von Michael Lünstroth, 20.02.2018

Im Spiegelkabinett des Peter Stamm

Im Spiegelkabinett des Peter Stamm
Manchmal blickt man auf sich selbst und wundert sich, was man da sieht: In seinem neuen Roman befasst sich Peter Stamm mit Spiegelungen, Doppelgängern und allerlei existenziellen Fragen. | © Gaby Gerster, Stefania Samadelli, Stefan Kubli

In seinem neuen Roman spielt Peter Stamm meisterhaft mit dem alten Motiv des Doppelgängers. In seinem typischen Stamm-Stil manövriert er einen durch Zeit und Raum. Und streift dabei mehr als einmal seinen fast 20 Jahre alten Debütroman «Agnes»

Von Michael Lünstroth

Wer schon einmal in einem Spiegelkabinett war, der weiss ungefähr, wie sich Peter Stamms neuer Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ anfühlt. Man steht vor Spiegeln unterschiedlicher Grösse. Sie verlängern das eigene Spiegelbild mal in die Unendlichkeit, mal lassen sie es grösser, mal kleiner erscheinen. Bei einem solchen Panoptikum des eigenen Selbst bleibt Stamm aber nicht stehen. Sein Spiegel ist nicht statisch, er ist in Bewegung. So als habe des Erzählers Hand ihn zum Pulsieren gebracht durch ein beständiges, fast rhythmisches Klopfen auf die Spiegeloberfläche. Das Selbstbild auf der anderen Seite beginnt zu vibrieren, alles flirrt, die Konturen verschwimmen, die Ränder werden unscharf. Jene der Figuren, aber auch jene von Zeit und Raum. Aber sie lösen sich noch nicht auf, die Bewegungen markieren vorerst nur den Beginn des Auflösungsprozesses.

Mit anderen Worten: In „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ wird man als Leser einigermassen durchgeschüttelt. Und das auf dieses typisch unaufgeregt-zupackende Stammsche Weise. Worum geht es? Der Schriftsteller Christoph trifft die Schauspielerin Lena, um ihr seine Geschichte zu erzählen, die immer mehr auch ihre wird. Es ist die Geschichte seines Lebens, seiner Liebe zu einer Frau namens Magdalena und wie ein einziges Buch ihre Liebe zerstörte. Spätestens da wird man als treuer Stamm-Leser an „Agnes“ denken, den Debütroman des in Winterthur lebenden Autors. Auch dort zerstörte ein Roman eine Liebe. Es ist der erste von vielen Verweisen an diesen 20 Jahre alten Roman. Überhaupt ist es spannend, „Agnes“ jetzt, mit dem neuen Roman im Kopf, nochmal zu lesen. Man erkennt dann auch, warum Peter Stamm in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller wurde.

Was zunächst verwirrend klingt, ist es am Ende aber gar nicht

Im Kern erzählt der Roman die Geschichte einer Nacht. Das Zusammentreffen von Christoph und Lena und wie er ihr erklärt, dass sie beide eine gemeinsame Geschichte haben von der sie aber nichts ahnt. Dazwischen gibt es immer wieder Überblendungen in Vergangenheit und Zukunft. Aus Christoph wird Chris, aus Magdalena Lena. Oder etwa nicht? Der Roman hält immer die Spannung zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte. Was im ersten Moment verwirrend klingt, ist es nicht: Alles ist so kunstvoll verwoben, dass es einen nicht irritiert. Vielmehr hat man das Gefühl, es müsste genau so sein. Langsam, aber stetig schiebt sich die Handlung voran, es entsteht mehr und mehr ein Sog aus Fragen (kann das wirklich sein?), Unklarheiten (Ist das alles nur in Christophs Kopf?) und Rätseln (Wer ist dieser alte Mann, der beim Gespräch zwischen Christoph und Lena plötzlich auftaucht?), deren Auflösung so viel Neugier weckt, das man das 160-Seiten-Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Peter Stamm schreibt so klar, so schlüssig, dass man ihm als Leser vermutlich ohnehin überall hin folgen würde. 

