von Inka Grabowsky, 09.11.2021

Viel Liebe fürs Papier

Viel Liebe fürs Papier
Wunderschöner Werkstoff Papier | © Inka Grabowsky

Alle reden immer von Digitalisierung. Und was wird aus dem guten, alten Papier? Eine Ausstellung in Gottlieben zeigte, was alles möglich ist mit dem Stoff. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

„Wir suchen Menschen, die mit Papier etwas Besonderes machen“, so Roswitha Schweichel, eine der Mitbegründerinnen der Ausstellung „Papier & was“, die seit 2003 alle zwei Jahre in Gottlieben gezeigt wird. „Was dabei präsentiert wird, das ist auch für uns manchmal überraschend.“

Bei jeder der vergangenen zehn Ausgaben habe sich das Team irgendwann gefragt, ob es sich die Mühe wirklich antuen wolle. „Und es war hinterher jedes Mal toll.“ Ihre junge Mitstreiterin im Organisationskomitee, Christa Schürch, sagt: „Über Monate haben wir Künstler- und Handwerkerinnen ausgewählt und eingeladen, Sponsoren gesucht oder Flyer und Plakate gestaltet, und jetzt erst am Schluss sieht man, wie gut sich alles ergänzt“. 

Von links: Brigitte Conrad, Roswitha Schweichel, Sandra Merten und Christa Schürch organisierten die „Papier & was“ vom 5 - bis 7. November. Bild: Inka Grabowsky

International und gleichzeitig regional

Zu den unerwarteten Schwierigkeiten, die Roswitha Schweichel in ihrer Eröffnungsrede im Bodmanhaus erwähnt, gehörte die kurzfristige Absage einer Kalligraphin, die wegen der steigenden Coronazahlen davon ausgegangen war, dass die Veranstaltung abgesagt würde.

„Erfreulicherweise konnte mit Imad Al-Khaldi ein wundervoller Ersatz gefunden werden, und sogar noch jemand, der in Konstanz in unmittelbarer Umgebung zuhause ist.“  Für Al-Khaldi, einen syrischen Journalisten, der in Deutschland nicht nur Kalligraphie-Kurse gibt, sondern ausserdem als Parfum-Designer tätig ist, war die Einladung seinerseits ein Glücksfall. „Es ist schön, meine Arbeit zum ersten Mal auch in der Schweiz zu zeigen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen“, sagt er.

Imad Al-Khaldi ist unter anderem Experte für arabische Kalligrafie. Bild: Inka Grabowsky

 

Frauen aus aller Herren Länder haben die speziellen Papierarbeiten geschaffen, die vom Nähatelier der Arbeitsgemeinschaft AGATHU gezeigt wurden. Ende des Sommers begannen sie nach den Plänen von Pia Bühler Gürtel aus bedrucktem Papiergarn herzustellen.

Die Exemplare, die während der Ausstellung keinen Absatz fanden, sind nun Montag- und Freitagnachmittag im Nähatelier an der Freiestrasse in Kreuzlingen für je 30 Franken zu kaufen.

Nur schön oder sogar Kunst

Die Macherinnen von „Papier & was“ hatten sich vorgenommen, Papier in allen Facetten zu zeigen. Vom Kunsthandwerk wie den Faltschacheln von Anne Weber oder den geschöpften Bütten-Grusskarten von Johannes Follmer reichen die Arbeiten bis zu Verena Sieber-Fuchs‘ Installationen, die sich sonst in grossen Museen finden. Sie sei fasziniert vom Werkstoff Papier, sagt die Appenzellerin, die längt in Zürich arbeitet und auf der halben Welt ausgestellt hat.

Briefmarken, Metzgerpapier, Schnittmuster, Strassenkarten, Jasskarten, Kataloge und Promi-Magazine: Alles bekommt bei ihr ein zweites Leben. An einige Ausstellungsstücke ist sie zufällig geraten. Sie habe in ihrem Haus Briefumschläge gefunden, die mutmasslich die Vorbesitzerin wegen der Briefmarken gesammelt hatte. „Sie sind alle während des zweiten Weltkriegs ans Rote Kreuz adressiert und dürften Hilferufe enthalten haben“, erzählt sie. „Mich freuen die unterschiedlichen Handschriften, und mich berühren die Schicksale der Schreiber.“

Pilze aus unterschiedlichsten Papiersorten von Verena Sieber-Fuchs. Bild: Inka Grabowsky
Ein Tuch, gehäkelt aus Briefmarken: auf diese Idee kam Verena Sieber-Fuchs. Bild: Inka Grabowsky

Kontakte und Verkäufe

Was die Ausstellungsmacherinnen nicht wollten, war im Bodmanhaus eine Weihnachtsmarkt-Alternative zu schaffen. Die Künstlerinnen und Kunsthandwerker durften verkaufen, mussten aber nicht. „Es ist bereichernd, sich miteinander auszutauschen und so auf neue Ideen zu kommen“, meint Rita Imfeld, die Buntpapiere in Spachteltechnik herstellt und daraus Schachteln oder Grusskarten macht.

Gleichzeitig freut sich natürlich jeder und jede über Anerkennung durch das Publikum. „Ich durfte schon zwei ‚Verkauft‘-Punkte ankleben“, freut sich Gaby Studer, deren filigrane Scherenschnitte für Erstaunen sorgten. „Die Arbeit daran macht mir so viel Spass, dass es mich nie langweilt, auch wenn es zwei Monate dauert, bis ein Bild fertig ist.“

Das Handwerkliche schaffe Unikate, die sie in eine über zweihundertjährige Tradition stellten, für die sie eine eigene Formensprache gefunden hätte.

Gaby Studer hat den traditionallen Scherenschnitt auf eine neue Ebene gehoben. Bild: Inka Grabowsky

Kontemplative Kunst für einmal umlagert

Die zehnte „Papier und was“ ist nach dem Wochenende vergangen, doch eine Kunsthandwerkerin bleibt den Besuchern des Bodmanhauses erhalten. Sandra Merten bietet ihre Dienste als Buchbinderin hier permanent an. „Ich finde es schön zu sehen, was andere aus Papier machen“, meint sie.

„Jeder von uns mag Papier, aber jeder aus unterschiedlichen Gründen.“ Gleichzeitig räumt sie ein, dass sie sich auf die Stille freut, die im Haus einkehrt, sobald die Ausstellung vorbei ist. Der Trubel der Vernissage am Freitagabend begeistert andere: „Perfekter geht’s nicht“, sagt eine Besucherin aus Konstanz, die zum ersten Mal im Literaturhaus ist.

Verena Sieber-Fuchs präsentiert historische Briefumschläge unter dem Titel „Die verlorene Handschrift". Bild: Inka Grabowsky

Video: Literaturhaus und Buchbinderei im Porträt

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