von Michael Lünstroth, 03.02.2017

«Heimat? Ist da, wo ich bin»

«Heimat? Ist da, wo ich bin»
Der einflussreichste Mann der globalen Kunstszene: Kurator Hans-Ulrich Obrist im Porträt. | © Youssef Nabil

Es ist nicht so leicht, Hans-Ulrich Obrist ans Telefon zu bekommen. Der Mann ist ständig unter Strom und vor allem: ständig unterwegs. Unter der Woche konzipiert er Ausstellungen für die Serpentine Gallery in London, am Wochenende reist er durch die Welt auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen für seine Arbeit. Am Ende hat es trotzdem geklappt mit einem Gespräch. Der Kurator, und laut dem Magazin Art Review einflussreichste Mensch der globalen Kunstszene, spricht im Interview offen über seine Vorstellung von Heimat, die Schweiz, was ihn antreibt im Leben und was er unbedingt noch erreichen will.

Herr Obrist, Sie sind viel in der Welt unterwegs. Was bedeutet Heimat für Sie?

Das ist für mich eigentlich der Ort, wo meine Bücher sind, wo ich arbeite und meine meiste Zeit verbringe. Das hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder geändert. In meiner Jugendzeit war es die Schweiz, dann war es mal Paris und jetzt ist es seit zehn Jahren London

Heimat ist für Sie also ein wandelbares Konzept?

Ja, Heimat ist für mich immer der Ort an dem ich gerade bin

Wie oft sind Sie denn noch in Ihrer alten Heimat im Thurgau?

Ich bin da von Zeit zu Zeit mehrmals pro Jahr in Weinfelden. Sonst auch in Zürich, Basel, im Engadin und auch an anderen Orten der Schweiz. Im Engadin machen ich die Engadin Art Talks, das ist für mich ein grosser Ort der Inspiration für meine Arbeit überhaupt. In Basel organisiere ich Veranstaltungen, auch in Zürich. Auch wenn ich damals bewusst ausgebrochen bin, um der Klaustrophobie der Schweiz zu entfliehen, so gibt es heute immer wieder Gründe, in die Schweiz zu kommen.

Wenn man Ihre Vita liest, dann wirkt ihr Leben mit den vielen Stationen ein bisschen rastlos. Woher kommt das?

Ach, Rastlosigkeit beschreibt eher meine 1990er Jahre, da gab es so etwas wie eine rastlose Suche. Seit dem Jahr 2000 gibt es in meinem Leben ein klares System. Das funktioniert so: Wochentags habe ich einen Job an einem festen Haus, zuerst in Paris und jetzt in London. In diesen Museen leite ich Ausstellungsprogramme. Und am Wochenende bin ich 52 Mal im Jahr ganz systematisch auf Recherchereise.

«Man muss viel unterwegs sein heute: Es gibt grossartige Kunst auf allen Kontinenten.»

Hans-Ulrich Obrist, Kurator  

52 Wochenenden im Jahr unterwegs zu sein, bedeutet wirklich jedes Wochenende unterwegs zu sein. Das klingt immer noch rastlos für mich.

Ja? Inzwischen hat das weniger mit Rastlosigkeit zu tun, sondern vielmehr mit einer gewissen Pragmatik mit der vorhandenen Zeit umzugehen. Es gibt einfach so viele Dinge auf der Welt, die man anschauen kann. Wir leben in einer Polyphonie der Zentren, es gibt grossartige Kunst auf allen Kontinenten heute und es ist einfach wichtig, dass man sich das immer wieder ansieht und recherchiert.

Schlafen Sie auch manchmal noch?

Ja, wieder. ich habe auch das mittlerweile systematisiert. Ich möchte das alles nachhaltig ist und das wäre es nicht, wenn ich nicht schliefe. Es gab mal eine Phase in meinem Leben, da habe ich das so praktiziert, habe alle paar Stunden ein kurzes Nickerchen gemacht und dann weiter gearbeitet, aber das kann man nur eine bestimmte Zeit lang machen. Seit fünf, sechs Jahren habe ich jetzt ein neues System. Ich beschäftige einen Nacht-Assistenten.

Einen Nacht-Assistenten?

Genau. Das bedeutet, ich arbeite tagsüber in meinem Büro wie jeder andere auch und nachts erledigt mein Nacht-Assistent die weitere Arbeit während ich schlafe. Er redigiert Manuskripte oder erledigt meine Post zum Beispiel. Das ist in der Regel in der Zeit zwischen Mitternacht und 7 Uhr in der Frühe. Das ist ein gutes Rezept, um den Tag zu verdoppeln und die Produktivität aufrecht zu erhalten, ohne dabei erschöpft zu sein.

«Ich beschäftige einen Nacht-Assistenten, um den Tag zu verdoppeln und die Produktivität aufrecht zu erhalten.» 

