von Michael Lünstroth, 20.02.2019

Es wird wieder gesungen

Es wird wieder gesungen
Zwei Erneuerinnen des Chansons: Sarah Hakenberg und Uta Köbernick. Beide spielen beim Festival "Kabarett in Kreuzlingen". | © PNP Pierach/Mirco Rederlechner

Chansons galten vor nicht allzu langer Zeit noch als ziemlich altbacken und verstaubt. Jetzt feiert das Genre eine Wiedergeburt auf deutschsprachigen Bühnen. Das liegt auch an Kabarettistinnen wie Sarah Hakenberg und Uta Köbernick. Beide sind in den nächsten Wochen beim Festival „Kabarett in Kreuzlingen“ auf der Bühne zu sehen. 

Eigentlich, sagt Sarah Hakenberg, habe sie nie auf der Bühne singen wollen: „Künstler sind dann besonders stark, wenn sie sich auf eine Disziplin konzentrieren, die sie wirklich gut können. Deshalb dachte ich, wenn ich meine Texte vorlese, dann reicht das doch.“ Dabei ist Musik natürlicher Teil des Lebens der gebürtigen Kölnerin: Seit sie 5 Jahre alt ist, spielt sie Klavier. Aber erst als sie von Bekannten angesprochen wird, sie solle doch auch mal was mit Musik auf der Bühne machen, probiert sie es aus. „Ergebnis war, dass die Leute hinterher gesagt haben, schöne Texte, aber das Lied hat mir am besten gefallen“, erzählt die Kabarettistin im Gespräch mit thurgaukultur.ch Seither singt sie sehr viel in ihren Programmen. So gut, dass sie 2015 unter anderem den Deutschen Kabarettpreis erhält. 

Hakenberg steht mit ihrer Kunst tatsächlich für so etwas wie eine Wiedergeburt des Chansons auf deutschsprachigen Bühnen. Vor nicht allzu langer Zeit galt die Kunstform als verstaubt und altbacken, inzwischen wird wieder sehr viel gesungen auf den Kabarettbühnen. Klickt man sich durch die verschiedenen Videoclips auf Sarah Hakenbergs Internetseite, dann ahnt man schnell, woher diese neue Popularität kommt. Mit grossem Witz und feiner Beobachtungsgabe erzählt Sarah Hakenberg kleine Geschichten, die vertraut daher kommen, aber dann oft doch ganz überraschend enden. Gesellschaftskritik und eine klare Haltung gehören für Sarah Hakenberg dazu: „Bei all dem, was gerade auf der Welt passiert, kann man sich dem auf der Bühne nicht entziehen. Da gilt es schon, Positionen zu beziehen“, findet Hakenberg. 

Video: Sarah Hakenberg "Kinderfest der NPD"

Von poetisch bis sarkastisch ist viel möglich

Die Musik ist bei ihr nebensächlich, der Text steht immer im Mittelpunkt. Und doch ist die Wirkung mit Musik eine andere als ohne: „Das Lied ist sinnlicher als das gesprochene Wort. Es geht nicht nur an den Kopf, sondern auch an den Bauch“, sagt Sarah Hakenberg. Wenn man so will ist die Musik ein zusätzlicher Anker, den die Künstlerin in Herz und Hirn der Zuschauer auswirft. Damit die Botschaft auch wirklich ankommt. 

Fragt man die 40-jährige Kabarettistin, was ein gutes Chanson ausmacht, dann sagt sie sehr schnell: „Die Originalität!“ Das Thema sei erstmal egal, ob man nun über die Liebe oder seinen Toaster singe, sei zunächst nebensächlich. Wichtiger sei, dass der Text eine neue Sichtweise auf ein Thema vermittele. „Es sollte überraschend sein. Aber unterschiedliche Chansons haben auch unterschiedliche Qualitäten - von poetisch bis sarkastisch ist da viel möglich“, so Hakenberg.

Die Frauen treiben dem Kabarett die Zeigefinger-Moral aus. Endlich.

