Ich, Du, Er, Sie, Es

Ich, Du, Er, Sie, Es
Florian Rexer bei der Probenarbeit (Foto entstand bei den Proben zu den Schlossfestspielen Hagenwil 2020). | © Sascha Erni

Amüsante Verwechselungskomödie oder eigentlich doch viel mehr? Florian Rexer wagt sich für die Schlossfestspiele Hagenwil an den Kleist-Klassiker „Amphitryon“. Kann das gut gehen? (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Ein Mann steht vor den Fenstern eines Hauses, das mal seins war. Er schaut hinein, sieht seine Frau, seine Kinder, seine Freunde, fröhlich feiernd mit … ihm selbst. Zumindest steht dort mitten in seinem Haus, umringt von seiner Familie, ein Typ, der verdammt so aussieht wie er selbst.

Was zum Geier ist passiert? Hollywood hat oft die Frage von Identität verhandelt und popcorn-kinotaugliche Formen für dieses grosse Thema gefunden. Arnold Schwarzenegger zum Beispiel erlebt die oben beschriebene Szene in dem vor 22 Jahren erschienenen Actionfilm „The 6th Day“. Damals ging es um menschliche Klone.

Von Schwarzenegger zu Kleist

Dabei stellt sich die Frage „Wer bin ich?“ seit Jahrhunderten auch unabhängig vom wissenschaftlichen Fortschritt. Sie begleitet uns Menschen quasi seit es uns gibt.

Jetzt - wie kommt man von Schwarzenegger zu Heinrich von Kleist? Nun. Der grosse Dichter Kleist hinterfragte in seinen Stücken auch immer wieder gerne das Konzept von Identität. Zum Beispiel in dem 1807 erschienen Lustspiel „Amphitryon“.

Göttervater Zeus beziehungsweise Jupiter kann darin seine Lust mal wieder nicht bändigen und schleicht sich ins Bett von Alkmene, der Gattin des thebanischen Feldherrn Amphitryon - in der Gestalt des Amphitryon. Man ahnt wie es endet. Es wird die Zeugungsgeschichte des Halbgottes Herakles. Die Folge: Grosse Verunsicherung überall. Wenn man so betrogen werden kann, wie könnte man da jemals wieder auf irgendwen oder irgendwas vertrauen?

 

„Stell dir vor, du kommst nach Hause und jemand anders lebt dein Leben und du bist nur Zuschauer. Wie verrückt und beängstigend ist das denn?“

Florian Rexer, Regisseur (Bild: Andreas Müller)

Das Stück geht der Frage nach, was denn eigentlich dieses „Ich“ ausmacht und wie wir so etwas wie ein Selbstbewusstsein überhaupt entwickeln können. Konzentriert findet sich die Handlung in dem schönen Satz der Figur Sosias, der ebenfalls von einem Gott - in diesem Fall Merkur - in die Irre geführt wird: „Nur habe die Gefälligkeit für mich, und sage mir, Da ich Sosias nicht bin, wer ich bin? Denn etwas, gibst du zu, muss ich doch sein.“

Das genau ist der Moment, den der Regisseur Florian Rexer an dem Kleist-Klassiker so fasziniert: „Stell dir vor, du kommst nach Hause und jemand anders lebt dein Leben und du bist nur Zuschauer. Wie verrückt und beängstigend ist das denn?“, sagt Rexer im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Wohl auch deshalb bringt er den Stoff nun auf die Bühne der Schlossfestspiele Hagenwil. Premiere ist am Mittwoch, 10. August.

Video: Trailer zu «Amphitryon»

Griechischer Tempel im Wasserschloss

„Das ist eines der komplexesten und sprachlich schönsten Stücke der deutschen Literaturgeschichte“, sagt Florian Rexer zu seiner Wahl. Er habe „Amphitryon“ schon länger auf der Liste der Stücke gehabt, die er gerne mal inszenieren möchte. Nun sei die Zeit reif gewesen.

Auf eine allzu grosse Aktualisierung des Stücks hat der Regisseur verzichtet. „Der Stoff ist so heutig, da muss man eigentlich nicht viel machen“, findet Rexer. Das spiegelt sich in der Ausstattung: So ist die Bühne in Hagenwil in diesem Jahr einem griechischen Tempel nachempfunden.

Auch sprachlich will der Thurgauer Regisseur dem Original weitgehend treu bleiben: „Unsere Fassung musste kürzer werden für ein Sommertheater. Aber wir versuchen, die Essenz aus den einzelnen Szenen herauszuholen“, erklärt Florian Rexer.

Von Identität bis Identitätspolitik

Das Thema jedenfalls ist klug gewählt. Selten wurde hitziger über Identitäten diskutiert als in den vergangenen Jahren. Meist eher im Kontext von Selbstbestimmungsfragen und im Sinne einer Zugehörigkeit zu einzelnen gesellschaftlichen Gruppen und einer Abgrenzung zu anderen Gemeinschaften. Die Frage „Wer bin ich?“ hat sich längst von einer rein individuellen Ebene gelöst und ist zu einem „Wer bin ich? Und wo stehe ich mit diesem Ich in der Gesellschaft?“ geworden.

So politisch wird Rexers Hagenwiler Sommertheater vermutlich eher nicht werden. Aber, so sagt es der Regisseur, ein paar Denkimpulse wolle er schon mitgeben. „Wenn die Besucher nach dem Stück reflektieren, haben wir schon viel erreicht“, sagt Florian Rexer.

Video: Darum geht es im Stück

 

Alle Termine und Ticketvorverkauf

Premiere: Mittwoch, 10. August, 20 Uhr (ausverkauft)

11./12./13./14./19./20./21./25./26./27./28. August, jeweils 20.30 Uhr

1./2./3./4./8./9./10. September, jeweils ab 20.30 Uhr

Tickets: 57 Franken im Vorverkauf, 67 Franken an der Abendkasse.

 

«Frau Holle» als Kinderstück

Jedes Jahr gibt es bei den Schlossfestspielen Hagenwil auch ein Theaterstück für Kinder. In diesem Jahr kommt „Frau Holle“, das Märchen nach den Brüdern Grimm, auf die Bühne. Premiere ist am 14. August (Tickets ab 12 Franken via www.schlossfestspiele-hagenwil.ch/tickets/). Weitere Aufführungen am 17./21./24./28./31.8. sowie am 4.9.

 

Die Entscheidung über das Stück habe ein Gremium aus Kindern getroffen, sagt Regisseur Florian Rexer. „Ich habe mich irgendwann auch gefragt, ob das eine gute Idee war, „Frau Holle“ im Sommer zu spielen, aber wir nutzen das für uns und beschreiben in unserer Fassung, was Frau Holle im Sommer macht“, so Rexer. Übrigens: Das Kinderstück für die Schlossfestspiele Hagenwil 2023 steht auch bereits fest: Dann wird „Dornröschen“ gespielt.

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