von Anabel Roque Rodríguez, 26.02.2021

Ich bin

Ich bin
Helen Dahm, Selbstporträt als Malerin, 1927, Öl auf Leinwand, 73 x 64 cm, Kunstmuseum Thurgau | © Kunstmuseum Thurgau

#Lieblingsstücke, Teil 2: Helen Dahms «Selbstporträt als Malerin» ist das selbstbewusste Statement einer aussergewöhnlichen Frau und Künstlerin. Das inspiriert auch noch heute. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Was braucht ein Werk um zu einem Lieblingsstück zu werden? Eine gute Geschichte, eine emotionale Verankerung oder ein Moment, der den Betrachter an etwas erinnert.

Im besten Fall, sprechen uns Werke auf unterschiedlichen Ebenen an und lassen uns nicht los. So geht es mir mit dem Selbstbildnis von Helen Dahm, das ein starkes Statement als Künstlerin darstellt.

Am 7. Februar 2021 jährte sich in der Schweiz der 50. Jahrestag zur Einführung des Frauenstimmrechts, wenngleich man erwähnen sollte, dass der Prozess auf kantonaler Ebene weitere Jahre dauern sollte beziehungsweise wie im Fall Appenzell Innerrhoden sogar bis 1990.

Das Bild entstand in gesellschaftlich für Frauen engen Zeiten

Ich erwähne dies, weil sich künstlerische Entwicklungen nicht ohne ihren gesellschaftlichen Kontext einordnen lassen. Die 1878 in Kreuzlingen geborene Helen Dahm wuchs also in einer Zeit auf, in der Künstlerinnen der Zugang zur Kunstakademie verweigert wurde (eine künstlerische Ausbildung konnten sie nur in teuren Damenklassen oder bei Privatlehrern erhalten); Frauen wurden stets in der Verpflichtung von Fürsorge und Kindererziehung gesehen und konnten kaum Gremien oder politische Interessensgemeinschaften nutzen, um Rechte einzufordern.

Kurz: es war eine Gesellschaft, in der Frauen wenig freien Gestaltungsspielraum innerhalb des gesellschaftlichen Korsetts hatten.

Helen Dahm vor ihrem Haus in Oettwil. Bild: Kunstmuseum Thurgau

Das aussergewöhnliche Leben der Helen Dahm

Und doch schaffte es Helen Dahm diesen Freiraum für sich zu formen und als Künstlerin ihre Zeit zu prägen: Sie führte eine lesbische Beziehung mit Else Strantz; zog 1906-1913 mit ihrer Partnerin nach München und hatte dort Kontakt zu Künstlern des «Blauen Reiter» wie Gabriele Münter und Wassily Kandinsky; lebte mit über 60 für ein Jahr in Indien in einem Frauen-Ashram und auch sonst ging sie in ihrem Leben einen eigenen Weg.

Es fiel mir daher nicht schwer für das Format #Lieblingsstücke Helen Dahms «Selbstporträt als Malerin» (1927) zu wählen. Es ist Teil der Sammlung des Kunstmuseum Thurgau und zeigt die Künstlerin an ihrer Staffelei arbeitend, in ihrer rechten Hand hält sie vier Pinsel mit der linken arbeitet sie gerade an der Leinwand.

Sie blickt den Betrachter konzentriert mit musterndem Blick an. Ihre dunklen Haare sind zu einem kurzen Bubikopf geschnitten, für damalige Zeiten war der Schnitt ein klares Bekenntnis zu einem modernen Frauentyp.

Das Bild im Ganzen: Helen Dahm, Selbstporträt als Malerin, 1927, Öl auf Leinwand, 73 x 64 cm, Kunstmuseum Thurgau

Von der Muse zur selbst bestimmten Künstlerin

Ein Selbstporträt ist immer eine intime Inszenierung und kann wie eine Tagebuchseite gelesen werden. Künstler zeigen darin ihr Selbstverständnis, geben dem Betrachter Einblicke in das Gefühlsleben und lassen die künstlerische Berufung mit dem privaten Menschen verschmelzen. Sieht man sich Beispiele aus der Kunstgeschichte an, kommt es nicht gerade häufig vor, dass Künstlerinnen das Motiv eines Selbstporträts (als arbeitende Künstlerin) wählen.

Frauen werden abgebildet, wenn sie als Musen gelten, sei es in Erscheinung von Allegorien, Göttinnen, Heiligen oder als Liebhaberinnen. Mehr Macht wird ihnen nur zugestanden, wenn es sich um Stiftungs- oder Adelsbilder handelt. Zwar gibt es ein paar Ausnahmen, aber es dauert eine ganze Zeit bis Künstlerinnen mehr Raum zur Selbstdarstellung einfordern.

Die kurze Moderne zwischen den Weltkriegen

Was zeigt uns Helen Dahm also? Das Selbstporträt von Helen Dahm ist in den goldenen Zwanzigern entstanden, einer Phase der Moderne zwischen den Weltkriegen, die sehr inspirierend für die Kunst und Kultur war und in der die Frauenbewegung neue Stärke gewann.

Als Konsequenz des Ersten Weltkrieges fehlten Männer als Arbeitskräfte und die neue Rolle der Frau wurde beschleunigt: viele Frauen blieben länger ledig und begannen zu arbeiten. Es gab Partys nur für Frauen, eine Einforderung von sexueller Selbstbestimmung und auch die lesbische Subkultur wurde sichtbarer.

Fotoausschnitt: Helen Dahm mit einer ihrer Katzen, 1955/56. Bild: Foto: Emil Spühler, Zürich, Nachlass Regula Witzig, Oetwil am See

Ein selbstbewusstes Bekenntnis zur Malerei

In der Kunst weitet sich der Blick der Künstlerinnen und vor allem ihre Möglichkeiten wurden grösser, wodurch vermeintlich neue Themen Eingang in die Motivwelt erhielten.

Das «Selbstporträt als Malerin» von Helen Dahm ist geprägt von diesem Zeitgeist und ein selbstbewusstes Bekenntnis zur Malerei. Ihre Kleidung ist dezent dunkel, dafür ist der weitere Bildraum von Leinwänden eingenommen. So sieht sich Helen Dahm, es ist ein selbstbewusstes Statement: Ein «ich bin» – Ich bin Künstlerin und ich bin eine Frau.

Weiterlesen: Ein ausführliches Interview mit Stefanie Hoch, Kuratorin am Kunstmuseum Thurgau, über Leben und Werk von Helen Dahm, gibt es hier. Die Ausstellungsbesprechung der grossen Retrospektive im Kunstmuseum Thurgau aus dem Jahr 2018 findet ihr hier.

 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer neuen Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-KorrespondentInnen über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch, bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

Oder ihr schreibt einen Kommentar am Ende dieses Textes oder zum entsprechenden Post auf unserer Facebook-Seite. Ganz wie ihr mögt: Unsere Kanäle sind offen für euch!

 

Alle Beiträge sammeln wir und veröffentlichen wir sukzessive im Rahmen der Serie. Sie werden dann gebündelt im Themendossier #lieblingsstücke zu finden sein.

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