UKW-Sender gegeneinander ausgerichtet, wobei der eine auf der Frequenz 96,7 und der andere bei 96,8 sendet. Diese Nähe der Frequenzen führt dazu, dass die Radios zwischen den beiden Signalen hin und her springen, was je nach Gerät unterschiedliche Störgeräusche produziert. Eine Art Blubbern oder Wummern, welches gut zu vernehmen ist, wenn man mit dem Ohr nah an die einzelnen Radios geht.
Künstlerisches Archiv trifft auf den Klang der Kunsthalle
Der Sender, welcher weiter hinten in der Kunsthalle steht, schickt eine Aufnahme des Knackens des Dachs der Kunsthalle in den Äther. Somit verstärkt und transformiert er quasi die lokal gegebene Akustik.
Der Sender nahe dem Eingang hingegen wird über das in der experimentellen Elektronischen Musik verbreitete Computerprogramm Max/MSP mit Elementen aus dem Archiv des Blablabor bespielt. So wird über die gesamte Ausstellungsdauer – auch dann, wenn die Kunsthalle für Besuchende geschlossen ist – eine sich stetig wandelnde Soundscape zu hören sein.
Ausprobieren und Austarieren
Bis die hundertfünfzig Radios alle passend platziert und eingestellt waren, hätte es viel Zeit und Feingefühl gebraucht. Wie die Saiten bei einem wohltemperierten Klavier, welche im Verhältnis zueinander gestimmt werden müssen, so beeinflussten sich die Radios gegenseitig. Fast wie ein sozialer Organismus, in dem einzelne Elemente auf andere reagieren und interagieren.
Auch die Besuchenden beeinflussen den Klang. Sie sind explizit eingeladen, vorsichtig durch die Installation zu schreiten und zu erfahren, wie sich der Klang je nach Position verändert.
Hörgewohnheiten hinterfragen
Hören ist etwas, das im Alltag oft beiläufig und nebenbei passiert. Wenn wir Worte in einer Sprache hören, die wir verstehen, so machen wir uns kaum Gedanken darüber, wie diese Worte genau klingen, sondern wir abstrahieren aus dem Klang einen semantischen Zusammenhang. Sätze und Mitteilungen, die wir verstehen.
Wenn wir Musik hören, so nehmen wir einzelne Töne als Teil einer Melodie, einer Komposition wahr, ohne dabei allzulange bei der Beschaffenheit des einzelnen Klanges zu verharren. Und wenn wir wiederum ein Geräusch hören, etwa nachts das Bellen eines Hundes, so ordnen wir dieses Bellen dem Tier zu und schliessen damit unsere Beschäftigung mit dem Klang ab: Wir denken: Ah, das ist ein Hund der bellt.
Orchester aus hundertfünfzig Radios
Bei «Guerilla Radio» hingegen ist das Publikum eingeladen, sich auf eine andere Art des Hörens einzulassen. Vielleicht eher ein örtliches Hören – oder ein Hören dazwischen. Im Rauschen hört man zwar ebenfalls einzelne Worte, die sich verstehen liessen. Oder Klänge, die sich einer Klangquelle zuordnen lassen. Und auch könnte die Installation als Komposition gehört werden, als musikalisches Rauschen; als Orchester aus hundertfünfzig Radios.
Doch irgendwie greift das zu kurz. Es scheint vielmehr darum zu gehen, dass das Medium selbst, das Radio selbst spricht. Jetzt wo die UKW-Sender genauso wie die ausrangierten Radios ihren öffentlichen Dienst zur Verbreitung von Musik und Informationen geleistet haben, können sie quasi frei, von sich aus, schalten und walten wie sie wollen.
«Guerilla Radio»
Die Ausstellung «Guerilla Radio» des Kollektivs blablabor in der Kunsthalle Arbon ist bis zum 12. Juli 2026 zu sehen.
Samstag, 13. Juni, 16 Uhr
Öffentliche Führung
Samstag, 20. Juni, 15 Uhr
Gespräch und Performance
Die Künstler:innen sprechen mit Lucie Tuma über die Guerilla-Geschichte des Radios, anschliessend musikalische Performance des Kollektivs
Samstag, 4. Juli, 16 Uhr
Öffentliche Führung
Weitere Informationen: www.kunsthallearbon.ch

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