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von Tabea Steiner, 24.08.2023

Unnützes Wissen oder: Die ewige Suche nach dem Nektar eines Textes

Unnützes Wissen oder: Die ewige Suche nach dem Nektar eines Textes
Wie die Biene den süssen Nektar aus den Blüten saugt, suchen Autor:innen den Nektar, die Essenz, um einen guten Text schreiben zu können |

Mein Leben als Künstler:in (11): Wie macht man aus einer Recherche einen literarischen Text? Die Autorin Tabea Steiner versucht es immer wieder aufs Neue. Die Antwort ist nie dieselbe. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Im ersten Text, den ich für diese Reihe geschrieben habe, habe ich erwähnt, dass mich der Gedanke umtreibt, dass Honig etwas mit Mathematik zu tun haben könnte, dass es vielleicht Zusammenhänge zwischen einer der ältesten Süssigkeiten und einer der ältesten wissenschaftlichen Disziplinen gibt. 

Die Schriftstellerin Gabrielle Alioth hat einmal gesagt, dass es bei jedem Text darum gehe, von Neuem herauszufinden, was der Trick dahinter ist, wie man ihn schreiben kann. Und dass ein jeder Stoff über seinen ganz eigenen Trick zu einem Text wird.  

An der Idee, in der ich Honig mit Mathematik verbinden wollte, habe ich ein halbes Jahr lang gearbeitet, immer wieder nach dem Trick gesucht, wie all das Material, das ich gesammelt habe, zu einem Text wird. 

Was man über Bienen alles herausfinden kann

Ich habe während der Recherche herausgefunden, dass Bienen einen ausserordentlichen Orientierungssinn haben und die Flugbahn der Sonne berechnen können. 

Den Standort einer guten Futterquelle, die ihnen am Morgen mitgeteilt wurde, finden sie deswegen auch am Nachmittag bei verändertem Sonnenstand. 

Das Sechseck, aus der die Bienenwabe besteht, ist eine ideale Form. Jeder Winkel beträgt 120 Grad. Es ist optimal in Bezug auf platzsparende Anordnung, Energieverbrauch und Solidität. 

Die Biene ist seit der Antike Gegenstand von Rätseln. Die Königin Saba etwa hat König Salomo ein Rätsel gestellt, wobei er echte von künstlichen Blumen unterscheiden musste. Salomo hat Bienen zu Hilfe geholt, die unverzüglich zu den echten Blumen geflogen sind. 

 

Die Bienen und ihre Waben. Bild: Canva

Die Wirtschaftsmacht der Bienen

Bienen haben eine innere mentale Landkarte. Man hat Versuche durchgeführt, wobei man einen Korb voller Bienen auf ein Floss mitten in einem See gebracht hat. Auf dem Floss gab es Blumen mit Nektar. Die anderen Bienen liessen sich von ihren Kolleginnen aber nicht aufs Floss locken, denn sie wussten, dass an diesem Standort ein See liegt. 

Die Wirtschaftsmacht der Bienen beläuft sich auf 153 Milliarden Euro. Würden die Bienen aussterben, wäre nicht nur das Nahrungsmittelgleichgewicht aus dem Lot. 

Kryptographie ist die Bezeichnung für Verschlüsselung, Steganographie ist der Begriff für die geheime Übermittlung einer Botschaft. Bei Übermittlungen mit Hilfe von Steganographie muss man also zuerst auf die Idee kommen, dass „da“ etwas sein könnte. 

Was die Ägypter von den Bienen lernten

Dringt beispielsweise eine Maus in einen Bienenstock, wird sie totgestochen, und damit der Kadaver keine Gefahr für die Bienen darstellt, wird er mit Propoliskittharz luftdicht verschlossen. 

Die alten Ägypter haben die Technik der Mumifizierung sehr wahrscheinlich bei Bienen abgeschaut, und auch das Material dafür steuerte die Biene bei: Die Einschnittstellen des Leichnams wurden mit Wachs bestrichen, und der Honig wurde als Desinfektionsmittel eingesetzt. 

Bienen verständigen sich mit Hilfe der Körpersprache darüber, wo Nahrungsquellen zu finden sind. Sie nutzen dazu eine Tanzkommunikation. 

Bienen finden sich überall in der Menschheitsgeschichte

Gemeinsam mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen hat Konrad Lorenz für die Entschlüsselung des sogenannten Schwänzeltanzes 1973 den Nobelpreis erhalten. Konrad Lorenz war Verhaltensforscher und Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. 

Der Geruchssinn von Bienen ist an den Tastsinn gekoppelt, die Fühler sind Träger des Geruchsorgans. Die Tiere können einen spezifischen Duft aus 750 Düften herausriechen.

Der Geschichtsschreiber Herodot erzählt vom Krieg zwischen Griechenland und Persien, in dessen Zuge der spartanische König Demaratos von den Griechen verstossen wurde. Demaratos lebte fortan in einer persischen Stadt, wo er mitbekam, dass die Perser aufrüsteten. Er warnte die Spartaner, indem er von einer Tafel das Wachs abschabte, auf das Holz schrieb, was der persische König vorhatte, und wieder Wachs darüber goss. So dachten jene, die seine Habe untersuchten, er hätte eine leere Tafel dabei.

