Über Grenzen

Über Grenzen
Die vielleicht schönste Kunstaktion an der Grenze: Die Konstanzer Bert Binnig, Friedrich Haupt, Stephan Kühnle und Torben Nuding schufen aus Absperrband eine neue Stadt | © Michael Lünstroth

In den vergangenen Wochen ist an der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz ein kleines Wunder passiert: Menschen, die sich bislang mässig füreinander interessierten, entdeckten einander. Das sollten wir uns bewahren.

Ehrlich gesagt: Ich habe die Wehklagen über die Corona-Grenzschliessungen in Kreuzlingen und Konstanz anfangs als ziemlich aufgesetzt empfunden. Sie erschienen mir mehr reflexartig formuliert als wirklich ernst gemeint. Denn: Ich weiss ja, wie die Menschen an der Grenze hier normalerweise übereinander reden.

Allzu oft wurden in den vergangenen Jahren Schweizer Einkaufstouristen in Konstanz als Heuschrecken bezeichnet und Deutsche in der Schweiz als jobstehlende Invasoren betrachtet. Gegenseitige Empathie? War Mangelware. Viel schneller erntete man ein schnelles Augenverdrehen, wenn man auf die Nachbarn auf der anderen Seite der Grenze zu sprechen kam.

Der Plot schien unrealistisch wie in einem seichten Film

Dann war da plötzlich wieder diese Grenze, erst ein Grenzzaun, dann ein zweiter. Und jetzt sollte all dieses hässliche Gerede nichts mehr gelten? Das erschien unrealistisch wie eine schlecht ausgedachte Roman- oder Filmhandlung: Ausgerechnet ein Zaun sollte alte Vorurteile auslöschen und die Menschen zueinander bringen? Come on. So einfach konnte die Realität doch nicht funktionieren.

Ich bin in den Wochen danach immer mal wieder an Grenzübergängen vorbei gekommen. Mal zufällig, mal absichtlich. Das geschieht beiläufig, wenn man in Konstanz lebt. Die Erkenntnis: Immer wieder war ich überrascht - es schien tatsächlich so etwas wie ein kleines Wunder zu passieren.

Badminton, Picknick, Gespräche - die Grenze wurde zum Treffpunkt

Wann immer ich dort entlang lief, standen Menschen, meistens angemessen distanziert, beieinander, unterhielten sich, spielten Badminton über den Grenzzaun miteinander oder picknickten trotz Zaun zusammen. Die Menschen wollten die Trennung nicht akzeptieren und trotzten ihr auf ihre ganz eigene Weise. Und es waren längst nicht nur durch die Grenze getrennte Familien und Liebespaare, die sich hier trafen. Es wurde ein Gesamttrend: Menschen, die sich bislang mässig füreinander interessierten, entdeckten einander.

An den Zäunen fanden sich herzzerreissende Botschaften, Liebesbekundungen und sehr oft der Satz: „Wir gehören zusammen!“ Die vielleicht schönste Kunstaktion entstand dort, wo seit 13 Jahren eigentlich gar kein Grenzzaun mehr steht: An der Kunstgrenze von Johannes Dörflinger, direkt am Ufer des Bodensees. Die Konstanzer Bert Binnig, Friedrich Haupt, Stephan Kühnle und Torben Nuding schufen aus Absperrband eine neue Stadt: „Kreuztanz“ stand tagelang am Zaun und wenig machte diese gegenseitige Sehnsucht sichtbarer als dieser Name.

Jetzt folgt der Alltagstest der neu entdeckten Liebe

Nun gehen die Grenzen allmählich wieder auf. Jetzt geht es darum, dieses euphorische Moment des Zusammengehörigkeitsgefühl in den Alltag zu retten. Seien wir ehrlich: Erst dann wird sich erweisen, wie ernst das alles gemeint war. Es ist wie bei einer neu entdeckten Liebe: Da ist zu Beginn auch alles rosarot.

Die Probleme kommen dann irgendwann von ganz alleine. Klug wäre es deshalb, sich jetzt darauf vorzubereiten, dass der Zauber des Anfangs irgendwann auch wieder verfliegen wird. Dass es Meinungsverschiedenheiten und Streit geben wird, aber alle wissen: Am Ende raufen wir uns trotzdem zusammen.

Jetzt wäre der Moment, einen neuen Anlauf für einen gemeinsamen Kunstraum Kreuzlingen Konstanz zu wagen, wie ihn Richard Tisserand schon einmal visionierte. Jetzt geht es darum, Projekte wie das Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X, in dem Schweizer und Deutsche viel gemeinsam erschaffen, dauerhaft zu sichern. So könnten nachhaltige Symbole der Gemeinsamkeit entstehen, die jeden Grenzzaun überdauern.

Die schönste Lehre aus der Corona-Krise

Gemeinhin heisst es über Grenzen ja, sie schüfen ein Gemeinschaftsgefühl nach innen durch eine Abschottung nach aussen. Aber so war es in diesem Fall überhaupt nicht. Das übliche Verständnis von innen und aussen war vollkommen aufgelöst. Grenzen können eben auch zeigen, was einem fehlt. Grenzen schliessen nicht nur die Reihen nach innen, sondern sie eröffnen auch die Gedanken nach aussen. Was für eine schöne Idee.

 

 

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