Hans-Ulrich Obrist, Kurator  

Traurig? Ernst? Müde? Schwar zu sagen. Hans-Ulrich Obrist ist nicht so leicht zu durchschauen. Bild: Jürgen Teller

Sie mögen Systeme offenbar...

Ja, ich interessiere mich sehr dafür. Systeme erleichtern das Leben und sie helfen dabei, mit Zeit effizient umzugehen.

Könnten Sie sich auch ein Leben ohne Arbeit vorstellen?

Nein, die Arbeit definiert mein Leben. Das sind Inhalte an denen ich arbeite und mir grosser Leidenschaft ausfülle. Ein Leben ohne Arbeit? Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht.

Sie arbeiten 365 Tage im Jahr, machen Ausstellungen, schreiben Bücher, moderieren Diskussionen, halten Vorträge. Was treibt Sie an zu all dem?

Als Kurator muss man immer weiter lernen wollen. Die Neugier ist mein Antrieb, es gibt so viele Dinge, die man nicht weiss. Das ist mein Ansporn für die weitere Arbeit.

«Die Neugier ist mein Antrieb, es gibt so viele Dinge, die man nicht weiss.»

Hans-Ulrich Obrist, Kurator  

Als Sie sechs Jahre alt waren hatten Sie einen schweren Unfall. Sie wurden von einem Auto angefahren, der Fahrer flüchtete und liess Sie im Strassengraben zurück. Sie rangen tagelang auf der Intensivstation um ihr Leben. Wie sehr hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Das ist schwierig zu sagen, weil man es nicht wirklich weiss, was es am Ende bedeutet. Aber es hat sicher anfänglich in der Arbeit eine gewisse Intensität bewirkt. Wenn man so extreme Erfahrungen macht, wird einem auch bewusst, wie wichtig es ist, die Gegenwart intensiv zu leben. Aber was es sonst konkret für einen Einfluss hat ist schwierig zu sagen retrospektiv.

Reden wir über Ihre Arbeit: Was macht eine gute Ausstellung aus?

Eine gute Ausstellung muss man immer wieder ansehen können. Das heisst, es muss die Möglichkeit bestehen, dass man nicht bei einem Besuch alles entdecken kann, sondern man immer wieder zurückkehren kann. Eine gute Ausstellung muss wie ein „blue ocean" sein, etwas, das man so noch nirgendwo anders gesehen hat. Sie muss für alle Felder der Künste offen sein, herkömmliche Formate durchbrechen und wie ein Virus alle intellektuellen Sphären kontaminieren. Sie muss eine Erfahrung sein, die man nicht vor dem Bildschirm machen kann. Das wird immer wichtiger. Denn die Leute verbringen heute so viel Zeit vor ihren Smartphones und Tablets, dass sie jetzt nach etwas Anderem suchen. Etwas, das sie dort eben nicht finden und erfahren können. In diesem Sinne sind Ausstellungen wichtig als ein multisensorischer Erlebnisraum. Es geht dabei nicht nur ums Visuelle, sondern auch um das Taktile. Es geht um Rituale. Mit anderen Worten: Gute Ausstellungen sind neue Rituale, die grossartige Erfahrungen ermöglichen.

Wie muss man sich die Konzeptionsphase einer Obrist-Ausstellung vorstellen?

Das ist sehr komplex. Das sind oft sehr lange Prozesse aus denen man bestimmte Muster und Themen ableitet. Es kommt immer auf die Zeit an, in der man arbeitet. Jetzt gerade leben wir in einer sehr turbulenten Zeit der Weltgeschichte, wo sehr viele Künstler über ihre Rolle nachdenken und darüber was Kunst für eine Rolle in der Gesellschaft spielen kann. Kuratieren heisst sich kümmern. In dieser Hinsicht stelle ich mir die Frage: Wie kann man die Kunst auch wieder zu anderen Disziplinen wie Wissenschaft, Musik, Architektur, Mode, Design, Literatur in Beziehung setzen? Die Disziplinen müssen zusammenarbeiten, wenn sie Antworten auf die grossen Fragen dieser Welt finden wollen. Letztlich geht es auch um so etwas wie die Produktion von Realität.

«Eine gute Ausstellung muss man immer wieder ansehen können.»

Hans-Ulrich Obrist 

Wird die Kunst jetzt wieder politischer?

Ja, das meinte ich damit, als ich sagte, dass es heute wieder die Frage gibt, was die Position der Kunst in der Welt sein kann. Das ist eine allgemeine Frage: Was bedeutet es heute ein Künstler zu sein? Und diese Frage stellt sich in jeder Zeit anders. Sie ist aber immer auch politisch.

Wann wussten Sie, dass Sie Kurator werden wollen?

