Nicht von dieser Welt

Nicht von dieser Welt
Führen in unendliche Weiten: DAIF (David Nägeli) und Jessica Jurassica vom Duo CAPSLOCK SUPERSTAR im Cockpit ihres Raumschiffs. Gelandet im Kunstraum Kreuzlingen. | © zVg

Schillernd, ausufernd, überwältigend: Jeremias Heppeler, DAIF und Jessica Jurassica schaffen im Kunstraum Kreuzlingen ein fantastisches, begehbares Science-Fiction-Universum. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Betritt man in diesen Tagen den Kreuzlinger Kunstraum, sollte man sich bereit machen für eine ausserordentliche Reise. Fällt die Tür hinter einem ins Schloss, wechselt man nicht weniger als die Galaxie.

Dabei stolpert man zunächst allerdings in etwas, das eher wie ein Filmset aussieht als ein intergalaktisches Abenteuer: Filmplakate am Boden, Kostüme an Kleiderstangen, Green Screens an den Wänden und in der hintersten Ecke das in Originalgrösse nachgebaute Cockpit eines Raumschiffs aus Pappmaché.

Das ist in seiner ganzen B-Moviehaftigkeit so herzerwärmend, dass der erste Interesse-Trigger schon da gezündet wird: die Neugier ist geweckt.

 

Die gesamte Crew (von links): Jessica Jurassica, Jeremias Heppeler und David Nägeli. Bild: Beni Blaser

Herzerwärmende B-Moviehaftigkeit

Zur Neugier gesellt sich sogleich der zweite Interesse-Trigger: die Irritation. Was soll das alles hier? Jeremias Heppeler, David Nägeli aka DAIF und Jessica Jurassica inszenieren, ja, was eigentlich? Eine Ausstellung? Einen Film? Ein Musical? Eine Idee? Eine neue Kunstform? Die Künstler:innen selbst nennen es ein „space-galaktisches Hardstyle-Musical“ und das ist dann doch eine ziemliche Untertreibung. Aber dazu später mehr.

Im Zentrum ihrer, nennen wir es mal, Geschichte steht das Space-Popduo CAPSLOCK SUPERSTAR. Das sind DJ Netlog (David Nägeli) und Jessica Jurassica (Jessica Jurassica). Sie gelten als „das erfolgreichste Pop-Duo der Galaxis“ (es gibt sie übrigens tatsächlich) und machen sich nun daran ein ungeheures Schwarzes Loch zu schliessen, das die finsteren Macher des Moonstock-Festivals erschaffen haben, um Galaxien und auch den Bodensee zu verschlucken! Klingt schräg, man sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen. Es ist nur die Kulisse von etwas weit Grösserem.

 

Szene von der Eröffnung der Ausstellung: Richard Tisserand, Kurator des Kunstraum Kreuzlingen, total digital. Bild: Beni Blaser

Der Prozess der Kunst oder die Kunst des Prozesses?

Aber zurück zum Eingang: Als Besucher:in betritt man tatsächlich erstmal so etwas wie ein Filmset. Der Clou des Projektes ist nun: Während man sich als Besucher:in gerade noch darum bemüht, im Raum zu orientieren, entfaltet sich bereits, Schicht um Schicht, das clevere wie grossartige Konzept des ganzen Vorhabens: Das ist nicht nur Filmset, das ist Film, das ist Fan-Museum, das ist Ideenmaschine. Eigentlich ist es alles.

Im Tiefparterre kann man zu den Klängen von Asteroid Jazz (jenes Genre, das das titelgebende Duo CAPSLOCK SUPERSTAR in seinen Anfängen spielte), das ganze Raumschiff auf der Leinwand und Teile des Maschinenraums als ausgestellte Objekte betrachten. Die Wirkung ist interessant: Der gesamte Prozess des Filmdrehs, des Kunstschaffens an sich, wird so Stück für Stück in mehrere Dimensionen (zeitlich und räumlich) aufgespalten und alle liegen plötzlich direkt vor einem.

Die Besucher:innen werden Teil eines umgekehrten Kunst-Prozesses: das Werk steht nicht am Anfang einer Ausstellung, sondern am Ende. Der derzeit noch entstehende Film „CAPSLOCK SUPERSTAR - Am Anfang der Zeit“ wird dementsprechend auch erst bei der Finissage am 10. April gezeigt.

