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von Piera Cadruvi, 04.12.2023

Vernetzen, entwickeln, sichtbar werden

Vernetzen, entwickeln, sichtbar werden
Überraschend viele Künstler:innenaufenthalte im Bodenseeraum: Ein Mapping soll Residencies im Bodenseeraum sichtbar machen. | © Piera Cadruvi

Na, wo seid ihr denn? Ein Projekt soll Residencies im Bodenseeraum sichtbarer machen und miteinander vernetzen. Erst kürzlich hat dazu ein Workshop stattgefunden, der viele Wünsche, Ideen und Fragen auf den Tisch gebracht hat. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

«Und? Was fällt euch auf?», fragt Diana Betzler in den Raum.«Hm, es gibt schon nicht so viele Residencies bei uns im Bodenseeraum, rund um Weinfelden zum Beispiel», antwortet jemand aus der Gruppe. «Also ich bin sehr positiv überrascht, wie viele Residencies wir in unserer Region haben – das sind mehr als gedacht. Am nördlichen Bodenseeufer ist aber noch ein luftleerer Raum mit viel Potenzial», sagt Betzler. Mehr als gedacht, das heisst genauer: rund 40 Residencies – also Künstler:innenaufenthalte – gibt es im Bodenseeraum (dazu zählen in diesem Fall der Kanton Thurgau, Kanton St.Gallen, Appenzell Inner- und Ausserrhoden, Winterthur, Vorarlberg, Baden-Württemberg, Bayern und Liechtenstein). Das sind viel für diese Region. Darüber sind auch die Teilnehmenden positiv überrascht.

Das sind die rund 40 Residencies im Bodenseeraum: Die Workshopleiter:innen und die Teilnehmenden sind positiv überrascht. Foto: Piera Cadruvi

Ein Projekt soll Residencies vernetzen

Wir befinden uns im Apollo Kreuzlingen. Im alten Kino findet an diesem Tag ein Workshop zum Thema Residencies im Bodenseeraum statt. Genauer: 15 Vertreter:innen von Residenzen, Kunsträumen und Verbänden aus dem Bodenseeraum kommen zusammen und entwickeln Lösungen, wie sie sichtbarer werden können. 

Initiiert und entwickelt wurde dieses Projekt namens «There is but local Arts» und der dazugehörige Workshop von Alex Meszmer, freischaffender Künstler und Geschäftsführer von Suisseculture, und der Diana Betzler, Expertin für Kultur- und Kreativwirtschaft. «Alex bringt viel Know-how mit, wenn es um Residencies geht. Und ich setze mich schon lange für den gegenseitigen Austausch und das gemeinsame Entwickeln von Projekten im Kultur- und Bildungsbereich in der grenzüberschreitenden Bodenseeregion ein», sagt Betzler. Ihnen war es wichtig, die unterschiedlichen Akteur:innen an einen Tisch zu bringen, damit sie sich vernetzen und weiterentwickeln können. «Da haben wir noch viel Potenzial», ergänzt die Kulturforscherin.

Dabei gehts weniger um die Konzepte der einzelnen Residencies, sondern mehr um die Kultur- und Kreativ-Region Bodensee. «Wir wollen den Bodenseeraum als Kreativraum stärken – und damit meinen wir nicht nur Kulturtourismus, sondern auch Kulturproduktion», erklärt Diana Betzler. «Aktuell gibt es viele spannende Angebote, aber sie sind zu wenig sichtbar», ergänzt sie. Fragen, die dazu aktuell im Raum stehen, sind: Was ist attraktiv für Künstler:innen? Inwiefern sollen sie mit Unternehmen arbeiten? Was sind Residencies am Bodensee denn überhaupt – sind sie eher ein Rückzugs- oder Produktionsort?

Haben das Projekt «There is but local Arts» initiiert: Alex Meszmer und Diana Betzler. Foto: Piera Cadruvi

Wie sichtbar sind Residencies für Kulturschaffende?

An diesem Tag werden viele Fragen aufgeworfen. Vor allem aber wird viel über die Sichtbarkeit der Residencies gesprochen – es gibt 40 in unserer Region, das ist aber nicht einmal den anwesenden Vertreter:innen bewusst. Wie sieht’s denn mit den Thurgauer Kulturschaffenden aus? Wie sichtbar sind die Residencies für sie?

«40? Ich kenne einige, aber auf diese Zahl wäre ich nicht gekommen», sagt die Thurgauer Künstlerin Anna von Siebenthal. Sie war von August 2021 bis Januar 2022 in Belgrad. Wir haben sie unabhängig vom Workshop gefragt, wie sie die Sichtbarkeit von Residencies in der Region wahrnimmt. Besonders als eine Person, die das Angebot auch schon genutzt hat. «Zur Residency in Belgrad bin ich nach meinem Studium über eine Recherche gekommen. Mich hat diese Region interessiert – da habe ich es einfach mal versucht. Und ich dachte damals, es ist bestimmt gut, wenn die Jury meinen Namen kennt – ob’s klappt oder nicht. Da können sich immer neue Türen öffnen.»

Für sie war die Residency in Belgrad eine grosse Chance: Künstlerin Anna von Siebenthal, zu Gast mit ihrer Ausstellung «Hanging by a thread» im Shed in Frauenfeld. Foto: Inka Grabowsky.