Neben Hakenberg zählt auch die heute in Zürich lebende Uta Köbernick zu den Erneuerinnen des Chansons. Sie sagt: „Die Wahrnehmung des Chansons war lange verstaubt. Heute ist Kunst mit den Mitteln des Chansons wieder stärker geworden.“ Die Kabarettistin hat in den vergangenen Jahren fast alle wichtigen Preise ihrer Branche gewonnen: Deutscher Kleinkunstpreis (2009), Preis der Deutschen Schallplattenkritik (2011), Salzburger Stier (2016). Für sie hat die Musik immer dazu gehört: Ihre Kindheit ist vom Gesang, vor allem klassisch, geprägt. „Mit 15 habe ich angefangen, Lieder zu schreiben. Die Ausdrucksform über das Lied lag mir nahe“, erzählt Köbernick. Mit dem Lied als Erzählform könne man auf der Bühne ganz anders arbeiten: „Man kann Geschichten erzählen, man kann mit dem Refrain arbeiten. Auf diese Weise kann es sich beim Zuhörer ganz anders festsetzen“, findet Köbernick.

Wenn sie an neuen Programmen arbeitet, dann entstehen die auch immer über die Lieder. „Das ist wirklich meistens der Anfang, daraus entwickelt sich alles weitere“, sagt Uta Köbernick. Mit ihrer Kunst wolle sie vor allem zeigen, dass man „aus verschiedenen Winkeln auf ein Thema blicken kann“. Von der im Kabarett lange Zeit üblichen Zeigefinger-Belehrung des Publikums hält sie nichts: „Das interessiert mich überhaupt nicht“, so die 43-Jährige. Inhaltlich sind Uta Köbernick und Sarah Hakenberg nicht weit voneinander entfernt: Beide betreiben gesellschaftskritisches Kabarett, Köbernick etwas düsterer, Hakenberg etwas fröhlicher. Unterhaltsam sind sie beide auf ihre Weise.

Video: Uta Köbernick auf der Künstlerbörse Thun

Nur im TV ist die Wiederbelebung des Genres noch nicht angekommen

Die neue Blüte des Chansons hat aber auch ihre Grenzen: In Kabarett- oder Satiresendungen im Fernsehen wird so gut wie nie gesungen. Uta Köbernick und Sarah Hakenberg kennen das Problem: TV-Redakteure lehnen Liedbeiträge meistens ab, weil sie fürchten, dass die Einschaltquote bei Liedern nach unten geht. „Man traut dem Lied da zu wenig zu“, findet Uta Köbernick. Auch Sarah Hakenberg bedauert, dass es dafür im TV kaum Platz gibt: „Das ist eine vertane Chance. Mit dem Lied können wir Zuschauer ganz anders erreichen. Es öffnet leichter die Herzen als ein reiner Wortbeitrag“, so Hakenberg. Was in Liveprogrammen auf der Bühne funktioniert, müsste doch auch über den Bildschirm wirken. Vielleicht ist aber auch das nur eine Frage der Zeit. Bis Trends im Fernsehen ankommen, dauert es ja meistens eine Weile. Bis es soweit ist, kann man weiter Kabarett- und Kleinkunstbühnen besuchen. Das ist ohnehin unterhaltsamer, als daheim auf der Couch rumzuliegen und in die Glotze zu schauen. 

Live auf der Bühne: Uta Köbernick und Sarah Hakenberg spielen beim Festival „Kabarett in Kreuzlingen“. Köbernick (mit dem Programm «Ich bin noch nicht fertig») am Samstag, 23. Februar, Theater an der Grenze, Hakenberg (mit dem Programm «Nur Mut!») am Samstag, 23. März, Theater an der Grenze. Tickets dafür gibt es hier. Uta Köbernick ist ausserdem als Moderatorin des Kleinkunstfestival "Die Krönung" in Aadorf am Freitag, 8. März, zu sehen.

Video: Uta Köbernick in "Comedy aus dem Labor"

Video:  Sarah Hakenberg "Trau Dich!"

 

 

 

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