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von Inka Grabowsky, 11.02.2026

Künstler hinter Gittern

Künstler hinter Gittern
Jeremias Heppeler lebte im Rahmen des Projekts 14 Tage in einer zwei-Mann-Gefängniszelle | © zVg

Zwei Wochen eingesperrt mit Schwerverbrechern: Jeremias Heppeler wagte ein extremes Experiment in einem rumänischen Hochsicherheitsgefängnis. Seinen Film darüber zeigt er am 19. Februar in Kreuzlingen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Ich habe schon viele internationale Projekte gemacht», erzählt Jeremias Heppeler, «aber vor keinem war ich so nervös wie vor diesem.» Die äusseren Bedingungen waren einfach zu ungewöhnlich. Der Künstler, Journalist (unter anderem schreibt er auch für thurgaukultur.ch) und Pädagoge hatte sich auf einen besonderen Härtetest eingelassen: Gemeinsam mit sieben weiteren Kunstschaffenden liess er sich für zwei Wochen in einem Gefängnis in Rumänien einschliessen, um mit ausgewählten Häftlingen eine Kunstausstellung hinter Gittern vorzubereiten. 

Schon die Vorbereitungen waren intensiv: Es gab einen minutiösen Hintergrundcheck durch die rumänischen Sicherheitsbehörden, den Abschied von der Freundin, keine Smartphone-Verbindung in die Welt draussen, sondern stattdessen die Aussicht auf zwei Wochen unter wildfremden Gewaltverbrechern. 

Die neun Workshop-Teilnehmer im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis von Aiud wurden zwar handverlesen, damit sie die Situation nicht ausnützen. Doch sie haben nichts zu verlieren. Einige sitzen lebenslänglich. «Mir war anfänglich nicht bewusst, dass ich es wirklich mit Schwerverbrechern zu tun haben würde. Und die Biografien von zwei Mördern werde ich nie vergessen. Mir blieb die Luft weg, als ich realisierte, wie hart und hoffnungslos diese Leben waren. Und wie brutal sie ihre Leben zerschossen hatten – ohne Rücksicht auf die Opfer, auf ihre eigenen Familien und auch sich selbst.» 

 

In dieser Zelle lebte Jeremias Heppeler während seines Aufenthalts im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis von Aiud. Bild: zVg 

«Ihr Erfolg war es, wenn andere Angst vor ihnen hatten.»

Jeremias Heppeler, Künstler, über seine Erfahrungen in einem rumänischen Knast

Gleichzeitig lernte der 37-jährige Autor, Musiker und Filmemacher auch, unter welchen Bedingungen Leben immer noch möglich ist: mit 15 anderen in einer Zelle mit nur einer Dusche und einem WC, ohne Privatsphäre. «Es darf im Gefängnis eben nicht attraktiver sein als bei den Ärmsten der Armen draussen», gibt Jeremias die Erklärungen des Gefängnisdirektors weiter. 

Die Kunstschaffenden teilten den Alltag der Insassen unter vergleichsweise luxuriösen Bedingungen. Sie übernachteten in einem neu eröffneten Trakt in Zwei-Mann-Zellen. Wieder zu Hause konnte der Künstler es trotzdem noch besser schätzen, seine eigenen Rückzugsräume zu haben und frei entscheiden zu können. «Und vor allem im Donautal in sicheren Verhältnissen aufgewachsen zu sein.» 

Der Freiheitsbegriff hat für Jeremias eine neue Dimension bekommen. «Wenn ich heute jemanden über politisch korrekte Sprache klagen höre mit dem ewigen ‹Man darf hier ja nichts mehr sagen›, dann ist das einfach nur absurd.» 

Musikvideo, das in dem Projekt entstanden ist

Angefangen in Afrika

Das «Prison Art Camp» nahm für Jeremias ausgerechnet in Togo in Afrika seinen Anfang. Dort hatte er während einer Residency den Bildhauer Stefan Balok kennengelernt, der in seiner Heimat Rumänien sehr bekannt ist und aus der Stadt Aiud stammt. 

Er leitet in der Gefängnisschule als Kunstpädagoge Workshops und hatte bereits 2008 ein Camp gemeinsam mit anderen Künstlern organisiert. «Ich sagte Stefan: ‹Wenn du es wieder machst, sag Bescheid.› 18 Monate später kam der Anruf.» 

Ein Ziel: Den Gefangenen Perspektiven geben 

Ziel des Prison Art Camps war es, Häftlingen neue Zugänge zu Kunst zu verschaffen. Die Künstler reisten dafür aus sechs verschiedenen Ländern an. «Sie alle sind technisch grandios», sagt Jeremias. «Ich wusste erst gar nicht, was ich beitragen könnte. Ich wollte nur ein kleines Rädchen im grossen Ganzen sein.» 

Doch er fand seine Rolle: «Mir wurde vom Gefängnisdirektor erlaubt, eine kleine Kamera mitzubringen. Gewisse Wärter durften sie nicht sehen, aber viele haben das Filmen toleriert.» Und so dokumentiert Jeremias Heppeler nun – auch mit Hilfe von offiziellen Kameraleuten – den Gefängnisalltag ebenso wie das Kunstprojekt und seine eigene Befindlichkeit in einer Zelle. «Ich erzähle als vertrauenswürdiger Zeuge von einem Ort, an den kaum jemand sonst hineindarf.» 

 

Die Gefängnismauer von Aiud können nur Vögel überwinden.

Wie die Kunst wirkt

Einige der Gefangenen, mit denen der Filmemacher arbeitete, hatten unfassbare Gewalterfahrungen gemacht – passiv wie aktiv. «Sie konnten mir nichts Schönes aus ihrem Leben erzählen. Sie hatten in der Gewaltspirale funktioniert. Ihr Erfolg war es, wenn andere Angst vor ihnen hatten.» Erst das Projekt habe manchem gezeigt, dass dies nicht der einzige Weg zu Selbstbestätigung ist, erinnert sich Heppeler. «Bei der Vernissage der entstandenen Bilder kam der Bürgermeister von Aiud, schüttelte einem der teilnehmenden Gefängnisinsassen die Hand und lobte sein Werk. Er bekam zum ersten Mal Lob und Anerkennung für eine Arbeit.» 

Ob das Gemälde nun tatsächlich einen künstlerisch hohen Wert hat, war dabei vollkommen egal. Es ging mehr um den Prozess, gemeinsam mit anderen etwas zu schaffen, wofür sich Dritte dann interessieren. «Kunst hilft in diesem Sinn bei der Resozialisierung.» Insbesondere Langzeithäftlinge könnten profitieren, ist Jeremias Heppeler überzeugt.

 

Ein Fussballspiel im Hof mit Teams aus Gefangenen und Künstlern gehörte zum Rahmenprogramm.

 

Termine: Auf der Leinwand und auf der Bühne

Bevor der 55-minütige Film auf YouTube veröffentlicht wird, absolviert der Filmemacher noch einige Auftritte damit im süddeutschen Raum. Ein Musikvideo, das während des Projekts entstand, ist aber bereits publiziert.  

«Niemals wirklich frei» – Vortrag, Lesung & Filmvorführung mit Jeremias Heppeler am 19. Februar in der donnerstäglichen Kulturbar des «Apollo» in Kreuzlingen. Pay what it's worth: 12, 18 oder 24 Franken, ermässigt 10. 

Gruppenbild mit Gefängnisdirektor. Künstler und Strafgefangene kamen gut miteinander aus.

 

 

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