von Jeremias Heppeler, 05.11.2026
Es kratzt, knallt und scheppert

Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V. (Lesedauer: ca. x Minuten)
Es ist der finale Aufnahmetag zur neuen S.G.A.T.V.-Platte Now To Ruin und es fehlt noch ein letzter Song zur Vollendung. Die Band ist ausgelaugt, denn sie hat diesen Prozess ziemlich unterschätzt. Alles zieht sich schon viel zu lang und auch wenn die bisherige Platte bereits aus einer Menge Brettern besteht, braucht es dringend den finalen Sargnagel. Aber Severin Beerli und Jorge Oswald sind durch. Jeder Versuch verläuft im Nichts, der Frust steigt.
Es braucht einen Dosenöffner. Und den findet die Band ausgerechnet in Irland. Also nicht ganz. Aber mindestens im ortsansässigen Irish Pub, wo das Duo gemischt frittierte Partyplatte und mehrere Guinness gen Valhalla schickt und danach wie neugeboren die Scheibe über die Ziellinie hievt. Die Partyplatte aber reift zum Symbol: Manchmal braucht es einen kurzen Tapetenwechsel, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Wer S.G.A.T.V. in den letzten Jahren auf Social Media verfolgt hat, der:die wurde Zeug:in einer wirklich verrückten Reise durch Europas Subkultur. Denn das 2020 vom Frauenfelder Severin Beerli ins Leben gerufene Synth-Punk-Projektmonster fräst sich mittlerweile als mehrköpfige Hydra mit geradezu absurder Energie durch internationale Festivalshows und Undergroundclubs, während die versammelten Punkheads, Circle-Pit-Liebhaber:innen und Popo-Connaisseure:innen von Skandinavien bis Sardinien kollektiv bonkers gehen zum Thurgau Punkrock.
Reinhören: So klingt das neue Album
Langer Weg zum Album
«Mir gefällt diese Monster-Metapher ganz gut», sagt Severin auf die Frage, wie wichtig die Live-Energie für seine Band ist, «denn irgendwie hat das Projekt wirklich eine wilde Eigendynamik angenommen, die ich mir zu Beginn niemals hätte vorstellen können. Wir pflegen tiefe Freundschaften und dass diese durch das viele Unterwegssein noch verstärkt werden, macht die Zusammenarbeit meist ziemlich einfach. Klar kann es auch mal krachen, aber in der Regel sind wir ein gut eingespieltes und harmonisches Team.
Aus diesem Grund und auch, weil sich die Band so entwickelt hat, dass sie mittlerweile mehr live stattfindet als im Studio, haben wir uns dazu entschieden, das Album zum ersten Mal mit der gesamten Band aufzunehmen.» Die gesamte Band, das sind Severin Beerli am Mikrofon, Jorge Oswald an den Synths, Hannes Bissegger am Bass, Elias Gamma am Schlagzeug sowie Luca Harder, Leonardo Pedrocca und Andrew Müller an den Gitarren.
Nach einem durchaus langwierigen Aufnahme- und Planungsprozess, den die Band laut eigener Aussage massiv unterschätzt hatte, erblickte Now To Ruin im Oktober 2026 das Licht der Welt. Und bringt die Energie von den Konzertbühnen zurück ins reine Audioformat. «Uns war es wichtig, dass wir den ganzen Prozess in Eigenregie machen. Vom ersten Ton bis zum Cover haben alles Leute aus der Band kreiert. Dies war am Ende etwas aufreibend, aber für alle eine lehrreiche und spannende Entwicklung.»
