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Endlich ein Grund zur Panik!

Endlich ein Grund zur Panik!
Denkst du, das ist Luft, die du da atmest? Wenn die Technologie immer besser wird, stellt sich die Frage nach dem Unterschied zwischen digitalem und analogem Raum nochmal viel dringlicher. Eine Ausstellung im Steckborner Haus zur Glocke nähert sich dem Thema an. | © Canva

Grosse Frage: Wenn ohnehin bald alle Ausstellungen digital sind, wozu brauchen wir dann noch physische Museen? Das Steckborner Haus zur Glocke liefert spannende Denkanstösse zum Thema. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Es war wieder einer jener Tage, die besonders langweilig waren. Seit dem die KI den Menschen sämtliche Arbeit abgenommen hatte, es auch in sozialen Projekten immer mehr KI-basierte Helfer gab, wusste Hannah oft nicht, wie sie ihre Zeit verbringen sollte. Es war ein Montag im noch jungen Jahr 2124 und wie immer, wenn Hannah langweilig war, legte sie sich aufs Sofa und beschloss eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. 

Sie setzte den VR-Helm auf, scrollte über den Bildschirm vor ihren Augen, loggte Museumstour ein, markierte die Stationen Louvre, Tate Modern und MoMA und plötzlich ist sie mittendrin. Sie läuft über die Flure in diesem alten Gebäude, kann alles sehen, alles riechen, alles fühlen, was in diesen ehrwürdigen Pariser Räumen passiert. 

Sie trifft Freunde dort, die sie im analogen Leben nicht treffen würde, weil sie Tausende Kilometer entfernt von ihr wohnen. Sie kann sich gar nicht vorstellen, dass ein Museumsbesuch je anders gewesen sein könnte. „Schon komisch“, denkt sie für sich, „früher haben die Menschen riesige Gebäude dafür gebaut zu denen man manchmal stundenlang anreisen musste. Zum Glück ist das heute anders!“

 

Wie werden virtuelle Realitäten und künstliche Intelligenz den Museumsbesuch verändern? Bild: Canva

Ist das Museum mehr als ein Ausstellungsort?

Und damit Ende der Vision und herzlich willkommen zurück im Jahr 2024. Niemand kann derzeit sagen, wie weit wir von der Vorstellung des allzeit und umfassend erlebbaren Museums in einer Welt aus virtuellen Realitäten noch entfernt sind. Aber trotzdem ist die Frage, die Hannah sich im Jahr 2124 stellt, schon heute aktuell: Wenn wir eh bald alle in Metaversen unterwegs sind, wozu brauchen wir dann noch Museen als physische Orte? Macht es einen Unterschied, ob ich einem Werk leibhaftig gegenübertrete oder nur eine digital erstellte Kopie davon betrachte?

Genau an diese Frage dockt eine aktuelle Ausstellung im Steckborner Haus zur Glocke an. Das gesamte vergangenen Jahr stand unter der Fragestellung „Kunst als Ritual?“ und jetzt steht noch bis Ende Januar die Rolle des Raums im Mittelpunkt. „Wie stark ist die Kunst in der Rezeption vom Ort ihrer Präsentation bestimmt? Welche Rolle kommt dem Ritual des Museumsbesuches zu?“, fragen die Ausstellungsmacher:innen in ihren Erläuterungen. Und damit ist man dann recht schnell bei der Frage, ob der digitale Raum den analogen Raum irgendwann ersetzen wird. 

Der Drang zur Digitalisierung

Die Vorgeschichte dazu geht so: Spätestens seit der Corona-Pandemie haben viele Museen gemerkt, dass sie die Digitalisierung bisher ziemlich verschlafen hatten. Die Folge: Die Seuchennotlage beschleunigt die Digitalisierungs-Bemühungen in sehr vielen Häusern dramatisch. Beinahe täglich entstehen seither neue digitale Vermittlungsformate, jedes Museum hat plötzlich potenziell die ganze Welt zu Gast, die Euphorie über die neuen Möglichkeiten und Reichweiten ist gross, ebenso die Hoffnung darauf, dass nun ganz viele Menschen Museen entdecken, die bisher einen grossen Bogen um diese Häuser machte.

