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von Elke Reinauer, 16.03.2026

Kleinkunst mit Königswürde

Kleinkunst mit Königswürde
Der König ist tot, es lebe die Königin! Anne Folger hatte das Publikum mit Klavierkabarett erobert. | © Elke Reinauer

Die 19. Krönung in Aadorf hatte gleich mehrere Überraschungen parat. Und mit Anne Folger eine sichtlich gerührte Gewinnerin. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Von Elke Reinauer

Das Festival, das Kabarett und Comedy in Aadorf und Burgdorf seit Jahren auf die Bühnen bringt, funktioniert nach einem Konzept, das in der Region einzigartig ist: An zwei Abenden treten acht Künstlerinnen und Künstler auf, das Publikum wählt anschliessend Ritter, Barde, Hofnarr, Prinzessin, Scharfrichter; einen ganzen Hofstaat und eben König oder Königin. Bereits am Freitagabend hatte das Publikum das Duo Karim Slama auf den Thron gehoben.

«Was ist denn das für eine?», fragte sich wohl der eine oder andere im Publikum, als Moderatorin Judith Bach alias Claire aus Berlin mit einer Frisur, als hätte sie in eine Steckdose gefasst, auf die Bühne wirbelte. Sie sang, sie berlinerte, sie spielte Piano – und im fortgeschrittenen Teil des Programms überraschte sie das Publikum mit Passagen auf Schweizerdeutsch.

Judith Bach ist keine Unbekannte in der Kabarettszene: 2024 gewann sie die Tuttlinger Krähe, einen der wichtigsten deutschen Kleinkunstpreise. Ihr Counterpart Sven Ivanic, Jurist und Komiker in Personalunion, moderierte am Freitag in Aadorf sowie am Samstag in Burgdorf und setzte auf trockene Schlagfertigkeit.

 

Sorgte für Spass auf der Bühne bei der Krönung: Modeatorin Judith Bach. Bild: Elke Reinauer

Eine überraschte Königin

Doch zurück zum Samstagabend: Als alle Stimmzettel ausgefüllt waren und das Ergebnis verkündet wurde, konnte Kabarettistin Anne Folger es selbst kaum glauben. Veranstalter Lilo Wellinger und Pascal Mettler (Gong e.V.) krönten sie zur Königin. Erfreut, überrascht und überglücklich setzte sie zur letzten Nummer an.

Fünf Stunden zuvor hatte Anne Folger den Samstagabend mit ihrem Klavierkabarett eröffnet und das Publikum mit einer Vielseitigkeit beeindruckt, die ihresgleichen sucht. Die in der DDR aufgewachsene Künstlerin spielte selbstkomponierte Lieder, ihre Hände flogen nur so über die Tasten.

Zwischen Intervallfasten und Fritteuse

Sie zeigte die ganze Bandbreite ihrer Stimme, ob beim Singen, Sprechen oder in der Rolle der Influencerin «Doremi Fasola», die ihren Followern erklärte, wie sie mit Musik schlank werden und wie Intervallfasten in Intervallen wie Quarten und Quinten funktioniert.

Thematisch lag Babs Stehli beim Gegenteil von Intervallfasten und Schlankheitswahn: Als Rosmarie, die im Zürcher Oberland das Restaurant Zipfel betreibt, empfahl sie Speisen aus der Fritteuse. In ihre Suppe kam alles hinein, faule, krumme und dicke Rüebli. Denn: «Wir schwimmen alle in der gleichen Suppe», sagte sie und brach Begriffe wie Diversität und Inklusion in simple Erklärungen herunter.

 

Ausdrucksstark: Luca Maurizio stellte sich als «Italo-Bündner» vor. Bild: Elke Reinauer

Von Humus und Kuhfladen

War für viele das Zürcher Oberland bekannt, so brachte der nächste Künstler einen etwas exotischeren Hintergrund mit. Luca Maurizio stellte sich als «Italo-Bündner» vor, er stammt aus dem Bergell und erzählte von seinem Grossvater, der vor hundert Jahren aus Bergamo eingewandert war.

Zu einer Zeit, in der Kinder barfuss Kühe hüteten und sich, wenn es kalt wurde, mit den Füssen in einen Kuhfladen stellten. «Heute geht es überall um Resilienz», fand er. «Die Menschen haben die innere Mitte verloren.»

