von Michael Lünstroth, 13.09.2018

In den Wunderkammern der Judit V.

In den Wunderkammern der Judit V.
Regierungsrätin Monika Knill, Chefin des Departements für Erziehung und Kultur, übergibt Judit Villiger den Kulturpreis. Rechts, die Laudatio hielt Peter Stohler, Direktor des Kunst(Zeug)Hauses Rapperswil-Jona. | © Mario Gaccioli.

Lohn für eine Unermüdliche: Am Mittwochabend wurde Judit Villiger mit dem Thurgauer Kulturpreis ausgezeichnet. Die Feier machte noch einmal deutlich warum das hochverdient ist.

Wagnisse sind Teil eines Künstlerlebens. Diesen einfachen, aber doch so wahren Satz, hat Judit Villiger am Mittwochabend bei der Verleihung des Thurgauer Kulturpreises 2018 gesagt. Dass Villiger in diesem Jahr selbst die Preisträgerin ist, macht den Satz vielleicht noch ein bisschen gewichtiger. Denn unter anderem wegen eines solchen eingegangen Wagnisses ist die Künstlerin und Kulturvermittlerin an diesem Abend im Shed des Frauenfelder Eisenwerks ja auch ausgezeichnet worden: Im Frühjahr 2016 eröffnete sie das Haus zur Glocke in der puppenstubenhaftigen Idylle des kleinen Bodenseeortes Steckborn. Zwei Jahre ist das nun her und in dieser Zeit ist es Villiger gelungen „einen besonderen Kunst- und Begegnungsort“ zu etablieren, wie Regierungsrätin Monika Knill in ihrer Ansprache lobte.

Das ist in der Tat wahr, denn Judit Villiger stellt nicht nur aus, sie ermöglicht Begegnungen, Dialog, Gemeinsamkeit - all das, was uns in diesen Tagen allzu oft, allzu leicht aus den Händen gleitet. Wohl auch deshalb fokussierte sich Monika Knill in ihrer Rede auf das Thema Partizipation und Freiwilligenarbeit: „Judit Villiger nutzt Synergien und überschreitet Grenzen, diejenige der Kunst, aber auch die Landesgrenzen, und so schafft sie einen wichtigen Begegnungsort, der Engagement und Partizipation von Vielen möglich macht und wichtig ist für Steckborn“, so die Politikerin. 

Videoporträt von arttv.ch 

Eine «Bilderjägerin“, die ihren Vorbildern nachstellt

Nun ist der Kulturpreis in erster Linie kein Preis für zivilgesellschaftliches Engagement, sondern eine Auszeichnung für aussergewöhnliche künstlerische Leistungen. Dass dies an jenem Abend nicht zu kurz kam, dafür sorgte der Laudator Peter Stohler, bis dato Leiter des Kunst(Zeug)Haus in Rapperswil-Jona und ab 2019 Geschäftsführer und Programmleiter der Grimmwelt in Kassel. „Ich kenne niemanden, der so viel macht, wie Judit Villiger“, bekannte Stohler, „ihr Werk weist eine grosse Bandbreite auf und sie beherrscht von der Zeichnung bis zur Installation alles aus dem Effeff.“ Sie sei eine grosse „Bilderjägerin“ (auch eine Selbstbeschreibung der Künstlerin), die ihren Vorbildern nachstelle, „um sie in einen neuen Kontext zu stellen, neu zu interpretieren, neu einzuordnen“, erklärte Stohler. 

«Judit Villiger kreiert Laborräume und Experimentierfelder, die viele Fragen aufwerfen, kritisch und ironisch, und keine beantworten.»

Peter Stohler, Laudator   

Der Laudator verglich Villigers Arbeitsweise mit der einer Wissenschaftlerin: „Genau wie diese ist die Künstlerin akribisch und exakt in ihrer Vorgehensweise, sie liebt es zu ordnen und zu archivieren, zu beobachten und kritisch zu hinterfragen. Aber im Gegensatz zur Naturwissenschaftlerin ist Judit Villiger eine Forscherin, die nicht beweisen will.“ Die Steckborner Künstlerin kreiere vielmehr fiktive Parallelwelten und Wunderkammern, Laborräume und Experimentierfelder, „die viele Fragen aufwerfen, kritisch und ironisch, und keine beantworten“. Letztlich, so Stohler weiter, würde der Kulturpreis nun alle Facetten des Villiger’schen Universums: „Ihre kritische Haltung, ihren schelmischen Witz, ihre ganz eigene Vorgehensweise, mit der sie spielerisch, experimentell und forschend Welten aus Welten kreiert und die Wirklichkeit befragt.“ 

Die Künstlerin und ihr Faible für das Ungewöhnliche

Die Künstlerin selbst genoss den Abend sichtlich mit der ihr eigenen Mischung aus Entspanntheit und kindlicher Freude. „Für mich ist dieser Preis eine grosse Ehre für meine künstlerische Arbeit“, sagte sie in ihren kurzen Dankesworten. Und: Sie freue sich, dass ihr eigenes Wagnis, das Haus zur Glock, gemeinsam mit ihr ausgezeichnet werden. Dass Judit Villiger in keine Schublade passt und eine Neigung zum Ungewöhnlichen hat, zeigte auch ihre Wahl für das musikalische Rahmenprogramm. Die Künstlerin hatte sich Katze Stefan & das Lügenorkestar gewünscht. Die betörenden Balkansounds der wilden Truppe aus dem Kanton Waadt sorgten auch dafür, dass der Abend wurde, wie er am Ende wurde: Ein lauer Spätsommerabend mit einer Ahnung von Herbst in der Luft, aber vielen warmen Gefühlen an den letzten Sommer im Herzen. 

Weiterlesen:

* Ein ausführliches Porträt über Judit Villiger und ihre Arbeit, können Sie hier lesen 

* Mehr zum Thurgauer Kulturpreis und früheren Preisträgern, können Sie in unserem Dossier nachlesen 

 

 

 

HTML Comment Box is loading comments...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • Bericht
  • Bildende Kunst
  • Kulturförderung

Ist Teil dieses Dossiers

Werbung