 

Realität, Fiktion, Illusion? Was ist was? Und worum geht es hier überhaupt? Jessica Jurassica und David Nägeli beim Filmdreh. Bild: zVg

Als hätte Walter Moers einen Science-Fiction-Roman geschrieben

Das mag neben konzeptuellen Erwägungen auch der Zeitnot des Ganzen geschuldet sein, aber im Kleinen zeigt sich hier, was das Projekt von Heppeler, Nägeli und Jurassica so aussergewöhnlich macht: Es schafft einerseits inhaltlich eine absurde und aberwitzige Science-Fiction-Geschichte, deren Vielschichtigkeit sich andererseits eben auch in der Struktur des Ganzen spiegelt.

Mit Film, Ausstellung, Hörspiel (unbedingt anhören, es klingt so als hätte Walter Moers einen Science-Fiction-Roman geschrieben) und Musik schaffen die Künstler:innen ein Netz aus selbstreferentiellen Verweisen, ja, ein Universum aus verschiedenen Medien, die alle miteinander verknüpft sind und im Zusammenwirken ein grosses, begehbares Gesamterlebnis schaffen.

Elemente aus der Ausstellung tauchen in Film und Hörspiel auf, Cockpit und Maschinenraum des Raumschiffs aus Film und Hörspiel sind als Ausstellungsstücke direkt erlebbar. Diese Artefakte sind die Verbindungstüren zwischen den unendlichen Weiten des Alls und uns. Realität und Fiktion rücken plötzlich sehr eng zusammen. Wenn man so will, dann sind diese plastischen Gegenstände die Wurmlöcher durch die die Ausstellungsmacher ihr Publikum schicken, um in einer anderen Realität aufzuwachen.

Reinhören: Das Hörspiel erzählt die Vorgeschichte

Das ist inhaltlich clever und zudem enorm praktisch: Es eröffnet neue Dimensionen, das Gehörte und Gesehene wird greifbar. Aus dem Abenteuer der anderen wird unser aller Abenteuer. Aus ein- beziehungsweise zweidimensionalen Medien wird ein mehrdimensionales Grossereignis, dass die Form der Ausstellung komplett neu denkt.

Je nach persönlicher Neigung kann man hier komplett versinken (passiv) oder abtauchen (aktiv). Egal wie: Das ist in beiden Fällen ein grosser Spass. Es ist aber noch viel mehr: Vielleicht begründet das hier alles auch ein neues Ausstellungsgenre - jenes der neuen immersiven Kunst.

Endlich echte immersive Kunst

Wann immer man bislang über immersive Kunst redete, hatte das viel mit multimedialer Reizüberwältigung, technischem Pomp und viel Blingbling zu tun. Das schweizerisch-deutsche Trio Heppeler-Nägeli-Jurassica denkt Immersion wesentlich konzeptueller und damit auch viel nachhaltiger. Hier ist das Eintauchen kein billiges Freizeiterlebnis, sondern das Eintauchen ist nur der Auftakt des Dreiklangs aus Begreifen - Verstehen - Weiterdenken.

Unterhaltung wird dabei als legitimes Mittel der Kunst verstanden. Man will ja nicht langweilen. Oder anders gesagt: Auf Leinwände projizierte Van Goghs vergisst man nach dem Besuch schnell wieder, die fantastischen Welten des CAPSLOCK SUPERSTAR eher nicht.

Richard Tisserands Kunstraum Kreuzlingen ist schon seit Jahren einer der experimentierfreudigsten Ausstellungsorte der Ostschweiz. Mit „CAPSLOCK SUPERSTAR“ setzt er hier aber nochmal neue Massstäbe. Grossartig.

Reinschauen: Performance zur Ausstellungseröffnung

 

Transparenz-Hinweis: Jeremias Heppeler und David Nägeli sind auch Autoren bei thurgaukultur.ch (aber das ist nicht der Grund, weshalb wir die Ausstellung gut finden. Die Gründe dafür finden sich im obigen Text. Wäre die Ausstellung schlecht, würden wir es unabhängig unserer persönlichen Verbindungen klar benennen.)

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