Die Ambivalenzen unserer Zeit

Körperlich ausdrucksstark nahm Luca Maurizio die Bühne ein. «Unsere Erwartungen an das Leben haben sich, wie unsere Lebenserwartung auch, verdoppelt», erklärte er. Von Me-Time bis Resilienz haben sich die Schwerpunkte verschoben: «Wir wollen alle hundert werden, aber niemand möchte sich um die Alten kümmern. Wir wollen alle Fleisch essen, aber niemand will mehr Metzger werden.»

Er fragte, ob einer im Saal Metzger sei. Bisher: kein einziger. Als Resilienztraining und zur Erdung empfahl der Kabarettist, sich in einen Kuhfladen zu stellen und sich wieder mit der Erde zu verbinden. Sein Motto: vom Humanismus zum Homo Humus, also zum Humusismus.

 

Simon Chen hatte in Windeseile sein Programm auf den Abend angepasst. Er hatte erst zwei Tage vor der Krönung von seinem Auftritt erfahren. Bild: Elke Reinauer

Herzschmerz und Hunde

Den ersten Block rundete die Band «Einzig und dr Andr» aus Uri ab: Die Musiker Livio Baldelli, Benno Muheim und Matteo Schenardi sangen von Herzschmerz in all seinen Facetten und dem Erwachsenwerden in der Provinz. Sie spielten Gitarre, Kontrabass, Banjo und Trompete mit beeindruckender Vielseitigkeit.

Simon Chen hatte erst vor zwei Tagen erfahren, dass er bei der Krönung für den erkrankten Monsieur Momo einspringen sollte, und in Windeseile sein Programm auf den Abend angepasst. Als typischer Hündler trat er auf, mit einer Bauchtasche gefüllt mit Hundesäckli, seinen Hund Shakiri rufend – benannt nach der Sängerin. Er benutzte Sätze, die jeder von Hundehaltern kennt: «Der will doch nur spielen» oder «Das hat er noch nie gemacht.»

 

Bissig und ironisch nahm Moet Liechti  das Publikum mit in ihren Alltag: vom Power-Yoga bis in die Schule. Bild: Elke Reinauer

Simon Chen überzeugt als spontaner Gast

Simon Chen schlüpfte auch in die Rolle des Ausländers, der sich in die Schweiz integrieren will und bei einem Mundart-Theaterstück einen Schweizer spielen möchte, aber nur den Ausländer spielen darf. Die Ausschnitte machten Lust auf mehr.

Moet Liechti zeigte sich jenseits des Klischees einer Primarschullehrerin: Mit Sarkasmus erzählte sie vom Begegnungszimmer in der Schule, von der Begegnungszone Mensch und davon, wie man diese Spezies besser ertragen kann. Bissig und ironisch nahm sie das Publikum mit in ihren Alltag: vom Power-Yoga bis in die Schule.

 

Auf den Spuren von Element of Crime: Der TV-Schauspieler, Schauspieldozent und Kabarettist André Willmund. Bild: Elke Reinauer

Hommage an Element of Crime

Weniger satirisch, dafür tragisch-komisch nahm sich André Willmund der Geschichte eines Paares an. Sein Programm «Wer is(s)t hier die Wurst» hatte er auf den Abend gekürzt und liess die Zuschauer gespannt zurück. Was als vergessene Wurst begann, endete als Beziehungskrise, und das Publikum wartete vergebens auf den Lacher.

In feinster Poetry-Slam-Manier spielte er Gitarre und bannte den Saal, sein Stil erinnerte an die melancholischen Momente von Element of Crime. Als TV-Schauspieler, Schauspieldozent und Kabarettist lebt der Deutsche André Willmund in Zürich.

Nächstes Jahr steht die 20. Krönung an

Jozo, der letzte Künstler des Abends, brachte Witz aus zwei Welten mit: Schweizer Heimat trifft kroatische Wurzeln. Humorvoll und tiefgründig sprach er über Heimat und Glücksmomente, etwa seinen ersten Auftritt am Pfadi-Bundeslager. Ein Wunsch, den sein kroatischer Vater nie verstanden hätte: Er war geflohen – vor Feuer und Schlafen im Freien.

Und so endete die 19. Krönung mit reichlich Applaus: ein kurzweiliger Kleinkunstmarathon. Veranstalter Pascal Mettler gab bereits einen Ausblick auf 2027: Im nächsten Jahr feiert die Reihe ihren 20. Geburtstag, und Gong e.V. plant, sich etwas Besonderes einfallen zu lassen. Aber schon jetzt gilt: Die Krönung bleibt, was sie seit 19 Jahren ist: ein Pflichttermin für Kabarettfans in der Region.

 

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