Evolution und Frankenstein
Der Sound der Platte offenbart ziemlich konsequente Evolutionsschritte in der S.G.A.T.V.-DNA. Die ikonischen Synth-Punk-Melodien, die mit Vorliebe im Background wabern, sind zwar noch vorhanden, aber insgesamt wirkt Now To Ruin Riff- und Metal-lastiger als frühere Kompositionen der Band. Songs wie Dragonslayer bauen sich in Form von waschechten Metalbangern auf, zerfallen dann wieder in ihre Einzelteile, nur um mit Frankenstein-mässiger Kreativität abermals zusammengeflickt zu werden. Genregrenzen zergehen in grandiosen Kompositionen wie Towers of Tyranny oder der Hit-Hymne Facedown in the Mud als ausgefranste Nähte, die mit Mühe und Not die zuckend pumpenden Soundwellen zusammenhalten. Insgesamt klingt S.G.A.T.V. 2026 wohl mehr nach Black Flag als nach Misfits. Aber verdammt nochmal: Es werden immer noch Ärsche gekickt!
«Beim Songwriting entwickelt sich bei mir das Meiste aus dem Moment heraus. Da ich in den letzten Jahren wieder viel mehr meine ewige Liebe Heavy Metal gehört habe, war es unvermeidbar, dass sich dies bei S.G.A.T.V. niederschlägt. Dass wir das Album als Band aufgenommen haben, hat vermutlich den rockigen und gitarrenlastigen Aspekt noch verstärkt», erklärt Severin die Weiterentwicklung, die sich auch im Artwork und in den Texten wiederfindet. Denn dort hat sich eine gewisse Fantasy-Ästhetik eingeschlichen, die der Platte einen fast schon spielerischen Anstrich verpasst, der auf Gaming- und Nerdkultur verweist.
«Aber ja … ich bin halt wie die meisten in unserer Band auch einfach ein Riesennerd. Ich habe S.G.A.T.V. tatsächlich schon immer als nerdiges Projekt verstanden, als eine Sci-Fi-Soundtrackvariante des Punk. So habe ich viele Songs so geschrieben, dass sie gewisse Bilder in mir hervorrufen oder Stimmungen erzeugen, und zumindest für mich sind diese Bilder oftmals tief in Sci-Fi und Fantasy verankert.»
Diese Platte schleppt, kratzt, knallt und scheppert, dass es eine wahre Freude ist, und Stücke wie Van Haleth oder Living Nightmare lassen eure Kopfhörer oder Boxen wirklich keine Sekunde Verschnaufpause. Könnte man Audioausschläge in Strom verwandeln, diese Band könnte wohl im Handumdrehen den ganzen Thurgau erleuchten. Das ist Punk. Das ist Metal. Das ist Schweinerock. Und vor allem: pure Energie. S.G.A.T.V. gehen nach vorn. Immer. Kompromisslos.
S.G.A.T.V. – Now To Ruin: erschienen im Oktober auf den gängigen Streamingplattformen, auf Bandcamp und auf Vinyl.
Hinweis: Der Text ist zuerst bei Saiten erschienen.

Weitere Beiträge von Jeremias Heppeler
- Festival und Feuerwerk (07.08.2026)
- Hip-Hop-Hochburg für drei Tage (06.07.2026)
- Warum Zuhören so wichtig ist (19.06.2026)
- Sehnsucht nach Freiheit (11.06.2026)
- Die Spitze des Zauberbergs (04.05.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
- Punk
Ähnliche Beiträge
Neue Musik für den Thurgauer Herbst
Vom Bunker in den Goldenen Dachs und bis nach Nashville: In den vergangenen Tagen sind zahlreiche neue Alben Thurgauer Musiker:innen erschienen. Wir geben einen Überblick. mehr
Avantgarde der Alltäglichkeit
Beat Keller und Joke Lanz sind das Duo «Two Dogs». Ihr neues Album zeigt, dass experimentelle Musik auch zugänglich sein kann. Im Dezember spielen sie auch in Weinfelden. mehr
bandXost: Die Bühne gehört dem Nachwuchs
Der Nachwuchs-Bandwettbewerb bandXost machte am Samstag Station in Frauenfeld. Auf der Bühne: vier Thurgauer Bands. Davor: Unsere Autorin Elke Reinauer. Einblicke in die Welt der Nachwuch-Musiker:innen. mehr

