von Maria Schorpp, 14.01.2019

Ganz grosse Operette

Ganz grosse Operette
Grosse Show: Leopold Hubers «Ball im Savoy» feierte eine rauschende Premiere am Wochenende. | © Franco Baumgartner

Die Operette Sirnach schafft mit Paul Abrahams „Ball im Savoy“ allerbeste Unterhaltung und schlägt dabei auch Zwischentöne an. Leopold Hubers Inszenierung lässt erahnen, was los wäre, wenn die Treue zumindest als Idee nicht erfunden worden wäre.

Ein Jahr Hochzeitsreise. Für heutige Paare, die das opulente Hochzeitfeiern wiederentdeckt haben, der Traum schlechthin. Vielleicht auch nicht, die Zeiten sind allem Anschein zum Trotz pragmatisch geworden. Madeleine und Aristide können sich so viel Romantik jedenfalls leisten. Zudem müssen sie in Paul Abrahams Operette von ganz weit oben ganz tief fallen, quasi aus der Gondel in Venedig in den tiefen Abgrund des Ehealltags. Oder gar in den Abgrund einer zutiefst menschlichen Fähigkeit: der Widersprüchlichkeit. In diesem speziellen Fall handelt es sich um den Willen einerseits, treu zu sein, und den Hang zur sexuellen Abwechslung andererseits.

Paul Abraham wird nachgesagt, dass er kaum libidinöse Ambitionen hatte. Wohl aus dieser Distanz heraus konnte er sich in seiner Operette „Ball im Savoy“ so schön lustig machen über die Ehe und den mit ihr einhergehenden Versprechungen. Kommen Madeleine und Aristide also grad von ihrer Welthochzeitsreise zurück – ein Videoclip präsentiert den Daheimgebliebenen ein Traumpaar – und ein Tag später könnte das grosse Glück schon wieder vorbei sein. Was dazwischen abgeht, ist allerdings grosse Operette, für die das Premierenpublikum im Gemeindezentrum Dreitannen in Sirnach sich am Ende zu Standing Ovations erhob. So begeisternd kann das Thema Untreue sein. Vor allem wenn sie von einem Meister-Ironiker wie Leopold Huber inszeniert wird.

Starker Auftritt: Petra Halper König als Madeleine.
Starker Auftritt: Petra Halper König als Madeleine. Bild: Franco Baumgartner

 

Mit endzeitlicher Heiterkeit als Grundton 

Paul Abraham hat dazu eine meisterliche Vorlage geliefert, die mit ihrer Mischung aus überbordendem Rhythmus und Dissonanz nicht nur die Zeit der Weimarer Republik vertont, sondern mit ihrer absichtsvoll endzeitlichen Heiterkeit als Grundton für Gesellschaften im Umbruch taugt. Das Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda ist so geradlinig wie effektiv gestrickt und lässt damit viel Raum für Ausdeutungen. Da kommt just am Tag der Rückkehr die Depesche der Ex-Geliebten an, in dem sie von Aristide für den Abend das vertraglich zugesicherte letzte Souper einfordert. Kammerdiener Archibald, Bastian Stoltzenburg spielt ihn formvollendet als getreuer Handlanger, weiss auch in diesen Dingen, seinem Herrn zu Diensten zu sein.

Petra Halper König und Sebastian Brummer geben sowohl ihrer Liebe zueinander – dieser ganz besonders – als auch ihrer Wut aufeinander mitreissende Stimmen. In Stefanie Gygax und Giuseppe Spina haben sie ein nicht weniger imposantes Pendant: Sie singt und tanzt die Daisy, die amerikanische Freundin Madeleines, er ist Mustafa Bey, der türkische Attaché und Freund Aristides. Letztere Rolle eine Herausforderung in Zeiten, in denen ein Teil des Volks in allem Möglichen Diskriminierung wittert, während der andere uralte Vorurteile wiederbeleben möchte. Giuseppe Spina ist auf jeden Fall grossartig, wie er sich über seine Figur lustig macht und sie gleichzeitig ernst nimmt. Daisy und Mustafa, das ist auch Weltoffenheit, die Gefühlsdinge locker angeht.

Giuseppe Spina ist grossartig als Mustafa Bey.
Grossartig: Giuseppe Spina als Mustafa Bey. Bild: Franco Baumgartner

 

Anmerkungen zum Sexus des modernen Menschen

Grenzen gibt’s aber schon. Untreue geht auch bei ihnen gar nicht. Zumindest nicht die der anderen. So kommt es, dass Aristide auf den Ball im Savoy geht, um Tangolita – Simone Werner als stimmgewaltige Karikatur der heissblütigen Tangotänzerin – zum Souper oder was auch immer zu treffen. Seine Frau wähnt er zu Hause auf der Chaiselongue. Die Freundinnen haben die Lügengeschichte der beiden Freunde, mit der sie Madeleine vom Ballbesuch abhalte wollen, jedoch längst durchschaut. Madeleine taucht als halbseidene Lady in Red auf dem Ball auf. Eine heisse Angelegenheit, dieses Event, das Leopold Huber für ein paar Anmerkungen zum Sexus des modernen Menschen zwischen Pflicht und Vergnügen nutzt. Da tänzelt Madeleine an einer ganzen Reihe von maskierten Männern entlang, und man merkt ihr an, dass sie sich dabei durchaus etwas vorstellen kann. Wer weiss, was los wäre, wenn die Idee der Treue nicht erfunden worden wäre.

In Sirnach gelingt es, lückenlose Unterhaltung zu liefern, ohne das Drumherum auszublenden. Zum Schlager „Es ist so schön, am Abend bummeln zu geh'n“, vom Orchester unter Andreas Signer temperamentvoll intoniert, sind nach und nach immer mehr Menschen auf der Bühne auszumachen, deren Gesichter hinter Masken verschwinden, bis schließlich alle die starren Gesichtszüge tragen. Auch Hakenkreuzarmbinden tauchen auf. Hinter der Überschwänglichkeit lauern bereits die neuen Zeiten. Die Uraufführung der Operette fand 1932 in Berlin statt.

Hashtag #IchHabeMeinenMannBetrogen

Wie sich Madeleine gegen die Untreue ihres Gatten wehrt, ist operettenhaft und hochmodern. Sie nimmt sich den schüchternen Célestin, den Florian Steiner mit der richtigen Komik versieht, mit ins Séparée. Was dort tatsächlich passiert, weiss man nicht genau, sie behauptet auf jeden Fall, sie hat's getan. Zu sehen auf der im Stil des Art deco gehaltenen Sirnacher Operettenbühne (Bühnenbild von Leopold Huber) sind zwei Séparées, das eine mit den versierten Liebesabenteuerern, das andere mit diesen beiden rührend unerfahrenen Menschen. Was die Sache erst brisant macht: Madeleine posaunt ihren behaupteten Ehebruch in die Welt hinaus. Hashtag #IchhabemeinenMannbetrogen.  

Der „Ball im Savoy“ strotzt vor Anzüglichkeiten, die in Sirnach szenisch und musikalisch nicht verschwiegen werden. Die Kostüme von Jacqueline Kobler und die Choreografien von Jasmin Hauck nehmen den Grundton dieser Inszenierung so feinsinnig wie übermütig auf. Schliesslich die mitwirkenden Sirnacher: erste Sahne. Das kann man überhaupt für den gesamten Abend so stehen lassen.

Vorstellungen bis 6. April. Karten unter www.operette-sirnach.ch oder 071 966 33 66.
 

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