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von Brigitta Hochuli, 10.06.2010

Mit «Avatar» auf Augenhöhe

Mit «Avatar» auf Augenhöhe
«Als disziplin- und gattungsüberschreitendes Projekt hat «You&Me-isms» gezeigt, wie das Zusammenarbeiten über die Grenzen und Begrenzungen hinweg Möglichkeitsräume schafft.» Boris Petrovsky. | © pd

Im letzten Herbst hat der Konstanzer Boris Petrovsky im Kunstraum Kreuzlingen in Zusammenarbeit mit der Stadt Konstanz und dank Interreg-Fördermitteln seine grosse Medien-Installation «You&Me-isms» realisieren können. Nun wurde diese Ausstellung in der Kategorie «Interactive Art» mit einer Honorary Mention der Ars Electronica 2010 in Linz ausgezeichnet. Im Interview geht Petrovsky auch auf die Möglichkeiten ein, die gerade an Orten der so genannten Peripherien geboten würden.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Petrovsky, was bedeutet die Anerkennung durch die Ars Electronica für Sie? Werden Sie Ihre Installation jetzt bald in New York zeigen können?

Boris Petrovsky: Via Internet ist die Installation ja bereits in New York, Rio, Tokio angekommen, virtuell und als Simulation auf der Projekt-Website*. Viele Web-Besuche werden durch den Prix Ars Electronica generiert und das ist wiederum, was «Anerkennung» als Bestandteil künstlerisch-partizipativer Prozesse bedeutet: «Wenn die Materialisationen des Künstlers keine 'Werk'-Funktion mehr haben, sondern systemtheoretisch als Programm(ierung) von Kommunikation aufzufassen sind, kann das, was Kunst sein soll, allein als Vermittlungsprozess entstehen», sagt Michael Lingner. Physisch ist die Installation bis Ende 2010 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM Karlsruhe anwesend, ein Ort, der mir für diese Art von künstlerischer Arbeit mehr bedeutet als irgendein Ort in New York.

Trotzdem, sind Sie zufrieden mit der Anerkennung oder haben Sie mehr erwartet? Immerhin gelten die ersten Preise als Oscars der Medienkunst.

Petrovsky: Bei Wettbewerben befinden sich die Teilnehmer eigentlich immer in einer (Un-)Wahrscheinlichkeitswolke von Kriterien. Ich bin sehr zufrieden, der Animationsfilm «Avatar» hat in seiner Kategorie dieselbe Honorary Mention erhalten. Sie würdigt als Anerkennung alle Beteiligten in ihrem Engagement, das solche aufwendigen und komplexen Installationen erst ermöglicht.

Meinen Sie mit den Beteiligten zum Beispiel auch den Kunstraum der Thurgauischen Kunstgesellschaft in Kreuzlingen?

Petrovsky: Ja, und damit auch die kuratorische Begleitung durch Richard Tisserand, der ganz wesentlich mit seiner couragierten Offenheit und ruhig-sachlichen Kompetenz zum Gelingen beigetragen hat und den Experimentalraum bereitgestellt hat. Dann aber auch die Kulturbüros der Städte Kreuzlingen und Konstanz, das ZKM Karlsruhe und Kurator Peter Weibel sowie Georg Nagel, Programmierung, und Nina Martens, Webdesign.

Die Provinz im Grenzraum Kreuzlingen-Konstanz ist demnach nicht hinderlich für eine internationale Ausstrahlung künstlerischer Produktion?

Petrovsky: Nein, im Gegenteil. Als disziplin- und gattungsüberschreitendes Projekt hat «You&Me-isms» gezeigt, wie das Zusammenarbeiten über die Grenzen und Begrenzungen hinweg Möglichkeitsräume schafft. Ich nehme wahr, dass gerade in den so genannten Peripherien solche Orte entstehen, die besondere Möglichkeiten bieten, in denen sich Ressourcen und Kompetenzen zusammenfinden und an denen in ruhiger und konzentrierter Weise gearbeitet werden kann, was ich für eine wesentliche Qualität halte.

Und Ihre Pläne? Bleiben Kreuzlingen und Konstanz weiterhin Plattformen für Sie?

Petrovsky: Ja, es ergibt sich momentan eine günstige Situation aus kurzen und im Vergleich zu Grossstädten schnellen Wegen.

Welches sind die praktischen Bedingungen für diese günstige Situation?

Petrovsky: Meine Arbeiten sind technisch komplex aufgebaut und erfordern daher eine gewisse Infrastruktur am Aufstellungsort. Trotz intensiver Planungen und realitätsnaher Simulationen entsteht ein Teil der Arbeit dialogisch-prozesshaft zwischen Material, Raum und Kontext. Daher ist es sehr hilfreich, wenn neue, aufwendige Arbeiten in nächster Nähe zum Lebensumfeld initiiert werden können. Es braucht viel Zeit vor Ort bei der Installation, und es können während der Dauer des Projekts erweiterte Erfahrungen über die wechselseitigen Prozesse von Öffentlichkeit, Besucher-Usern, Künstlern und Installation entstehen. Im Moment plane ich die nächsten Projekte aber ausserhalb, unter anderem für das ZKM die Installation «You&Me-isms / part II».

Herr Petrovsky, erlauben Sie zum Schluss eine Frage zu den Inhalten. Wie erklären Sie einem Laien oder einem traditionellen Kunstbetrachter, was Sie genau machen und was Sie mit Ihrer Kunst bezwecken?

Petrovsky: Mich interessiert, wie das, was als gesellschaftliche konsensuelle oder individuelle Wirklichkeit erscheint, als Verhältnis von Sprache und Bild individuell oder im gesellschaftlichen Konsens verhandelt, manifestiert, umgedeutet oder aufgelöst wird und welche Rolle die Mediatisierung dabei spielt. In You&Me-isms ist es die wortwörtliche Zuschreibung von Sinn über eine Botschaft der User, die der Installation vor ihren Augen wiederum erscheint und damit das offensichtlich ungeordnete Rohmaterial, aus dem sie besteht, temporär in eine sinnfällige Ordnung bringt, nämlich in die des wortsprachlichen Zusammenhangs, der über Schriftzeichen entsteht. Die Installation wird in diesem Moment zu dem, was ihr von den Usern zugeschrieben wird.

Nochmals die Frage für den Laien: Welchen Nutzen kann er allenfalls aus seinen User-Zuschreibungen als ziehen?

Petrovsky: In meinen Arbeiten schaffe ich interaktive Schnittflächen zwischen analoger und digitaler Technologie, die im Spannungsfeld von Materialität und Virtualität einen schwebenden Erfahrungsraum erzeugen, in dem die gewohnt-alltägliche Zuordnungen von Wort, Zeichen und Bild umgedeutet und hinterfragt werden können.

Was bedeutet demnach Kunst in der heutigen Zeit? Können Sie den Tausenden von bereits formulierten Definitionen eine Umschreibung hinzufügen?

Petrovsky: Ich sehe in der Kunst die Chance, zivile Räume als solche Möglichkeitsräume aufzuspannen, die intensivierte, fokussierte Erfahrungen ermöglichen und die damit im Gegensatz zum ökonomisch bestimmten Raum stehen. Kunst ist für mich ein Aufstauen des Flusses an Zeichen und Bildern des Alltags und seiner fortwährenden Ding-, Zeichen- und Bedeutungsproduktion mit künstlichen Hindernissen und dabei zivilisatorische Sinn- und Bedeutungssedimente wieder an die Oberfläche zu bringen.

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