Bei den vielen guten Argumenten, die für die Ausweitung digitaler Angebote in den Museen sprechen, stellt sich da perspektivisch und langfristig betrachtet trotzdem die Frage: Sind wir längst mitten in einer Transformation und die Museen schaffen sich mit ihrem digitalen Engagement als physisch begehbare Orte selbst ab? Oder anders gefragt: Wer geht schon noch in ein Museum, wenn er das Museum ständig in der Hosentasche bei sich hat?

Die Idee: Digitales und Analoges zusammen denken 

Judit Villiger, Gründerin und Kuratorin des Haus zur Glocke, hat da eine sehr klare Haltung. „Für mich geht es nicht darum, ob das eine das andere ersetzt. Es geht darum, beides gemeinsam zu denken und für die Kunst aus beiden Welten das beste und überzeugendste Werk rauszuholen“, sagt Villiger an einem Samstag im Dezember bei einem Gang durch die Ausstellung, die sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Schwarz kuratiert hat. Gezeigt werden Arbeiten von Alexandra Siegrist, Jan Hofer, Alexandra vom Endt und Géraldine Honauer.

Beim Rundgang durch das mittelalterliche, kleine und verwinkelte Steckborner Kunsthaus begleitet einen vor allem eine Frage: Welche der Arbeiten könnte man nicht genauso gut auch digital erleben? Die auf Grossformat aufgeblasene Postkarte von Alexandra vom Endt, die sich mit Fragen der Erinnerung auseinandersetzt? Das Video von Jan Hofer, das den Transport seiner überdimensionalen, aufblasbaren Kunststoff-Objekte, von Genf nach Steckborn dokumentiert? Die an der Wand hängenden Keramiklöffel von Alexandra Siegrist, die auf Partizipation angelegt sind? Oder Géraldine Honauers Non Fungible Token (NFT) von Fotografien leer gegessene Suppenteller?

Eine richtig eindeutige Antwort gibt die Ausstellung nicht. Aber das will sie auch gar nicht. Die Ausstellungsmacher:innen und die Künstler:innen zeigen Perspektiven auf, die Antworten auf die Fragen der Ausstellung müsse schon jede:r Betrachter:in für sich selbst finden, sagt Judit Villiger. Und tatsächlich liest man beim Rundgang am ehesten ein „Sowohl als auch“ heraus, als eine entschiedene Parteinahme für eine Seite der Debatte. 

 

Braucht es noch physische Ausstellungsräume, wenn alles digital ist? Das Steckborner Haus zur Glocke positioniert sich zum Thema. Bild: Kaspar Schweizer/Haus zur Glocke

Was den physischen vom digitalen Raum (noch) unterscheidet

Natürlich könnte man Alexandra vom Endts Postkarten oder ihr horizontal sich ausbreitendes Grosswerk „Oversize“ auch auf einem Bildschirm betrachten, aber es wäre nicht dasselbe. Klar kann man auch Jan Hofers Video digital anschauen, aber die Erfahrung, die die Transporteur:innen seiner „Geschwüre“ auf dem Weg von Genf an den Bodensee im Zug machten, sind nicht digital reproduzierbar. Und ja, Alexandra Siegrists Keramiklöffel lassen sich auch digital betrachten, aber das explizit auf Teilhabe und gemeinsames Erlebnis ausgelegte Werk würde dann um seine Mehrdimensionalität beraubt. 

Andererseits: Im digitalen Raum können die Künstler:innen - rein theoretisch - ein viel grösseres Publikum erreichen als mit einer Ausstellung in einem kleinen Kunsthaus im Thurgau. Die Zugangsschwellen sinken dramatisch, viel mehr Menschen bekommen digital die Chance teilzuhaben an der Kunst. Die theoretische Sichtbarkeit nimmt deutlich zu. 

