von Michael Lünstroth, 30.09.2019

Raus aufs Land

Raus aufs Land
Gibt die Richtung vor: Die Künstlerin Judit Villiger hat das Haus zur Glocke zu ihrem Herzensprojekt gemacht. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kultur auf dem Land funktionieren kann. | © Samuel Schütz

In Städten pulsiert das Kulturleben, hier sitzt die Avantgarde. Und auf dem Land? Auch im so genannten ländlichen Raum gibt es Perlen zu entdecken. Man muss nur etwas länger suchen.

Es ist eine Erfahrung, die jeder machen kann, der mal eine Grossstadt besucht: In Zürich, Berlin, Hamburg platzen die Kultur-Veranstaltungskalender täglich aus allen Nähten. Es gibt oft an einem Abend mehr viel versprechend klingende Anlässe als in, sagen wir mal, Frauenfeld in einer Woche. Das zeigt: Städte und Kultur ziehen sich gegenseitig beinahe magnetisch an. Hier entstehen oft die progressivsten und verstörendsten Arbeiten, wer als Künstler was auf sich hält, der lebt in einem städtischen Umfeld. Wohl auch deshalb wird Kultur sehr oft in urbanen Kontexten gedacht. Der so genannte ländliche Raum gerät dabei aus dem Fokus. Zu Unrecht. 

Ende Oktober (23. bis 26.Okotober) kommt eine bemerkenswerte Tagung nach Kreuzlingen und Konstanz, die sich genau diesem Thema widmet: Wie findet Kultur auf dem Land statt? Und inwiefern sind die Bedingungen für Kunst und Kultur in Randgebieten anders als in Zentren? Das europäische Netzwerk Culture Action Europe (CAE) kommt mit seiner Jahrestagung an den Bodensee und lädt zu einer offenen Debatte darüber ein. 

Was genau ist denn dieser ländliche Raum überhaupt?

Wer über Kultur im ländlichen Raum reden will, der muss erstmal definieren, was dieser Begriff überhaupt meint. Je nach Perspektive kann das nämlich sehr verschieden sein. Von Zürich aus gesehen ist der gesamte Thurgau ländlicher Raum. Von Frauenfeld aus gesehen ist alles ländlicher Raum im Thurgau, was nicht Frauenfeld ist. Und in Arbon, Romanshorn und Amriswil ist man mitten drin in diesem ländlichen Raum. Die jeweilige Perspektive verändert natürlich den Blick auf das Thema. 

Bei allen Unterschieden und bei aller Progressivität, die von Städten ausgeht - die Kulturarbeit im ländlichen Raum wird oft unterschätzt. Das lässt sich auch sehr gut im Thurgau beobachten. In den vergangenen Jahren sind hier Projekte und Institutionen entstanden, die den Vergleich mit städtischen Kollegen und Kolleginnen nicht fürchten müssen: Die Kunsthalle Arbon. Das Transitorische Museum Pfyn. Der Kunstraum Kreuzlingen. Die Theaterwerkstatt Gleis 5. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist das Haus zur Glocke von Judit Villiger in Steckborn. 

Das Haus zur Glocke zeigt wie Kunst in der Peripherie gelingen kann

In einem Haus aus dem 14. Jahrhundert zeigt die Künstlerin und Kuratorin nicht einfach nur Ausstellungen, sondern erzählt Geschichten über und mit Hilfe des Mediums Kunst. „Wir wollten einen Raum schaffen, der das Gespräch über Kunst und Gesellschaft eröffnet“, erklärt Judit Villiger ihr Konzept. Mit Künstler-Kollektiven, mit Tandems und mit einzelnen Künstlerinnen und Künstlern soll das Denken und Arbeiten in der Kunst durch die Kunst befragt werden. Villiger hat sich 2016 bewusst entschieden ihre Vision eines Kunst-Ortes in Steckborn zu realisieren. Fragt man sie, warum dort und nicht in einer Grossstadt, antwortet sie: „Ich habe das Gefühl, hier nochmal ganz anders wirken zu können als in einer Grossstadt.“

Bei aller Anziehungskraft der Städte, es gibt also durchaus Dinge, die für eine Kultur-Ansiedlung im ländlichen Raum sprechen: Die Konkurrenz auf dem Land ist geringer, die Chance auf Förderung in einem ländlichen Kanton grösser und das Publikum ist oft offener und neugieriger als das verwöhnte Stadt-Publikum. Ausserdem: Die Städte sind weitgehend entdeckt, auf dem Land haben wissbegierige Expeditionsteams noch Chancen Unentdecktes zu finden. Orte, denen noch niemand die richtigen Fragen gestellt hat, Themen, die bislang niemand wagte anzusprechen und Geschichten, die noch niemand erzählt hat. 

Künstlerinnen und Künstler: Raus aus den Städten, rauf aufs Land!

Oder wie es die Performerin Micha Stuhlmann mal formulierte: «Im Thurgau herrscht ein friedlicher Wildwuchs. Hier gibt es grosszügige, unbeackerte Flächen, die nach Kultur zu schreien scheinen.»  Also, Künstlerinnen und Künstler: Entflieht den Städten und erobert den ländlichen Raum! Es gibt dort viel für euch zu tun. 

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