Es begann als ich als Teenager mit 12, 13 Jahren immer die Museen besuchen wollte, dann habe ich begonnen, Kunstpostkarten zu archivieren und mir fiktive Ausstellungen auszudenken, wie man die Postkarten beispielsweise kombinieren könnte. Wenn man so will waren das meine ersten kuratorischen Projekte, nur, dass ich es damals noch nicht wusste. Später als Student bin ich mit Nachtzügen immer durch Europa gefahren und da in diesen Nachtzügen ist die Idee gekommen, dass ich mit Kunst arbeiten will. Dass ich experimentell mit Ausstellungen arbeiten will. So entstand dann auch die Idee der Küchenausstellung von 1991. In meiner Studentenwohnung haben Künstler wie Fischli und Weiss, Hans-Peter Feldmann und Frederic Bruly-Bouabre ihre Arbeiten zwischen Spülbecken und Kühlschrank präsentiert. Das wiederum führte zur einem Stipendium und so weiter. Das sind alles Verkettungen, das eine führte zum anderen und irgendwann weiss man genau, was es ist. Aber bis dahin sucht man sehr lange.

Gab es eine Initialzündung?

Ich habe mich schon früh für Kunst und Kultur interessiert, habe immer wieder Museen in meiner Umgebung besucht. Meine erste Erinnerung geht da zurück in die Klosterbibliothek St. Gallen. Das war das erste Museum, das ich besucht habe. Danach kamen dann das Römerholzmuseum mit der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur, aber auch das Kunstmuseum des Thurgau in Ittingen. Der erste Künstler, dem ich begegnet bin war Hans Krüsi. Ein Ausnahmekünstler, der heute leider ein bisschen vergessen ist. Er war ein sehr interessanter Aussenseiterkünstler, er hat auf der Bahnhofstrasse in Zürich Blumen verkauft und wurde dann gegen Ende seines Lebens immer bekannter als bildender Künstler. Eine sehr interessante Figur, der ich damals begegnet bin und die mich beeindruckt hat.

Das Magazin Art Review hat Sie im vergangenen Jahr zum wichtigsten Menschen der globalen Kunstszene gewählt. Bedeutet Ihnen das etwas?

Das ist nett, aber man darf sich darauf nicht ausruhen. Die Recherche geht immer weiter und man ist immer nur so gut wie das nächste Projekt, das man macht. Das heisst, man sollte nicht so oft über die Vergangenheit nachdenken, sondern es geht immer um den nächsten Schritt.

Ihr Museums-Kollege Chris Dercon übernimmt in diesem Jahr ein Theater in Berlin. Wäre das auch etwas für Sie?

Das ist immer möglich, mal etwas anderes zu machen. Ich finde es hochspannend, dass Chris die Volksbühne übernommen hat und ich bin sehr gespannt, das Programm dort zu verfolgen. Aber für mich persönlich wäre diese Aufgabe nicht so interessant. Zur Zeit sind die Ausstellungen, die ich mache, das was ich notwendig finde und das was ich machen will. Ach und dann gibt es da noch ein anderes unrealisiertes Lieblingsprojekt von mir: Ich würde gerne eine neue Stadt kuratieren. Gemeinsam mit Künstlern eine neue Stadt zu erfinden. Das wäre superspannend.

Wie würde diese Stadt aussehen?

Eine Stadt konstruiert um ein neues Black-Mountain-College und eine Weissenhof-Siedlung.

Das ist Hans-Ulrich Obrist

Hans Ulrich Obrist wurde 1968 in Weinfelden geboren und wuchs in Kreuzlingen auf. Sein Vater war Rechnungsprüfer, seine Mutter Lehrerin. Er studierte Politologie und Ökonomie in Frankfurt und Kunst an der Frankfurter Städelschule. Nach Stationen als Kurator in Wien und Paris wurde Obrist 2006 Co-Direktor der Londoner Serpentine Gallery, seit 2016 ist er künstlerischer Leiter der Serpentine Gallery. Daneben tritt er als Veranstalter zweitägiger »Marathons« mit Denkern, Künstlern und Schriftstellern in Erscheinung - sowie als unermüdlicher Publizist zahlreicher Werkausgaben (etwa über Gerhard Richter, Louise Bourgeois) und Interviewbücher (etwa mit Ai Weiwei, Yoko Ono, Jeff Koons). Obrist lebt und arbeitet in London. Wer mehr von ihm wissen will kann ihm auch über seinen Instagram-Account folgen. Hier postet Obrist oft mehrmals täglich ganz verschiedene Dinge. Warum er 2016 zum wichtigsten Menschen der globalen Kunstszene wurde, erklärt die Zeitschrift Art Review hier Wer noch mehr über Hans-Ulrich Obrist erfahren möchte: 2015 ist ein sehr lesenswertes Porträt über ihn im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen. 

Videos zu Hans-Ulrich Obrist

Porträt des Kurators von The Avant/Garde Diaries


Der Kurator über das Kuratieren bei einer TED-Konferenz


 Hans-Ulrich Obrist im Interviewformat "In your face"

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