von Barbara Camenzind, 21.06.2022

Geschmack im Ohr

Geschmack im Ohr
Experimentierfreudig: Christoph Luchsinger und das Cubeat Percussion Duo spielen im Kelter des Weinguts Wolfer | © Barbara Camenzind

Der dritte Streich von Christoph Luchsingers NŒISE-Trilogie führte am vergangenen Freitag in das Weingut Wolfer in Weinfelden. Die grosse Frage des Abends: Wie verändert Musik das Geschmacksempfinden?

Nach diesem brüllend heissen Tag tat die Fahrt in den lauschigen Weinberg gut. Das wunderbar gelegene Weingut Wolfer mit seinem prachtvollen Ausblick in den Alpstein bot schon eine fast  kitschig liebliche Kulisse für das Experiment, sich mit Zeitgenössischer Musik auseinanderzusetzen, die das Ohr schmecken lassen will.

Komponist Kranebitter und Trompeter Luchsinger verteilten ihre Klanginstallationen auf den Weinkelter, den Fasskeller, den Präsentationsraum und unter einem Baum im Weingut. Doch erst wurde das Publikum gebeten, sich die Uraufführung der Komposition „Taste 1-4“ in Gänze im kühlen Kelter anzuhören.

Video: So klingt das Experiment

Süss, Sauer, Salzig und Bitter

Kranebitter vertonte die Geschmacksempfindungen Süss, Sauer, Salzig und Bitter. Das Publikum wusste nicht, in welcher Reihenfolge und war darum erst mal ganz Ohr. Erratische Sounds aus Trompete und Elektronik wechselten mit markerschütternden Paukenklängen, elegischen Vibraphonpassagen, geheimnisvollen Stimmen, quetschenden und quietschenden Bläsereinschüben, die entfernt an eine Traubenpresse erinnerten.

Allgemeines Gekicher, als Perkussionist Mirco Huser am Schokoladenstanniolpapier knabberte und mit säuerlicher Miene Cracker und Chips in sich hineinstopfte, um dann wieder zu verträumt-blauen Tönen aus seinen Instrumenten zu wechseln. Das Ohr allein hatte schon Spass an dieser vielschichtigen Musik, doch das war noch nicht alles.

Publikum als Versuchspersonen

Dr. Jeannette Nuessli Guth bat alle wieder hinaus zu den Apéro-Tischen, wo Wein, Most, Käse, Chips und Süssmostcreme bereit standen. Die Lebensmittelwissenschaftlerin und Sensorikerin, die den Einfluss von akustischen Eindrücken auf das Geschmacksempfinden untersucht, bat zum Experiment.

Die Räume waren mit Buchstaben versehen, dort improvisierten die Musiker verteilt noch einmal über Kranebitters Musik. Jedem Raum war ein Geschmack der Komposition  zugeteilt. Wir Versuchspersonen mussten, während wir Wein oder Most, Käse, Chips und Creme degustierten, in alle vier Räume gehen und herausfinden, wie und ob die Musik in Kombination mit den Lebensmitteln unsere Empfindung beeinflusst. Diese Empfindungen wurden auf Karten festgehalten, die Nuessli Guth wissenschaftlich auswerten wird.

 

Der Komponist Mathias Kranebitter und die Sensorikerin Dr. Jeannette Nuessli Guth. Bild: Barbara Camenzind

Macht die Trompete den Apfelmost sauer?

Hoppla, im Raum, in dem Christoph Luchsinger mit seiner Trompete improvisierte, wurde der gute Thurgauer Apfelmost so dermassen sauer, dass es einem die Tränen in die Augen trieb. Oder hatten Sie schon einmal einen grünen, grasigen Geschmack im Hals, während sie dem mit einem Geigenbogen Obertöne spielenden Tim Reichen zuhörten und dabei Süssmostcreme assen? Die im Raum dahinter bei den Fässern und Mirco Husers Spärenklängen noch zuckersüss schmeckte?

Das Publikum war in der Einschätzung zweigeteilt. Viele erlebten eine Veränderung, bei einigen schmeckten die Lebensmittel immer gleich - oder die Vernetzung mit der Musik löste nichts weiter aus. Die meisten fanden jedoch bei zwei Standorten schnell heraus, welche Geschmacksempfindung gespielt wurde. Die crispy-salzige Chipsmusik war unter dem Baum und ja, Christoph Luchsinger trompetete sehr sauer, wenngleich sehr schön.

Die akustische Wahrnehmung von Sauer und Salzig schien offenbar kongruente Reflexe zur gustatorischen in uns auszulösen. Süss und Bitter waren schwieriger herauszufinden.

Zauber der Wiederholung

Abschliessend, nach dieser supersinnlichen Erfahrung,  wurde „Taste 1-4“ noch einmal gespielt. Es war nicht verwunderlich, dass das Publikum nun sehr viel differenzierter zuhören konnte. Es war, als hätte die Komposition eine neue Dimension dazu gewonnen, sie war tiefer erlebbar.

Nœise 3 hat sein Publikum in spielerischer, tiefsinniger und gleichzeitig in nicht-belehrender Form dazu ermuntert, sich über die basalste Sinneswahrnehmung (als Baby stecken wir uns ja alles in den Mund) mit Neuer Musik auseinanderzusetzen. Dies auch, ohne das Programm zu überladen. Wiederhören macht achtsam. Hoffentlich gibt es ein Wiederhören mit Nœise 4.

Termine: Am 24./25 und 26. Juni findet Noeise 3 im Naturmuseum Thurgau statt. Alle Termine im Überblick bei uns in der Agenda.

 

Kommentar: Was so ein Experiment auslösen kann

Seit 2014 schreibe ich für thurgaukultur.ch als Musikkorrespondentin. Als Musikerin liegt mir die Neue Musik am Herzen und verfolge gespannt, wie sie im Thurgau erscheint. Darum war es mir wichtig, diese Projektreihe von Christoph Luchsinger zu begleiten.

 

Vor Nœise 3 hatte ich etwas Angst. Ich war eine passionierte Weintrinkerin, bis ich irgendwann den Tatsachen in die Augen schauen musste, dass aus der Passion eine Abhängigkeit geworden ist. Sucht ist das Gegenteil von Synästhesie. Wer (zu) viele Kanäle offen hat stopft sich zu, oder ertränkt sie, wenn es zu viel wird.

 

Von der Abhängigkeit habe ich mich schon länger befreit, kaum mehr werde ich getriggert. Okay, ich bin auch vorsichtig geworden und weiss, was ich mir zumuten kann. Beim musikalischen Geschmacksexperiment, mit alkoholfreiem Most (der Wein sah schon sehr gut aus) unterwegs, packte mich in einem Raum über die Musik ein derart starker Trigger, ein Craving, mir wurde fast schwindlig.

 

Ich wechselte den Raum und da löste die Musik diesen Krampf wie einen Klumpen ab und jetzt, ein paar Tage später merke ich, wie mir Kranebitters herausfordernde Komposition -  in Kombination mit dieser sensorischen Übung des „Einnehmens“ -   ein Stück Versöhnungsarbeit mit meiner sehr schambelasteten Geschichte geschenkt hat.

 

Vielleicht ist dies ein Hinweis, welche Kräfte Sinnesreize haben können, wenn sie bewusst konzertierend zusammenwirken. Für mich war es eine heilsame Erfahrung.

 

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