von Brigitta Hochuli, 06.10.2012
Theater der Annäherung

Mit Eloquenz eröffnen alt Bundesrat Moritz Leuenberger und Intendant Christoph Nix die Saison des Theaters Konstanz in Kreuzlingen. Sprachlos ist das Handke-Stück.
Brigitta Hochuli
Das Thema des Konstanzer Theaters heisst nach Afrika nun Borderline. Gemeint sind unter anderem die nach wie vor schwierigen grenzüberschreitenden Beziehungen in der Region. „Sauber und ordentlich sind wir alle beide“, stellt Christoph Nix fest. Doch es gebe zwischen Süddeutschen und Schweizern sehr viele Ressentiments. „Wir alle sind Borderliner - mal mit mehr Sprache, mal mit weniger Hass.“ Ganz ohne gesprochenen Dialog ist denn auch das zur Premiere in Kreuzlingen gespielte Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ von Peter Handke geschrieben - wenigstens im Original aus dem Jahr 1991.
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Als Politiker, der nichts anderes als Worte zur Verfügung habe, sei er vorsichtig mit einem Theater ohne Worte, sagt Moritz Leuenberger. Denn eigentlich wüssten wir ja viel voneinander. „Die Schweizer kennen die deutschen Fleischpreise so gut, dass sich die Konstanzer nicht mehr wohl in ihrer Heimat fühlen.“ Das Wort Nachbarn komme von „Nahebauern“ - eine freundnachbarliche Referenz zur Landwirtschaft. Das erkläre auch die Kuhschweizer und Sauschwaben. Vor diesem Hintergrund nehme das Theater Konstanz eine humanitäre Aufgabe wahr. „Es ist ein Theater der Aufklärung und Annährung.“ Wie 2006 die Errichtung der hiesigen Kunstgrenze Bern und Berlin in Staunen versetzt habe, sprenge das Theater die Grenzen in den Köpfen - und das erst noch bei freiem Eintritt.
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Tatsächlich war der Premierenabend gratis, der Dreispitzsaal trotzdem nicht voll besetzt. Dabei sollten die Kreuzlinger sich ihn unbedingt ansehen. Er wird nämlich längs bespielt und die Fensterfront, sonst als schwarzes Band hoch unter der Decke klebend, von aussen zur zweiten effektvollen Bühne.
Zu Beginn treten zwei Gruppen auf, die einen umschlungen mit Hakenkreuz-, die andern mit Schweizerkreuzfahnen. Zum Schluss tanzen sie marionettenhaft (versöhnt?), diesmal mit Aufklebern ohne Hakenkreuz. Es ist die einzige Klammer um die Aufführung. Ansonsten bleibt sie ohne Geschichte oder Entwicklung. Peter Handkes Stück bricht mit dem traditionellen Theater; besteht ausschliesslich aus Regieanweisungen zur Bespielung des immer gleichen Platzes.
Hier herrscht ein permanentes Kommen, Gehen, Stampfen, Laufen und Raufen unter permanenter musikalisch rhythmischer Beschallung. Mal prallen Menschen aufeinander, mal helfen sie sich, mal sind sie gewalttätig. Sie schmeissen Goldbarren und Banknoten, eine Frau steckt den Kopf in eine Tasche voll Geld. Sie putzen mit Flaggen als Lappen. Tierfiguren wollen nichts mit den Menschen zu tun haben; auch Menschen fürchten einander. Wanderer und Partygänger treten auf und ab - stramm und ausgelassen. Einer der Hauptdarsteller trägt einen Schafspelz aus Kunststoff. Eines seiner Requisiten ist ein Teppich mit Willkommensgruss. Darauf liegt er als Bettler, wird bestohlen und beschenkt. Dann wieder befiehlt er eine Arbeitergruppe am Fliessband. Hoch oben über dem Saal patrouillieren vor der Fensterfront Reisende, Demonstranten, Soldaten, verenden Hilfesuchende schliesslich an einer nicht zu überwindenden Wand. Eine Muslima wird weggestossen, eine Nonne aber begrüsst, ein Transvestit bekommt eine blutige Nase verpasst, Vögel und Hirsch pfeifen „Im Frühtau zu Berge (...) wir wandern ohne Sorgen fallera“.
Es geht um unsere Verhaltensweisen; um Gier, Gewalt, Saubermännertum, Fremdenhass und Angst, Machtmissbrauch, Ausbeutung und Ohnmacht. Aber auch um Mitmenschlichkeit und Liebe und - eben- um die Annäherung (der Konstanzer und Kreuzlinger).
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Es ist nicht nur beklemmend, was Schauspieler und Tänzer in starken Auftritten dem Publikum vorsetzen. Es versöhnt den Zuschauer mit zwei drei kurzen Längen, dass auch gelacht werden darf. Und nach 35 Minuten kommt - entgegen Peter Handkes Anweisung zur Sprachlosigkeit - der vermeintlich erlösende Satz: „Warum sagt hier eigentlich niemand was?“ Darüber nachzudenken wird in der Borderline-Theatersaison sehr viel Gelegenheit sein!
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Regie/Choreografie: Martin Siefermann; mit acht Hauptdarstellern und 14 Statisten.
Premierenbericht des "Südkurier"
Zum Bericht über eine Podiumsdiskussion zum Thema Grenze geht's hier.

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