von János Stefan Buchwardt, 15.07.2019

Ist das noch Kesselring?

Ist das noch Kesselring?
Für Bühne und Kostüme der diesjährigen See-Burgtheater-Produktion zeichnet Gregor Sturm verantwortlich. | © János Stefan Buchwardt

Turbulente Physis und Schaurausch bei der diesjährigen See-Burgtheater-Aufführung sorgen für eine Bauchlandung: Die kandidelte Handhabe ermattet den Geist auf Bühne und Tribüne. Vielleicht passt die Herangehensweise gerade deshalb in unsere reizüberflutete Welt, weil die Regisseurin Annette Pullen mit hochkonstruierter Handschrift auf Doofheit und Schrillheit setzt?

Behelfen wir uns eingangs mit Goethe, der die «Anschauung der zwei grossen Triebräder aller Natur» beschreibt. Gemeint sind Polarität und Steigerung. Ein immerwährendes Anziehen, dann auch Abstossen der Materie, die ebenso Geist ist, und Geist der in «in immer strebendem Aufsteigen» auch materielle Ausweitung erfährt. – Sommer 2019: Annette Pullen inszeniert das, so sollte man meinen, unverwüstliche Erfolgsstück «Arsen und Spitzenhäubchen». Goethe als herbeigerufene Reibungsfläche im Hinterkopf, lässt die Regiearbeit alles in allem so manches müde Schädelschütteln zurück. Das, obwohl die durchaus erfahrene Regisseurin weitet, verengt und Höheres anstrebt. Sie polarisiert. Weiss sie in der Quintessenz nun zu lähmen und/oder zu begeistern?

Ersteres scheint Oberhand zu gewinnen, trotz allem lobenswertem Effort, trotz Kritiker-Goodwill gegenüber den Anforderungen einer grundsätzlich beeindruckenden Theatermaschinerie. Da täuscht nur schwerlich etwas mit Volants, Spitzen oder Bändern Verziertes darüber hinweg; ein Stilmittel, das sowieso nur als unscheinbarer Fussschmuck auftaucht. Das diesjährige Seeburger Theaterpendel schlägt unbarmherzig und quietschbunt aus, zwischen geschliffener Spitzenleistung des Ensembles und eintönigem Inszenierungsrauschen eines Mississippi-Schaufelrads. Polaritäts- und Steigerungsprämissen à la Goethe auf der in die freie Natur eingebetteten Sommerbühne erfahren ein fatales Hochschaukeln: Bewegungstheater überbordet, gleichzeitig ertrinkt die Ausgestaltung der Charaktere in grenzenloser Gleichmacherei.

Joseph Kesselring (1902-1967) hatte «Arsenic and Old Lace» ursprünglich als sozialkritische Tragödie verfasst. Von Frank Capras Verfilmung als rabenschwarze Komödie soll er Depressionen bekommen haben. Im Bild: Die mörderischen Tanten Martha und Abby Brewster (Caroline Schreiber, Astrid Keller) mit ihrem Neffen Mortimer. Bild: János Stefan Buchwardt

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Badekostüm und Wabbelbauch

Beileibe, der US-amerikanische Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur Joseph Kesselring ist nur als Unterhaltungsliterat anerkannt. Als solcher und insbesondere mit seinem einzigen grossen Erfolg scheint er für das See-Burgtheater-Konzept geradezu prädestiniert. Wo Pullen Sinn und Heilloses seines Gruselhaus-Spektakels trashig persifliert, passiert etwas ungewollt Abgründiges: das eigentliche Elixier der Kriminalgroteske von 1939 wird sträflich aus den Angeln gehoben. Bespielt wird ein multiples Riverboat-Versatzstück (Bühnenbildner: Gregor Sturm), das als am Uferboden verankertes Drehbühnen-Mobile zwar ausgezeichnete Beschleunigungsdienste leistet und eindrucksvoll wirkt, seinerseits aber auch nicht wenig zum irritierenden Weder-Fisch-noch-Vogel-Setting beiträgt. Bedenklicher noch und in übertragenem Sinn: Dem an sich eleganten und vielseitigen Nostalgiepartikel aus den Südstaaten fehlen schlechterdings die Rettungsringe.