 

Für Anna von Siebenthal hat sich eine grosse Türe geöffnet – denn: Belgrad war für sie eine grosse Chance. «Ich habe dort die Kuratorin Zeren Oruc kennengelernt, und daraus ist dann die Ausstellung «Hanging by a thread» im Shed in Frauenfeld entstanden», erzählt die Künstlerin. Ausserdem hat sich für Anna von Siebenthal noch eine Residency in Spanien ergeben. «Die Arbeiten aus dieser Residency in Spanien stelle ich im Februar 2024 in der Baliere in Frauenfeld aus. Als Gast eingeladen habe ich Ehsan Ghoreishi, einen Kunstschaffenden, den ich in Spanien kennengelernt habe. Er wird an der Ausstellung die Sound-Performance machen.» Solche Kooperationen sind ihr sehr wichtig, um anderen mit ihren Privilegien Türen zu öffnen. «Das ist etwas, was mich seit Belgrad beschäftigt: Dank der starken Kulturförderung ist es für uns Schweizer:innen grundsätzlich einfacher, mit Kunst etwas zu erreichen. Darum habe ich nach meinem Aufenthalt in Belgrad eine Liste mit finanzierten Residencies in der Schweiz erstellt und Kunstschaffenden aus Serbien geschickt.» 

Aber Residencies sind nicht nur für Kulturschaffende eine Chance, sondern auch für die Region. «Kultur hat besonders in ländlichen Regionen wie dem Thurgau das Potenzial, Menschen zusammenzubringen, die sonst nicht zusammenkommen – das ist extrem spannend», sagt die Künstlerin. Noch spannender wird es, wenn diese Räume in Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden aus Residencies passieren. Das bringt neue Sichtweisen und damit auch neue Diskurse mit sich, die eine Region vorwärtsbringen können. Und eben – hier schliesst sich der Kreis wieder: Dieser Austausch kann den Bodenseeraum als Kreativraum stärken. Natürlich hängen all diese Themen nicht nur mit Residencies zusammen, aber sie sind ein Mittel, das dazu beitragen kann. Wenn wir über Austausch und die Stärkung des Bodenseeraums als Kreativraum sprechen, müssen wir aber auch über Räume sprechen. Und darüber, dass es schwierig für Künstler:innen ist, erschwingliche Atelier-Räume zu finden.

Residencies im Thurgau

Die Liste der aktuell rund 40 Residencies ist noch in Entstehung, wir listen dir hier aber schon mal jene aus dem Thurgau auf:

Bodmanhaus Thurgau, Haus zur Glocke, Kulturstiftung Thurgau, Sommeratelier Weinfelden, Stiftung Kartause Ittingen

 

Deutschland macht’s vor

Damit so ein Austausch passieren kann, müssen Orte, die Residencies anbieten, aber erst einmal für international tätige Kunstschaffende sichtbar werden. In diesem Punkt ist die Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) schon einen Schritt weiter. Am Workshop in Kreuzlingen stellt sich die IGBK vor. Auf ihrer Website hat sie ein Residencies Mapping, eine interaktive Karte, aufgeschaltet. Dort bekommen Kulturschaffende eine Übersicht auf Englisch über die Residencies im Bereich der Bildenden Kunst in Deutschland und nähere Informationen zu den einzelnen Orten. Bei der Suche können Nutzer:innen die Orte dann nach unterschiedlichen Kriterien wie Sprache oder Ort filtern. «Es geht beim Mapping aber nicht nur um die Sichtbarkeit, sondern auch darum, die Zugänglichkeit zu erhöhen», erklärt Thomas Weis, Geschäftsführer der IGBK an diesem Workshop via Zoom-Call. Diversität war bei der Erstellung des Mappings ein wichtiger Punkt, ergänzt sein Mitarbeiter Vincent Brucker: «Barrierefreiheit, das Mitnehmen der Kinder und Sprachen. An dieser Diversität und Zugänglichkeit wollen wir in Zukunft weiterarbeiten.» Das Residencies-Mapping funktioniert aber so, dass auch die Orte selbst ein Profil erstellen und ihre Daten eintragen können. Die Frage ist jetzt natürlich nur: Wie kommt diese Karte zu den Kunstschaffenden? «Hier sind unsere Mitglieds- wie auch Partnerverbände und deren Kommunikationsmittel natürlich sehr hilfreich – ein Netzwerk ist wichtig, wenn’s um die Sichtbarkeit geht», sagt Thomas Weis.

Eine Übersicht der Residencies in ganz Deutschland: Die interaktive Karte hilft Kulturschaffenden bei der Suche nach einem Künstler:innen-Aufenthalt. Bild: Screenshot www.igbk.de

Noch nicht so greifbar

Netzwerk, Zugänglichkeit, Kulturförderung, Stärkung des Kreativraums Bodensee: Mit dem Thema Sichtbarkeit hängen viele Aspekte zusammen. An diesem Workshop in Kreuzlingen hängen sie alle mit im Raum. Sie sind da, aber noch nicht so greifbar. Sie legen alle auf dem Tisch – die Wünsche, die Ideen und die Potenziale. Und die Fragen. Wie das denn jetzt genau funktioniert mit dieser Sichtbarkeit, ist nicht so einfach zu klären. Darum gilt es jetzt erst einmal, all dies auf den Boden zu bringen. Weiterzumachen. Und umzusetzen. Dieser Umsetzung wollen Diana Betzler und Alex Meszmer in einem zweiten Workshop näherkommen. Dieses Mal sind auch Kunstschaffende eingeladen.

Nächster Workshop

Wenn’s um die Weiterentwicklung von Residencies und deren Sichtbarkeit geht, sollen Kunstschaffende natürlich auch mitreden. Dazu laden Diana Betzler und Alex Meszmer am 19. Januar 2024 ein. Thema des Workshops: «Was braucht´s? Netzwerke, Kompetenzen, Möglichkeiten, oder Ruhe?». Anmelden könnt ihr euch hier.

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