„Für mich ist essentiell, dass sich die Besucher:innen rund um das Werk bewegen können, dass sie ihren Standpunkt verändern und aus verschiedenen Perspektiven betrachten können, das ist in der Eindimensionalität des Netzes nicht möglich.“

Alexandra vom Endt, Künstlerin

Die Künstlerin Alexandra vom Endt bleibt trotzdem skeptisch: „Das Haptische geht verloren im Digitalen, das finde ich schwierig. Für mich ist essentiell, dass sich die Besucher:innen rund um das Werk bewegen können, dass sie ihren Standpunkt verändern und aus verschiedenen Perspektiven betrachten können, das ist in der Eindimensionalität des Netzes nicht möglich“, sagt sie im Zoom-Gespräch. In der physischen Begegnung fordere die Kunst auch mehr die Auseinandersetzung heraus. „Ein Museumsbesuch dauert in der Regel länger als fünf Minuten, man nimmt sich viel mehr Zeit. Im Internet kannst du Dinge schnell wegwischen, das macht einen Unterschied.“

 

Postkarte im XXL-Format: Arbeit der Künstlerin Alexandra vom Endt im Haus zur Glocke. Bild: Kaspar Schweizer/Haus zur Glocke

 

Ganz so eindeutig sieht es Jan Hofer nicht: „Ob ein Kunsterlebnis analog oder digital eindrücklicher ist, kann man nicht pauschal sagen. Das hängt ganz stark von der jeweiligen Arbeit ab. Ich sehe es als Chance, dass wir beide Inszenierungsoptionen haben“, sagt der Künstler. Einmalige und besondere Erlebnisse könne man auch mit virtuellen Werken haben. Ausserdem, so Hofer, „in einem Museum werden Arbeiten nur von Menschen gesehen, die sich ohnehin für Kunst interessierten, im digitalen Raum hat Kunst mehr Chancen von mehr Menschen gesehen zu werden.“ 

„Im digitalen Raum hat Kunst mehr Chancen von mehr Menschen gesehen zu werden.“

Jan Hofer, Künstler

Das sieht Alexandra Siegrist ähnlich: Bestimmte Formen von Kunst liessen sich in den digitalen Raum überführen, andere nicht. Es liege an den Künstler:innen zu entscheiden, wann sie welche Form wählen.

 

Jan Hofers "Geschwüre" wurden aufgeblasen mit dem Zug nach Steckborn transportiert, in der Ausstellung liegen sie zusammen gekauert in einer Ecke. Bild: Kaspar Schweizer/Haus zur Glocke

Sind Museen überhaupt noch so genannte „Dritte Orte“?

Die Debatte geht aber über einzelne Werke hinaus. Wenn Museen als physische Orte verschwinden, was wird dann aus der oft behaupteten Wendung, dass Museen heute auch sie genannte „Dritte Orte“ seien? Also Orte, die neben die Wohnung und dem Arbeitsplatz treten und den Raum für Begegnung, Austausch und Selbsterfahrung eröffnen? Unter dem Titel „The great good place“ veröffentlichte der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg 1989 sein Werk, das die Idee vom „dritten Ort“ der Öffentlichkeit vorstellte.

Demnach sind Wiener Kaffeehäuser, britische Pubs und deutsche Biergärten solche Orte, die soziale Räume schaffen. In amerikanischen Vorstädten seien sie, so Oldenburg, aufgrund der Motorisierung der allermeisten Bewohner:innen gegen Ende des 20. Jahrhunderts beinahe ganz verschwunden. Zum Ausgleich von Arbeits- und Familienleben sei ein solcher Ort nötig, der unter anderem gesellschaftlichen Austausch unter Gleichberechtigen an einem frei zugänglichen Platz ermöglicht. In der Kulturpolitik sehen viele in Museen Potenzial für solch „dritte Orte“.

Raus aus den Museen, rein in die Quartierszentren?

Geben wir das auf, wenn der physische Begegnungsort Museum wegfällt? Jan Hofer zweifelt daran, ob Museen überhaupt solche Treffpunkte sind: „Bei Vernissagen sind sie sicher ein wichtiger Begegnungsort für die Kunstszene, aber wenn ich in Ausstellungen gehe, die schon länger laufen, dann erlebe ich Museen nicht als besonders belebte und spannende Orte.“ Wirkliche Begegnungen sehe er eher in Community Centres und Quartierszentren, die nicht nur für Kunst und Bildung da seien, sondern ganz verschiedene Nutzungen zusammenbringen. „Das finde ich viel spannender als herkömmliche Museen“, sagt Hofer. 

