von Barbara Camenzind, 17.02.2020
Eine Art Gegenwart

Der Gitarrist Uwe Kropinski und Michael Heupel an den Flöten verzauberten am Sonntag das Klangreich-Publikum in der Alten Kirche Romanshorn. Eine Erkenntnis des Abends: Jazz ist ein Universum. Keine Schublade. Aber: War es überhaupt Jazz?
Wozu ein Programmheft, wenn alles selbsterklärend ist. Oder eben nicht erklärt werden muss. Mit dem Konzert am vergangenen Sonntag war Uwe Kropinski schon das dritte Mal in Romanshorn zu Gast. Mit gutem Grund, wie das zahlreich erschienene Publikum gleich feststellte.
Was ist schöner, als wenn Kropinski Gitarre spielt? Wenn Michael Heupel mit ihm zusammen musiziert. Mit dem Stück „Hallo Paul“ tauchten die beiden erst einmal in die Welt der zarten Avantgarde ein. Schönschräge Patterns reihten sich zwischen melodiöse Arpeggi um dann im Nichts zu vergehen. „Nightmare Blues“ ein liebevoll-boshaftes Duett zwischen schnaubender Flöte und blautönenden Saiten. Der Blues schälte sich erst gegen Ende aus den Windungen.
Video: Michael Heupel im Porträt (2015)
Faszinierendes Zusammenspiel
Dann die „Mitbringsel“ der beiden aus Tanzania, die Bassflöte entpuppte sich als Meisterin der Obertöne und die Gitarre als Perkussionsinstrument. Das klang sehr schamanisch und erinnerte an ein Gedicht aus der Mongolei: „Kühne Trommel du mein Pferd“. Doch die Session der beiden Musiker entführte einen flugs nach Spanien. Er könne zwar keinen Flamenco spielen, meinte Kropinski, als er das Stück „Tribute to Paco de Lucia“ ankündigte. Kann er doch. Er spielt keine Gitarre, er ist eine.
Es ist müssig, hier die Stückabfolge zu dokumentieren, denn das, was einem sprachlos staunen liess, an diesem Abend, ist das Zusammenspiel der beiden Männer. Die herrlich-flapsigen Ansagen waren schon ein Schmankerl für sich. Aber diese Präzision, diese punktgenauen Zuspiele, Wechselspiele - mit freien Parts und komponierten Teilen: Sie mussten sich nie suchen, sie fanden sich stets. Sie waren sich im wahrsten Sinne des Wortes gegenwärtig.
Video: Uwe Kropinski live in Berlin (2019)
Trancehafte Girlanden in Rhythmus und Repetition
Kropinski ist ein sehr guter Komponist. Heupel auch. Beide sprechen die gleiche Sprache, das war hör- und fühlbar. Kropinskis Kompositionen sind auch handwerklich sehr gut gemacht. Von den Patterns der klassischen Moderne, die fast etwas an Boulez erinnerten, über die klugfreche Auseinandersetzung mit Bachs linearen Kostbarkeiten bis hin zu den trancehaften Girlanden in Rhythmus und Repetition.
Ob das jetzt Jazz war oder nicht, ist eine obsolete Frage. Wer derart gescheit, sensibel und virtuos als Musikschaffender unterwegs ist, muss in keine Schublade passen. Es bleibt zu hoffen, dass Uwe Kropinski auch noch ein viertes Mal bei klangreich auftreten wird - bitte wieder zusammen mit Michael Heupel. In der klangreichen Wundertüte der beiden steckt sicher noch einiges, was ihre Fans begeistern wird.
Nächstes Konzert bei klangreich alte kirche romanshorn
Chant 1450 & Christan Zehnder
Musica Transalpina
Frühlingsmusik aus England
Sonntag, 22. März 2020, 17 Uhr
Mehr zur Konzertreihe Klangreich gibt es auch hier: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/ein-bisschen-zauber-in-der-alten-kirche-4189

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