von Inka Grabowsky, 19.02.2026
Mehr als Theater

Nach 24 Jahren ist Schluss: Das inklusive Theater Comedy Express stellt den Betrieb nächstes Jahr ein. Aktuell laufen die Proben für die letzte Premiere. Ein Besuch. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Was 2003 begann, soll nächstes Jahr enden: Der Comedy Express von Ambrosia Weisser und Peter Wenk fährt in seine Endstation ein. Nach 24 Jahren wollen die beiden 2027 das inklusive Theaterensemble auflösen.
«Ich bin 73 Jahre alt», sagt Peter Wenk. «Das ist schon ein gutes Argument für das Aufzuhören.» Doch es sei nicht nur das, meint Ambrosia Weisser. «Auch unsere Schauspieler und Schauspielerinnen werden nicht jünger. Sie sind weniger belastbar als noch vor zwanzig Jahren.»
Die meisten haben Trisomie 21. Und das geht oft einher mit Herz-Erkrankungen. Einen grossen Anteil an der Entscheidung aufzuhören hat die wirtschaftliche Situation: «Es wird immer schwieriger, eine Produktion auf die Beine zu stellen, nicht inhaltlich - das ist der grosse Spass, sondern organisatorisch und finanziell.»
Der Aufwand für die Produktionen wurde zu gross
Über das eigene Unternehmen «Theater inklusiv GmbH» sind die Theaterleiter für alles verantwortlich: Sponsorensuche, Werbung, Vorverkauf, Tournee-Organisation. «Wenn das wegfällt, dann haben wir wieder Kapazität frei, um projektweise mit Institutionen inklusives Theater auf die Beine zu stellen. Ideen für Workshops haben wir ohne Ende.»
Aber für einmal heizen sie den Kessel des Comedy Express noch an. Derzeit laufen die Proben für die letzte Produktion «Karneval der Fabeltiere». Premiere ist am 13. März im Gasthof Linde. Mit der Idee, ein Theaterstück diesmal in einem Museum spielen zu lassen, fing die Arbeit an. Der Comedy Express hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieler Schauplätze bedient und sich über die Klischees, die damit verbunden sind, lustig gemacht.
Video: Einblick in die Probenarbeiten
Das Stück tourt auch durch Ostschweizer Museen
Ein Spital, eine Baustelle, ein Hotel, eine Küche, ein Versicherungsbüro… überall fand das Regieteam aus Peter Wenk und Ambrosia Weisser etwas zu lachen. «Mit dem Museum wollen wir uns zusätzlich zum Stammpublikum auch mal anderen Zielgruppen präsentieren», so Ambrosia.
Schon jetzt ist klar, dass es nach der Premiere in der «Linde» in Sommeri Auftritte im Umfeld von Kunstausstellungen geben wird. Unter anderem dabei sind das Kreuzlinger Museum Rosenegg, das Werk 2 in Arbon, das St. Galler Open Art Museum oder das Würth-Haus in Rorschach.
Modenschau im Rahmenprogramm
Bei ihrer letzten Produktion wollen Weisser/Wenk einmal mehr aus dem vollen Kostümfundus schöpfen. Was eignete sich da besser als eine Modenschau. Ambrosia tritt als die Designerin auf, die sie auch in ihrer Funktion als Kostümbildnerin des Comedy Express ist. Sie hat sich der Mythologie bedient, um Kleider für Riesenkraken, den Phönix, den Werwolf, den Pegasus, die Loreley und die Chimäre zu schaffen.
Die Modenschau ist ein Programmpunkt einer Vernissage. Das gibt Gelegenheit, den Kunstbetrieb und sein eigenes Vokabular zu karikieren.
Die Absurdität des Kunstbetriebs
Während der Aufführung schwafelt ein Experte in seiner Laudatio unverständliches Zeug und lässt sich nicht bremsen. Eine Regierungsrätin droht mit einer langweiligen Eröffnungsrede. Klimaschützer wollen sich an Kunstwerke kleben. Eine Anspielung auf die 1973 aus Versehen geputzte Badewanne von Beuys darf auch nicht fehlen. «Übereinstimmungen mit der Realität sind natürlich rein zufällig», sagt Ambrosia Weisser mit einem Augenzwinkern.