Das Steckborner Haus zur Glocke selbst versucht in einem umfassenden Rahmen zu wirken. Zu jeder Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, das Dialog, Austausch und Begegnung ermöglichen soll: „Man kann bei uns Kunst erleben, muss es aber nicht. Wir versuchen, ein offener Ort für Steckborn zu sein“, sagt Gründerin Judit Villiger. Sie sagt aber auch, dass das nie ein Selbstläufer sei. Um Besucher:innen müsse man sich immer bemühen. „Heute fast noch mehr als vor der Pandemie, viele Menschen sind bequem geworden“, sagt Villiger. 

Aus ihrer Erfahrung weiss sie: „Wir haben mehr Besucher, wenn wir spezifische Dinge anbieten und das Publikum sehr genau weiss, worauf es sich einlässt und was sie erwarten können. Eine Ausstellung alleine bringt uns nicht die Massen ins Haus“, so die Kuratorin.

 

Löffel an der Wand: Partizipatives Kunstwerk von Alexandra Siegrist im Steckborner Haus zur Glocke. Bild: Kaspar Schweizer/Haus zur Glocke

Was, wenn die Technologie noch besser wird?

Und jetzt? Was bedeutet das für die Ausgangsfrage? Brauchen wir Museen auch dann noch als physische Orte, wenn sich die Inhalte längst ins Digitale verlagert haben? Stand jetzt lautet die Antwort: Ja. Grösse, Geruch, Atmosphäre, die spezifische Raumsituation - all das lässt sich heute noch nicht für jedes Museum in den digitalen Raum übersetzen. „Der physische Raum bleibt wichtig, weil es einen Unterschied macht, in was für einem Ort ich ein Werk betrachte“, sagt Andreas Schwarz, Kurator im Haus zur Glocke.

Für den Moment mag das stimmen. Aber was, wenn die technologische Entwicklung weiter voran schreitet? Was, wenn wir einestages virtuelle Realitäten nicht nur sehen und riechen, sondern auch fühlen können? Wenn wir, wie Hannah im Jahr 2124, einfach einen VR-Helm aufsetzen und alle Museen dieser Welt in einem Wimpernschlag besuchen können? Wenn künstliche Intelligenz Räume simulieren kann von denen wir nicht mehr sagen können, ob die jetzt echt sind, oder nicht? 

Dann stellt sich die Frage nach dem Unterschied zwischen analoger und digitaler Welt noch mal viel dringlicher. Am Ende ist es die Frage, ob alles, was uns als Menschen ausmacht irgendwann digital reproduzierbar sein wird. Und was das denn für eine Welt sein wird. 

 

Suppe, Workshops, Führungen: Das Rahmenprogramm zur Ausstellung

Samstag, 13.01.24 - 17 Uhr: 
Gemeinsamer Rundgang durch die Ausstellung
in Anwesenheit der Künstlerin Alexandra Siegrist

Sonntag, 14.01.24 - 17 Uhr: Führung durch die Ausstellung
Ausstellung ist von 14 bis 18 Uhr geöffnet

Mittwoch, 17.01.24 - 19:30 Uhr:
 "Wort + Werk"
Dr. Ute Hübner führt im Gespräch durch die Ausstellung

Samstag, 20.01.24 - 17 Uhr: 
Künstlergespräch mit Jan Hofer

Sonntag, 21.01.24 - 17 Uhr: Führung durch die Ausstellung
Ausstellung ist von 14 bis 18 Uhr geöffnet

Mittwoch, 24.01.24 - 17 Uhr: 
Ausstellung bis 21 Uhr geöffnet
ab 17 Uhr Apéro in der Wirtschaft zum Haus zur Glocke

Samstag, 27.01.24 - 15 Uhr: 
Workshop "Eintauchen in die blaue Lagune"
mit Alexandra vom Endt

Samstag, 27.01.24 - 17 Uhr: Finissage "Ausstellungsraum und Handlungsraum"
gemeinsamer Rundgang mit den anwesenden Künstler:innen

 

 

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