von Jeremias Heppeler, 07.08.2026
Festival und Feuerwerk

Lasst uns direkt zu Beginn einmal ganz ehrlich sein: Festivals sind harte Arbeit. Hitze. Regen. Menschenmassen. Ihr kennt doch das Spiel. Und egal wie schön so ein Wochenende auf einem grossen Festival auch sein mag, wirklich erholt ist noch keiner zurückgekommen. Zum Glück gibt es auch die unabhängigen Gegenentwürfe zu den gigantischen Events der Mainstream-Platzhirsche. Festivals wie das Kultling, das am 7. und 8. August seine Tore öffnet – bezaubernde Location, zwei handvoll Bands, gutes Essen und kühle Drinks. Was will man mehr? Naja, ein Feuerwerk vielleicht?
Doch werden wir einmal konkreter: Das Kultling entfaltet sich Jahr für Jahr im Kreuzlinger Seeburgpark direkt am Ufer des Bodensees (Leute, packt die Badehosen- und Badeanzüge ein!) als Umsonst-und-draussen-Event, das sich über Getränkeverkäufe und Kollekte finanziert. Wobei, so ganz richtig ist das nicht: Am Festivalsamstag müssen die Besucher und Besucherinnen zumindest den Eintritt des Seenachtsfestes latzen (20 Franken), werden dafür aber mit besten Plätzen auf das Feuerwerk belohnt. Wer erst zum Headliner Frytz und zum anschließenden DJ-Programm vorbeischaut, der muss für den Eintritt nur 5 Franken einplanen.
Organisiert von einem Team von hochmotivierten Ehrenamtlichen entsprang der Verein 2014 aus der Idee ein Abschlusskonzert an die Dernière des See-Burgtheaters anzudocken. Auch 2026 überzeugt das Konzept und die Bandauswahl mit einer gesunden Mischung aus regionalen und überregionalen Bands, die schnell vermuten lässt, wieviel Herzblut in diesem Festival steckt.
Und wisst ihr, was für einen Musikjournalisten das Schönste an so kleinen Line-ups ist? Wir können euch jeden Act im Line-up persönlich vorstellen. Also let's go:
Freitag
Tinka schreibt Songs, die ihre Stärke nicht aus Durchschlagskraft, sondern aus Präzision und einem Gespür für den richtigen Moment ziehen. Zwischen die Indie-Pop Strukturen der Ostschweizerin schieben sich vorsichtig elektronischen Texturen und eine Stimme, die eher umarmt als sich aufdrängt. Ein idealer Opener.
In Kooperation mit dem Konstanzer Kulturladen springen die Konstanzer von The Cone über die Grenze und es dürfte schon eine Herausforderung darstellen, die zehnköpfige Truppe auf der kompakten Kultling-Bühne zu verstauen. Rund um das Konstanzer Label Moody Records versammelt die Band wuselnde musikalische Einflüsse zu einem Soundgemisch, das selbstsicher in alle Himmelsrichtungen groovt und auch stilistische Grenzen spielerisch hinter sich lässt.
Heera gelingt der duale Spagat zwischen Songwriting-Intimität und grossen Gefühlsgesten mit bewundernswerter Konsequenz. Die Musik ist komplex produziert, die Stücke agieren raumfüllend ohne jedwedes Manspreading. Eine wirklich erfüllende, weil ergreifende und an manchen Stellen etwas berechenbare Hörerfahrung, die sich hoffentlich auch auf die Kultling-Bühne übertragen lässt.
Wenn man sich eine ideale Band für einen warmen Sommerabend schnitzen müsste, Montezuma würden wohl eine fast schon ideale Blaupause markieren: Eine Band, die Weltmusik, Elektronik, Jazz, Blues und Indie kombiniert – tanzbar, abwechslungsreich, wild und gefühlsecht.
Samstag
Während viele Bands den Achtzigern irgendwie unbeholfen lediglich hinterher zitieren, machen Reviväl gar keine Kompromisse: Mit druckvollen Riffs, hymnischen Refrains und massiver Haarspraymähne verklärt die Bündner Band Classic Rock nicht einfach nur nostalgisch, sondern scheppert uns als lebendige Gegenwart entgegen. Ideal um sich die vielleicht zu lange Freitagnacht aus den Gliedern zu shaken.
Gini Brown lässt keine Zweifel daran, dass sie Echtheit über Perfektion stellt. In der Musik der Singer-Songwriterin geht es um aufgeschäumte, ungefilterte Emotionen und es geht um tiefen Trost und es geht um fehlende Worte und wie man diese wiederfindet. Musik, die einen nicht kalt lässt, die abhebt und schwebt und manchmal wieder mit aller Kraft aufprallt.
frytz kommt aus der süddeutschen Provinz (Biberach an der Riß), seine Musik, die sich zwischen Indie und Hip-Hop entspannt, klingt aber eher nach Hauptstadtszene und ist getrieben vom Anspruch den Puls der Zeit ohne jede Asynchronität in Melodien zu samplen. Heisser Kandidat um in fünf Jahren angeberisch zu sagen: „Ich hab den ja damals noch auf einem kleinen Festival gesehen...“
So ergibt sich ein überaus vielfältiges und liebevolles Lineup, das in letzter Konsequenz vielleicht ein wenig einen roten Faden vermissen lässt. Aber: Das muss nichts Schlechtes heissen, eher im Gegenteil. Wenn Fans von Reviväl später frytz entdecken und dazu viben – und natürlich auch andersrum – dann ist dem Kultling-Team etwas ganz besonderes gelungen. Die Devise heisst: Drauf einlassen!

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Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
Kommt vor in diesen Interessen
- Pop
- Rock
- Indie
- Hip-Hop
Dazugehörende Veranstaltungen
Kulturplatz-Einträge
Verein kultling
8280 Kreuzlingen
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