von Elke Reinauer, 20.04.2026
Jeanne d'Arc in Turnschuhen

Auf den Spuren einer Rebellin: Das Wiler Jugendtheater momoll erarbeitet ein Stück über die französische Freiheitskämpferin. Premiere ist am 25. April. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Wil, Lokremise am Karfreitag: Drinnen ist es kalt, draussen scheint die Sonne. Ein paar Jugendliche sitzen dick eingepackt auf einer Bühne. Über ihren Pullovern tragen sie Teile von Kostümen: die britische Flagge als Weste, eine Nonnenkutte samt Kreuzkette um den Hals.
Die Hauptfigur des Stücks, Jeanne d'Arc, steht in Anorak und rosa Turnschuhen auf der Bühne, ihr Vater, gespielt ebenfalls von einer weiblichen Darstellerin, trägt zwei Paar verschiedene Schuhe: rechts beige Winterstiefel, links rosafarbene Turnschuhe. Sie hat einer Kollegin, die in Turnschuhen zur Probe kam, einen ihrer Stiefel geliehen, damit es sie nur an einem Fuss friert, berichtet sie lachend.
Die Kulisse besteht aus einem grossen Beet aus Erde, auf dem sich Wurzelholz verteilt. Genauer gesagt, zehn Kubikmeter Erde, die eigens für das Stück «Zum Beispiel Jeanne» angeliefert wurden. Auf dem Erdboden krümmt sich Jeanne, die von ihrem Vater geschlagen wird, weil sie berichtet, dass sie Stimmen hört.
Bis an die Grenzen gehen
Regisseurin Claudia Rüegsegger unterbricht das Spiel, springt vom Regietisch auf, eilt zur Bühne. Sie zeigt die Szene erneut: «Mach ein Geräusch, wenn du sie schlägst.» Eine sehr körperliche Szene, die Choreografin Amelie Lisa koordiniert. «Das ist gewollt, sie erarbeiten sich die Rolle durch Körperlichkeit», sagt Amelie Lisa, die selbst ein Kind des Momoll-Theaters ist und dort schon als Jugendliche spielte. Seit zwei Jahren ist sie in leitender Funktion dabei.
An diesem Tag proben die Jugendlichen von 11 bis 22 Uhr. Ein intensives Probenwochenende liegt vor ihnen. «Die langen Probentage sind bewusst so gewählt», sagt Claudia Rüegsegger. «Die Jugendlichen sollen schon an ihre Grenzen gehen.» Und präzise arbeiten, das Stück wird sieben Mal aufgeführt und so muss jede Szene bis zur kleinsten Geste sitzen, deshalb wird Claudia Rüegsegger nicht müde, immer wieder zu unterbrechen: «Geh nochmal zurück und auf sie zu», instruiert sie den Vater der Jeanne.
Das Momoll Theater wurde 1985 von Studierenden der Schauspielakademie Zürich gegründet und feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. In den Anfangsjahren machte sich das Ensemble mit Freilichtaufführungen und ausgedehnten Tourneen einen Namen, bevor es sich zunehmend der Arbeit mit Jugendlichen zuwandte: 1994 entstand der jugendclub momoll theater in Schaffhausen, 2006 kam das momoll Jugendtheater Wil dazu. Claudia Rüegsegger ist das letzte verbleibende Gründungsmitglied. Zum Jubiläum gab es seit langem wieder eine Profiproduktion: Mit «Bitte nicht über den Tellerrand stolpern!» ging die neu gegründete Cie. momoll! auf Tournee — back to the roots. Die letzte Vorstellung war bereits Ende Februar 2026.
Die grosse Frage: Wer ist Jeanne d'Arc?
«Zum Beispiel Jeanne» ist im Original das Stück «Jeanne oder die Lerche» von Jean Anouilh, das 1953 veröffentlicht wurde. In diesem schildert er die letzten Stunden der jungen Jeanne d'Arc, die 1431 vor Gericht steht und auf ihr Leben zurückblickt. Sie folgt ihrer inneren Stimme, führt Frankreich zum Sieg, wird aber am Ende von der Kirche und Politik verurteilt.
«Keiner der Jugendlichen hatte davor von Jeanne d'Arc gehört», so Claudia Rüegsegger. Und sie haben es cool gefunden: Die gabs wirklich. Claudia Rüegsegger hat den Stoff von Jean Anouilh auf Schweizerdeutsch übersetzt und gekürzt. «Im Original dauert das Stück zweieinhalb Stunden, wir setzen auf eine Länge von 75 Minuten», sagt sie.
Zur Auswahl standen vier Stücke, von denen jeweils die Anfänge zusammen mit den Jugendlichen gelesen wurden. Choreografin Amelie Lisa sagt: «Das Stück ist sehr gut geschrieben, ich finde immer wieder Sätze darin, die mich beeindrucken.»
Wie das Stück beginnt
Die Jugendlichen schlüpfen dabei nicht vollständig in die Rollen, deshalb tragen sie auch nur Teile von Kostümen. «Ich würde von Jugendlichen nie verlangen, Erwachsene zu spielen», sagt Claudia Rüegsegger. «Es wird vielmehr die Rolle angespielt und erzählt.» Das Stück beginnt damit, dass die Jugendlichen untereinander über Helden sprechen, dabei zählen sie Helden auf. Einer sagt dann «Zum Beispiel Jeanne» – und die Geschichte beginnt.