Mit „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ legt Peter Stamm auch eine klassische Doppelgänger-Geschichte vor. Das Motiv ist in der Literaturgeschichte viel gebraucht, nicht so leicht, dem noch etwas Neues abzugewinnen. Peter Stamm versucht es dennoch. Die Abspaltung zwischen dem Ich und dem Anderen beginnt auf Seite 23: „Während er am Schloss herumhantierte, sah ich sein Gesicht neben der Spiegelung meines eigenen, aber erst als er mir die Tür aufhielt, erkannte ich, dass er ich selbst war.“ Es ist der Moment, in dem Ich-Erzähler Christoph realisiert, dass es eine zweite Version von ihm gibt. Oder trügt ihn sein Verstand, der an diesem Abend getrübt ist von zu viel Alkohol nach einer Lesung in Weinfelden? Christoph übernachtet im Thurgauerhof, sein zweites Ich ist dort Nachtportier, so wie er selbst es einst war. 

Der Doppelgänger ist hier nicht unheimlich, er ist eine Chance

Hier und auch im weiteren Verlauf der Spiegelungen muss man immer mal wieder an Dostojewski denken: "Du bist meine Halluzination. Du bist eine Verkörperung meines eigenen Ich, freilich nur eine Seite desselben“, schrieb der russische Dichter. Bei Peter Stamm hat dieser Doppelgänger aber nicht die dostojewskische Unheimlichkeit, er ist hier vielmehr eine Art Verwandter über Zeit und Raum, den man insgeheim auch sucht. Christoph macht das nicht nur insgeheim, sondern sehr bewusst: er sucht das Gespräch mit Lena und auch seinem jüngeren Alter ego Chris stellt er sich. Das Ziel: Dass sie aus seinen Fehlern lernen. Oder will er doch nur sein eigenes Leben korrigieren? Beides scheint möglich. Aber ganz gleich wie, so einfach ist das dann doch wieder nicht mit dem Eingriff in die Zeitläufte. Es gibt Abweichungen in ihren Leben und alles, was in manchen Momenten so identisch scheint, ist es dann vielleicht doch nicht. Diese Momente der Unsicherheit, diese flirrenden Momente des Zweifels sind vielleicht die stärksten Seiten des Romans. Was ist noch Wahrheit? Was erinnern wir? Was nicht? Wo beginnt Selbsttäuschung? Und wie gehen wir mit der Sehnsucht nach einem anderen Leben um? 

Das sind ja keine Fragen, die nur Christoph, Magdalena, Chris und Lena bewegen. Das hat unmittelbar mit uns zu tun. Erst recht in unseren digitalen Zeiten in denen man scheinbar mühelos die Identitäten wechseln kann. Wir sind da alle ein bisschen wie die Lena in Stamms Roman: „Wenn ich in eine fremde Wohnung hineinsehe, stelle ich mir immer vor, wie es wäre, wenn ich dort wohnen würde, sagte Lena. Sie klang wie vorher. Ein anderes Leben in einer anderen Stadt. Ich hätte einen anderen Beruf, vielleicht hätte ich einen Mann und Kinder, einen Hund, ich würde Tennis spielen oder Kurse an der Volkshochschule belegen.“ Da sind sie wieder die Spiegelungen unseres Selbst. In andere Leben. In andere Kontexte. Über Zeit und Raum. Sie sind Wünsche, Projektionen, mal Hoffnungen, mal Enttäuschungen. Am Ende sind sie aber vor allem eines - unberechenbar. Das lernen am Ende dieses wunderbaren Romans auch Christoph, Magdalena, Lena und Chris.

 

Das Buch

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Erscheint am 22. Februar im Fischerverlag. ISBN 978-3-10-397259-7. Eine Leseprobe aus dem Roman gibt es hier.

 

Die Lesungen in der Region: 

 

21. Februar, Kaufleuten, Zürich

2. März, Literaturhaus, Stuttgart

7. März, Stauffacher Bern

9. März, Weinfelden, Rathaussaal (im Rahmen der Weinfelder Buchtage)

19. März, St. Gallen, Kellerbühne

21. März, Luzern, Buchhaus Stocker

23. März, Olten, Schreiber Kirchgasse

4. Mai, Gottlieben, Bodmanhaus

8. Mai, Ravensburg, Ravensbuch

9. Juni, Kartause Ittingen

18. Juni, Zürich, Universität

7. September, Konstanz, Konzil

 

Weiterlesen: Ein ausführliches Interview mit Peter Stamm können Sie hier lesen: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3212/ Ein Gespräch über erste Sätze, seinen Blick auf den Debütroman "Agnes" 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen und was das mit seinem neuen Buch zu tun hat. 

 

Video: Peter Stamm liest die ersten Seiten seines neuen Romans

 

 
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