Viel Wissen und am Ende doch kein Text?

Bienen sind blütentreu, das heisst, sie besuchen an einem Tag nur eine Blütensorte. Damit sichern sie den Fortbestand der besuchten Pflanzenart. Fossilien bezeugen die 100 Millionen Jahre alte Partnerschaft zwischen Blumen und Bienen.

All das (und noch ziemlich viel mehr) habe ich während der Recherche herausgefunden. Was ich aber nicht herausgefunden habe, war der Trick, wie ich daraus einen Text machen könnte, der mehr ist als eine blosse Aufzählung an interessanten Dingen. Ich fand das alles extrem spannend, aber meine Textentwürfe kamen mir besserwisserisch vor, ganz so, als wollte ich sagen, seht mal her, was ich alles weiss.

Was tun, wenn die Abgabefrist drängt?

Es stellte sich ein zweites Problem: ich hatte eine Deadline. Die edition Onepage hatte mich Anfang Jahr angefragt, etwas für sie zu schreiben, und nun stand ich vor einem Haufen Material, aus dem ich keinen Text fertigen konnte. Die Freundin, die ich um Hilfe bat, wusste auch nicht viel mehr zu sagen als: „Ich sehe das Problem.“

Am Ende habe ich einen ganz anderen Text geschrieben, einen über Schnee. Dieser Text wird in der nächsten Ausgabe der edition Onepage erscheinen. 

Ein besonderes Literaturmagazin

In dieser Kolumnenreihe geht es um das Leben als Künstlerin. In einem solchen Leben sind Dinge wie die edition Onepage sehr wichtig. Das Onepage ist ein Literaturmagazin, das auch ein Plakat ist, und viermal im Jahr erscheint. Jedes Plakat enthält einen Text einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers, es enthält ein Gedicht und es wird von einer Illustratorin oder einem Illustrator gestaltet. So kommen zum einen verschiedene Kunstschaffende zusammen, und zum anderen wird die Arbeit aller Beteiligten bezahlt. 

Und wer nun bis zum Ende des Werbeblockes gelesen hat, sei herzlich eingeladen, sich auch die Website von edition Onepage anzuschauen. 

Die Serie «Mein Leben als Künstler:in»

Im Juni 2023 lancieren wir die neue Kolumnenserie «Mein Leben als Künstler:in». Darin schreiben die vier Künstler:innen Ute Klein, Fabian Ziegler, Thi My Lien Nguyen über ihren Alltag und ihre Arbeit. Diese vier Künstlerinnen und Künstler schreiben bis Ende Oktober 2023 regelmässig und abwechselnd ihre Kolumnen für die neue Serie. Sie erscheint ab dem 15. Juni immer donnerstags. Die Vorgaben, die wir aus der Redaktion gemacht haben, waren minimal. In Thema, Stil, Darstellungsform, Tonalität und Medialität sind alle Autor:innen frei. Die Autor:innen können sich aufeinander beziehen, müssen es aber nicht.

 

Eine kritische Auseinandersetzung mit Dingen, die die Künstler:innen beschäftigen, wie den Bedingungen des Kulturbetriebs oder auch mit dem Kulturleben im Thurgau oder was auch immer, ist genauso möglich wie eine Schilderung des Alltags. Ziel der Serie ist es, ein möglichst realistisches Bild der verschiedenen Künstler:innen-Leben zu bekommen.

 

Idealerweise entsteht so ein Netz aus Bezügen - interdisziplinär und umspannend. Mit der Serie „Mein Leben als Künstler:in“ wollen wir den vielen Klischees, die es über Künstler:innen-Leben gibt, ein realistisches Bild entgegensetzen. Das soll unseren Leser:innen Einblicke geben in den Alltag der Kulturschaffenden und gleichzeitig Verständnis dafür schaffen, wie viel Arbeit in einem künstlerischen Prozess steckt.

 

Denn nur wer weiss, wie viel Mühe, Handwerk und Liebe in Kunstwerken steckt, kann die Arbeit von Künstler:innen wirklich wertschätzen. So wollen wir auch den Wert künstlerischer Arbeit für die Gesellschaft transparenter machen. Neben diesem aufklärerischen Ansatz ist die Serie aber auch ein Kulturvermittlungs-Projekt, weil sie beispielhaft zeigt, unter welchen Bedingungen Kunst und Kultur heute entstehen.

 

Was wir uns als thurgaukultur.ch auch erhoffen mit der Serie ist, dass ein neuer Dialog der Kulturschaffenden untereinander entsteht, aber nicht nur. Es soll auch ein Austausch mit dem Publikum, also unseren Leser:innen stattfinden. Das geht über unsere Social-Media-Kanäle, in denen wir direkt miteinander diskutieren können oder in der Kommentarspalte zu den einzelnen Beiträgen auf unserer Website. Wenn du konkrete Fragen an die teilnehmenden Künstler:innen hast, wenn dich ein Themenfeld besonders interessiert, dann kannst du mir auch direkt schreiben, ich leite dein Anliegen dann gerne weiter: michael.luenstroth@thurgaukultur.ch 

 

Alle erschienenen Beiträge der Serie bündeln wir im zugehörigen Themendossier.

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