von Inka Grabowsky, 26.01.2026
Ein Thurgauer Goldrätsel

Ein goldener Becher, ein vertuschter Fund und ein festliches Abendessen mit dem Regierungsrat: Die Geschichte des Bechers von Eschenz ist so spektakulär wie rätselhaft. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
«Der goldene Becher von Eschenz ist unsere Mona Lisa», sagt Urs Leuzinger, der Verantwortliche für die Ausstellungen im Museum für Archäologie. «Wegen ihm gibt es die Alarmanlage und die Videoüberwachung. Und speziell wegen ihm kommen immer wieder Besucher ins Museum.»
Das Trinkgefäss ist elf Zentimeter hoch, 136 Gramm schwer und aus Waschgold getrieben. «Wir wissen das, weil wir mit einer Laser-Ablation eine Analyse haben machen lassen: Gold, das aus Flüssen herausgewaschen wird, enthält als natürliche Legierung einen höheren Silberanteil. Unser Becher hat etwa 25 Prozent Silber.» Trotz der Rekordpreise für Edelmetalle ist es nicht das Gold, das den Becher so wertvoll macht. «Er ist einer der ältesten der Welt», so der Archäologe.
Ein Fund, der nicht hätte verschwinden dürfen
Genau die Bestimmung des Alters hat lange für Kopfzerbrechen gesorgt. Gold ist ja deshalb durch die Jahrtausende so begehrt, weil es beständig ist. Nichts oxidiert, nichts zerfällt. Um festzustellen, wann ein Juwel in den Erdboden gelangt ist, braucht man also organisches Material von der Fundstelle.
Beim vergleichbaren Goldbecher von Rillaton, der 1837 in Cornwall ausgegraben wurde, lagen Keramik und ein Dolch im Umfeld. Man konnte mit naturwissenschaftlichen Methoden das Alter der Grabungsschicht bestimmen und weiss also: Dieser Becher wurde zwischen 1750 und 1550 vor Christus vergraben.
Vom Bahnhof ins Labor
Der Becher von Eschenz wurde aber nicht von Archäologen gefunden, sondern 1906 von einem heute unbekannten Arbeiter, der bei der Erweiterung der Gleise am Bahnhof von Eschenz half. «Er wollte ihn für sich behalten, hat aber – zu unserem Glück – den Mund nicht halten können», erzählt Leuzinger. «Sein Vorarbeiter drängte ihn, das Fundstück herauszurücken. Der Mann liess daraufhin eine Kopie aus Messing anfertigen, die er aushändigte. Das Original behielt er.»
Die Kopie landete mit einem Schreiben des Vorarbeiters im Landesmuseum in Zürich. Der Brief ist erhalten. Deshalb weiss man, dass rund um die Fundstelle auch noch Knochen gelegen haben. Niemand hat sich jedoch um sie gekümmert. «Die Experten in Zürich sahen sofort, dass ihr Becher neueren Datums ist, und versorgten ihn in einer Schublade für Dubiosa – also Zweifelhaftes.»
Erst 1974 tauchte das Original wieder auf. Ein Arzt hatte ihn von seinem Vater geerbt und war bereit, ihn dem Museum zu übergeben – allerdings unter einer Bedingung: Er wollte ein Abendessen mit dem gesamten Regierungsrat im Staatskeller. Das bekam er. Es heisst, nach Kartoffelsalat und Fleischkäse sei ordentlich Arenenberger Wein in den Becher gefüllt worden, um einmal im Leben aus ihm zu trinken. Fotos an der Museumswand dokumentieren den Festschmaus.
4400 Jahre alt – aber wie weiss man das?
Für die Altersbestimmung des Bechers von Eschenz ist man auf kunsthistorische Vergleiche angewiesen. Der Ringlemere-Goldbecher (Kent, UK) sieht ihm relativ ähnlich. Auch der Gölenkamper Becher (aus Niedersachsen) dürfte verwandt sein. «Bei denen schätzt man allerdings auch nur, wie alt sie sind», so Leuzinger. Vor 4300 respektive 3600 Jahren dürften sie geschaffen worden sein. Für die Archäologen war das eine unbefriedigende Datierung.
«Und dann haben wir vor fünf Jahren in Pfyn eine Scherbe eines Glockenbechers gefunden, der die gleiche Form wie unser Goldbecher hatte, aber eben aus Keramik war. Und in der Nähe des Funds lag Holzkohle, die wir genau datieren konnten. Deshalb gehe ich davon aus, dass unser Becher etwa 4400 Jahre alt ist und damit vom Ende der Jungsteinzeit oder der frühen Bronzezeit stammt.»
Wie man Gold heute erzählt
Seit 30 Jahren arbeitet Leuzinger im Museum für Archäologie und hat schon diverse Präsentationsvarianten miterlebt. «Als ich 1996 anfing, hatten wir noch Schrift in Siebdruck auf den Wänden, gedacht für die Ewigkeit. Dann wechselten wir um 2010 zu Texten auf Fahnen, sodass man Ausstellungen schnell ändern konnte. Und nun arbeiten wir wieder mit Texten an der Wand und mit mehr Bildern.»
Die Säle für die Bronzezeit und die Pfahlbauer sind bereits renoviert, nun war der «goldene Becher» an der Reihe. Zuständig für die Präsentation ist neben der Archäologin Eva Riediker der Designer Rico Pengler. Er sagt: «Wir gehen von den Inhalten aus. Hier waren der Raum und der Ausstellungsgegenstand gegeben. Dann versucht man, im Rahmen der finanziellen Mittel die Geschichte neu zu interpretieren.»
Vier Minuten Geschichte fürs Ohr
Das Museum für Archäologie versucht nicht nur aus Gründen der Sparsamkeit, sondern auch aus Überzeugung, Wissen so analog wie möglich zu vermitteln. Ganz ohne Infotainment geht es aber nicht. Gemeinsam mit Rahel Wohlgensinger und Simon Engeli hat Urs Leuzinger ein neues Kapitel im Hörspaziergang des Museums aufgenommen.
In vier Minuten taucht man ein in die Geschichten rund um den goldenen Becher und sitzt beim Nachtessen im Staatskeller mit dem Regierungsrat am Tisch. «Für die Hörstation haben wir eine bequeme Bank installiert», schmunzelt der Museumsleiter. «Wir haben einfach zu wenig Sitzgelegenheiten für diejenigen, die schneller mit der Besichtigung fertig sind als ihre Begleiter.»
Der Tatort ist wichtiger als das Gold
Neu ausgestellt sind zwei Fotografien aus dem Jahr 1906. Urs Leuzinger wollte die Fundgeschichte aufrollen und suchte deshalb gezielt nach Aufnahmen des Bahnhofs von Eschenz. Er wurde fündig. Ein befreundeter Eisenbahnfan hatte in seinem Archiv zwei Fotos von den damaligen Bauarbeiten.
«Das Gebäude wurde verschoben, um Platz für das dritte Gleis zu schaffen. Das war sensationell genug, als dass man einen Fotografen aufbot.» So gibt es nun ein Gruppenbild der Arbeiter, unter denen auch der Finder des Goldbechers sein könnte.
Die Fundgeschichte ist nicht nur unterhaltsam, sie ist auch lehrreich: «Ich kann nun zeigen, was wir alles verloren haben. Für uns Archäologen ist der Tatort oft wichtiger als das einzelne Beweisstück.» Ob der Becher eine Grabbeigabe war, ein rituelles Trinkgefäss oder eine Opfergabe – das wird sich nie mehr herausstellen.

Von Inka Grabowsky
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