Die meisten Jugendlichen sind schon länger dabei, bis auf zwei neue. Claudia Rüegsegger ist es wichtig, ein Umfeld zu schaffen, wo sie sich getrauen. «Ich habe Freude, wenn sie sich von selbst trauen und sich vertrauen, ihren Impulsen zu folgen.»
Durchhaltevermögen ist gefragt
Claudia Rüegsegger teilt die Rollen ein und darauf verlassen sich die Jugendlichen. Elia Moser zum Beispiel, er spielt den Kronprinzen, Soldaten und einen der Erzähler, sagt, dass Claudia Rüegsegger die Rollen so verteilt, dass sie zu den Leuten passt. «Es hilft auch, dass Claudia viel vormacht.» Und: Wir überlegen uns die Hintergrundgeschichten zu unseren Rollen. Er liebt am Theaterspielen, dass es anders ist als der Alltag oder die Schule, «wo man nur sitzt.»
Nayla Krüsi spielt Jeanne 2 und einen Diener. Sie sagte, sie habe als Kind schon Theaterspielen wollen und es mache ihr Spass, sich in die Rollen zu versetzen. Durchhalten bei der Kälte sei manchmal eine Herausforderung, findet sie.
Anstrengende Tage, aber auch viel Gemeinschaft
Die langen Probetage bringen die Jugendlichen an ihre Grenzen. «So entsteht eine Intensität, die junge Leute ja suchen», sagt Claudia Rüegsegger in einer Zigarettenpause. Aber nicht nur das: «Die Gruppe wächst zusammen. Jugendliche, die sich bis jetzt nicht kannten, treffen sich auch privat zum Proben», sagt Claudia Rüegsegger.
Was sie motiviert: «Mich interessiert die Empathie der Jugendlichen, sich in Rollen zu versetzen. Was könnte weiter weg sein von einer Jugendlichen, als einen Inquisitor zu spielen», sagt Claudia Rüegsegger. «Sie müssen in jeder Situation herausfinden, was sich in einem Menschen abspielt.» Dafür brauche es Zeit und Textarbeit.
Schon seit 40 Jahren dabei
Claudia Rüegsegger ist seit 40 Jahren mit Leidenschaft dabei. Sie wird an diesem Tag nicht müde, Szenen zu wiederholen, kümmert sich um die Jugendlichen, kauft ein und verköstigt sie in den Pausen. Auch ihr Partner Michael Oggenfuss, verantwortlich für Bühnenbild und Licht, liess die zehn Kubikmeter Erde für das Bühnenbild anliefern. Eine Erddeponie spendete das Material, das angeliefert und direkt hineingefahren wurde. Dort schaufelten die Jugendlichen die Erde in das Beet, das nun ihre Bühne bildet. Michael Oggenfuss drehte dazu kleine Videos, die sehr unterhaltsam und sehenswert sind auf dem Instagramkanal: momoll_theater.
Die Zigarettenpause ist beendet, so wie der Probenbesuch. Was bleibt, ist die unglaubliche Motivation und Konzentration, mit der alle dabei sind. Als ich vom Platz fahre, stehen ein paar Jugendliche rauchend um einen Brunnen, die Hände in den Taschen. Die Proben drinnen gehen weiter, bis spät am Abend.
Termine & Tickets
Aufführungen: «Zum Beispiel Jeanne» momoll Jugendtheater Wil, nach «Jeanne oder die Lerche» von Jean Anouilh Lokremise Wil, Silostrasse 2, 9500 Wil SG
Sa 25. April 2026, 20.15 Uhr — Premiere
Di 28. April 2026, 20.15 Uhr
Do 30. April 2026, 20.15 Uhr
Sa 2. Mai 2026, 20.15 Uhr
Do 7. Mai 2026, 20.15 Uhr
Fr 8. Mai 2026, 20.15 Uhr — Jubiläumsvorstellung
Sa 9. Mai 2026, 20.15 Uhr — Derniere
Mitwirkende Spiel: Ada Badura, Anna Bernet, Zora Brühwiler, Shaëlle Burger, Mena Heuberger, Spenta Ibrahim, Ada Kihm, Nayla Krüsi, Elia Moser, Saphira Nater-Wigger, Liara Reichen, Tabea Sanchez, Hannes Sturm Regie und Bearbeitung: Claudia Rüegsegger Choreografie und Musik: Amelie Lisa Theaterpädagogik: Barbara Schüpbach, Amelie Lisa Regieassistenz: Yara Krüsi, Livia Lenherr Bühne und Licht: Michael Oggenfuss Kostüme und Maske: Jacqueline Kobler Technik: Ronja Herger Bühnenbau: Urs Ammann, Iago García Bärtsch, Andrina Haldner, Valentin Hüppi, Gerold Welch Fotos: Hans Schneckenburger Bar/Empfang: Lina Schüpbach, Andrina Haldner, Lena Rüegsegger, Gerold Welch & Team
Tickets für alle Vorstellungen gibt es hier.

Von Elke Reinauer
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