Die angenagelte Banane in der Kulisse ist ein Seitenhieb auf das über sechs Millionen teure Klebekunstwerkt des Konzeptkünstlers Maurizio Cattelan 2024 oder wahlweise auf den «Bananensprayer» Thomas Baumgärtel, der seit den achtziger Jahren jene Museen oder Galerien mit der Banane als Qualitätssiegel besprüht, die er für kulturrelevant hält.
Ihrerseits dürfte sie auf Warhols Banane für das «Velvet Underground»-Cover aus den sechziger Jahren Bezug nehmen. Kunst-Insider können also im vordergründig harmlosen Gag ganze Welten entdecken.
Wenn Theater auf bildnerisches Gestalten trifft
Die Vernissage-Idee eröffnet die Möglichkeit, das bildnerische Gestalten der Ensemble-Mitglieder zu zeigen. Alle haben Skulpturen geschaffen, die sie im Anschluss an das 75-minütige Stück in der wirklichen Vernissage feiern. Der Beitrag der beiden Theaterleiter kann sich sehen lassen: ein rund 2 Meter grosser Lindwurm, der mit den Augen blinken kann und dem Rauch aus den Nüstern quillt.
Diese übersprudelnde Kreativität wird bleiben, auch wenn das Projekt «Comedy Express» 2027 beendet wird. Ambrosias Sohn Julian ist seit einigen Jahren als Musiker und Bühnen-Techniker Teil des Teams. Die letzte Produktion will er besonders geniessen: «Es ist schön, mit der Comedy Express-Familie, die wir im Laufe der Zeit geworden sind, wieder unterwegs zu sein. Wir haben viel miteinander erlebt. Aber ich bin frisch Vater geworden und freue mich, mich jetzt um meine eigene kleine Familie kümmern zu können.»
Warum den Ensemblemitgliedern der Abschied schwer fällt
Die Ensemblemitglieder, die zum Teil schon seit über zwanzig Jahren dabei sind, haben das Ende Ihres Hobbys recht schwergenommen. «Es fällt ja nicht nur das Theaterspielen weg», so Ambrosia: «Wir haben Ausflüge unternommen, eine eigene WhatsApp-Gruppe betrieben und gemeinsam Feste gefeiert. Kurz: Soziale Beziehungen gehen verloren – selbst wenn wir unsere Arbeit nicht als Sozial-Therapie, sondern immer als Kunst verstanden haben.»
Diese langfristig aufgebauten Beziehungen hätten es auch verunmöglicht, den Comedy Express einfach in jüngere Hände abzugeben.
Was bleibt nach 24 Jahren?
«Ich würde es auf jeden Fall wieder tun», bilanziert Peter Wenk. «Es gab so viele Sternstunden. Es ist ein Glücksfall, dass sich die Leitung der Bildungsstätte Sommeri 2003 auf dieses Wagnis eingelassen hat und uns bis heute unterstützt.»
Ambrosia Weisser ergänzt: «Es ist grossartig, dass wir etwas anstossen konnten. Wir haben unseren Leuten Horizonte eröffnet. Eine Schauspielerin aus unserer Produktion ‹Die Zauberflöte und andere kataStrophen› erzählte mir, sie habe sich die Oper jetzt im Fernsehen angeschaut.» Umgekehrt sind auch die Profis immer noch von der Spielfreude des Ensembles begeistert: «Die Freude, die unsere Schauspielerinnen und Schauspieler in ihren Fabelwesen-Kostümen ausstrahlen, ist ansteckend.»
Termine & Tickets
«Karneval der Fabeltiere» feiert am 13. März im Gasthof Linde Premiere. Tickets gibt es hier. Ohne Theatermenü 35 Franken, mit Essen 75 Franken (für Erwachsene ohne Ermässigung)

Von Inka Grabowsky
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