Gut, der Giftcocktail, der als Holunderwein verkauft wird, wird in einer Cola-PET-Flasche aufbewahrt. Einverstanden, der Theaterkritiker Mortimer Brewster, dessen Verwandtschaft ihr verbrecherisches Unwesen treibt, tritt in wechselnd erotisierendem Badekostüm auf, sein Serienmörder-Bruder zeigt grosszügig Wabbelbauch. Wäre das nur dienlich! Würde das die Ebene abgründig komödiantischer Mordlust nur nicht der Verflachung preisgeben! Das genau aber tritt ein. Der dem Bravourstück per se eingeschriebene Unterhaltungswert wird mit Fluten von Klamauk im Tom-und-Jerry-Tempo torpediert. Bei allem professionellen Bemühen, so muss Inhalt und Faszination, die von Slapstick-Elementen ausgehen könnte, erlahmen. Zwangsläufig zeitigt unaufhörliche Überzeichnung in Sprechduktus und Figurenführung Mattigkeit und Gleichgültigkeit auf der Zuschauertribüne.

Im Bild: Der lange verschollene Massenmörder Jonathan Brewster (Christian Intorp, rechts) und dessen Freund Dr. Einstein (Jeanette Spassova), der ihm mittels Gesichtschirurgie zu einer neuen Identität verhelfen soll. Bild: János Stefan Buchwardt

Heller als Schwarz

Wer dranbleibt, den muss es buchstäblich schmerzen, dass die Ausstrahlungskraft des befähigten Bühnenpersonals derart verpuffen muss, dass von der schwarzen Komödie nur Grautöne übrigbleiben. Wirklich lustig und gruselig? Keineswegs. Inadäquat schräg? Auf jeden Fall. Wo liegt das Dilemma? Ein überzogenes Konzept oder schlichtweg eine, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr abwendbare Betriebsblindheit? Die mordrünstigen Tanten Abby und Martha Brewster (Astrid Keller, Caroline Schreiber) wie auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller (die Brewster-Brüder Mortimer, Jonathan und Teddy: Raphael Westermeier, Christian Intorp und Florian Steiner; Jeanette Spassova als Dr. Einstein, Bastian Stolzenburg in drei Rollen, Anna Krestel als Elaine, Adrian Furrer und Andrej Reimann als Hüter des Gesetzes) sprühen doch vor Achtung gebietender Spiellust und sind ausgewiesene Profis ihres Faches.

Das Komödienspektakel durchgedrehter Akteure nimmt seinen Lauf. (Licht: Marco Scandola) Schleichend wird der Evergreen zum Evergrey. Bild: János Stefan Buchwardt

Parforcetour des Ensembles

So also geht der Vorsatz, einen Klassiker in breit grinsender Minnie-Mouse-Manier vom Mief zu befreien, ziemlich in die Hosen, trotz anerkennenswert signifikanter und ehrgeiziger Theaterrackerei. Wie an und für sich quicklebendiges Spiel schauspielerische Couleur und Erstklassigkeiten ver- und wegstellen kann und im comichaft ausgehobenen Handlungsstrang geradezu untergehen lässt, ist der eigentlich problematische Trip des Abends. Oder ist der Kritiker auf dem Irrweg? Legt die ambitionierte Regisseurin eine unerkannte avantgardistische Arbeit vor, die auf grossen Theaterbühnen ihre Fangemeinden finden würde? Ist der destruktiv sich verselbständigende Strudel, der alle und alles mitreissen will, eine hochwertige Zertrümmerung des Unergründlichen und Maroden? Ein in sich geschlossener Augen- und Ohrenschmaus, teilchenbeschleunigt, aber in Enfant-terrible-Mission zeitgemäss sinnentleert? – Nein, Untergründigkeit durch Kalauerei zu ersetzen, Komik an Widerstandslosigkeit abprallen zu lassen, zahlt sich nicht aus. Die Parforcetour des Ensembles hat dennoch grossen Applaus verdient.

Blick hinter die Kulissen des See-Burgtheaters. Bild: János Stefan Buchwardt


Weitere Aufführungen: Di 16.7. / Mi 17.7. / Do 18.7. / Fr 19.7. / Sa 20.7./Di 23.7. / Mi 24.7. / Do 25.7. / Fr 26.7. / Sa 27.7./Di 30.7. / Mi 31.7./ Fr 2.8. / Sa 3.8. / So 4.8./ Di 6.8. / Mi 7.8. Beginn ist jeweils 20.30 Uhr. Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Ab 18 Uhr Einlass und Bewirtung. Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr, eine Pause. Mehr zu den Tickets gibt es hier

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