von Michael Lünstroth, 11.06.2019

Warum wir streiken müssen

Warum wir streiken müssen
Starke Frauen braucht das Land. Auch das soll die Kampagne zum Frauenstreik 2019 deutlich machen. | © Frauenstreik 2019

Am Freitag sind die Frauen im ganzen Land zum Streik aufgerufen. Deshalb erzählen in einer Spezialausgabe unserer Kolumne „Die Dinge der Woche“ heute sieben Frauen aus dem Thurgauer Kulturleben, warum sie diesen Frauenstreik richtig finden.

Sarah Hugentobler, bildende Künstlerin

«Mein Engagement steckte ich in die Produktion meines Frauenstreikvideos (siehe unten), das ich in Absprache mit dem Frauenstreikkomitee Zürich produziert habe. Es war mir wichtig, einen Beitrag zu leisten, der die Themen mit einer Prise Leichtigkeit und Humor würzt, die Perspektive der Männer miteinbezieht, und die Protagonistinnen und den Protagonisten in einer direkten und persönlichen Weise zu Wort kommen lässt. 

Ein erneuter Frauenstreik ist auf jeden Fall sinnvoll und notwendig. Viele Themen wie etwa Care Arbeit, Familienmodelle, Lohngleichheit, Sexismus, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Rollenbilder sind hochaktuell und sind es wert, diskutiert zu werden. Ich werde am 14. Juni auf die Strasse gehen!»

Frauenstreik 14. Juni 2019 from Sarah Hugentobler on Vimeo.

Simone Keller, Musikerin

„Ja, als Musikerin ist es natürlich wichtig, den Frauenstreik zu unterstützen. Wie Sophie Hunger dazu aufrief "we fight, we love, we rise, we shine - it's time", da die Forderungen des Frauenstreiks uneingeschränkt auf das Musikleben in der Schweiz zutreffen. Wir brauchen dringend mehr Gleichberechtigung und mehr Diversität. Da ich selber nirgendwo eine Anstellung habe, ist mein Handlungsspielraum in Bezug auf einen Streik etwas begrenzt, aber ich habe mein eigenes Unternehmen ox&öl bei dieser Gelegenheit noch einmal kritisch angeschaut und musste feststellen, dass wir zwar die Lohngleichheit einhalten und uns für Diversität engagieren, aber seit unserer Gründung vor fünf Jahren insgesamt 30 Männer beschäftigt haben, aber nur 17 Frauen. 

Ich nehme mich also anlässlich des Frauenstreiks an der eigenen Nase und werde künftig noch ein bisschen genauer hinschauen, wann und warum ich einen Mann für ein bestimmtes Projekt anfrage. Am Vorabend des Frauenstreiks spiele ich hingegen ein Konzert mit zwei Frauen in den Führungspositionen: einer Solistin und einer Dirigentin in einem Orchester mit 26 Männern und 24 Frauen. Wir spielen Musik, die ausschliesslich von Männern komponiert wurde.“

Gioia Dal Molin, Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau

„Der 14. Juni steht seit langem in meiner Agenda und ich habe Terminanfragen für diesen Tag abgesagt. Ich werde in Zürich oder in Bern demonstrieren, denn ja – der Frauenstreik ist auch 2019 noch extrem wichtig. Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer, noch immer werden sie strukturell diskriminiert, auch in der Schweiz und auch im Kunstfeld. Der 14. Juni ist ein Anlass, um darauf hinzuweisen, aufmerksam zu machen. Die Diskussion, aber vor allem auch der gegenseitige Support unter Frauen gibt mir Energie und nährt meine feministische Haltung um mich für diese Dinge einzusetzen – am 14. Juni, aber auch an allen anderen Tagen im Jahr.“ 

Stefanie Hoch, Kuratorin am Kunstmuseum Thurgau

„Wir als Institution versuchen in unserem Ausstellungsprogramm starken Persönlichkeiten wie zum Beispiel derzeit Helen Dahm, Muda Mathis oder Germaine Winterberg zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Der Kanton Thurgau als Arbeitgeberin achtet dezidiert auf Gleichstellung, aber am 14. Juni geht es nicht nur um Lohngleichheit, sondern um gesellschaftliche Verantwortung und Solidarität mit allen Frauen in der Schweiz und weltweit - deshalb werde ich am 14. Juni um 12 Uhr zur Übergabe der Botschaften am Regierungsgebäude in Frauenfeld gehen. Es wurden in den letzten Jahren grosse Schritte in Richtung Gleichberechtigung getan, aber es gibt bis heute viele Aspekte, wie Erziehungs-und Pflegetätigkeiten, von denen Männer weiterhin ausgeklammert werden, während Frauen sie weitestgehend alleine tragen.“

Nina Schläfli, Historikerin und SP-Ständeratskandidatin

„Ja, ich beteilige mich aktiv am Frauenstreik und bin an der Organisation von zwei kleinen Veranstaltungen beteiligt. Vor allem deshalb, weil es in der Gleichstellung von Mann und Frau kaum oder nur schleppend vorangeht. Ich streike am 14. Juni für die Lohngleichheit, für bessere und günstigere Kinderbetreuung, gegen Diskriminierung und Sexismus, gegen (sexuelle) Gewalt an Frauen. Ich finde den Frauenstreik wichtig, weil wir uns und unseren Forderungen so Gehör verschaffen können.“

Aline von Raszewski, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Museum Thurgau 

«Ich will keine Schattenexistenz sein.», schrieb die Schweizer Frauenrechtlerin Iris von Roten 1943 an ihren Freund und beklagte damit die weitgehende Gesichtslosigkeit der Frau in der Öffentlichkeit. Von Rotens Statement hat auch noch heute höchste Relevanz, vor allem im Zusammenhang mit dem Frauenstreik. Ich unterstütze den Frauenstreik, weil er Frauen eine Stimme gibt und sie sichtbar macht. Bereits im Kampf um das Frauenstimmrecht, das 1971 schweizweit eingeführt worden ist, hat sich gezeigt, welch grossen Einfluss Kundgebungen auf der Strasse und der Umstand, dass sich Frauen dem öffentlichen Raum bemächtigen, haben können.

Carmen Aliesch, Museumsführerin am Historischen Museum Thurgau und Lehrerin in Schaffhausen

«Ich werde in Schaffhausen am Streik teilnehmen. Eine Teilnahme in Zürich ist für mich wegen meines Schaffhauser Arbeitgebers nicht möglich. Für mich geht es um eine Solidaritätsbekundung zum Grundgedanken der Gleichstellung, der die unterschiedlichsten Anliegen beinhalten kann. Historisch betrachtet, ist der Weg der Gleichberechtigung in der Schweiz steinig und der Gesetzgeber tut sich traditionellerweise schwer, entsprechende Anliegen aufzunehmen. In diesem Zusammenhang erscheint mir das Aufzeigen der Forderungen der Bevölkerung wichtig.»

Die Haltung des Kantons Thurgau zum Frauenstreik

Für Angestellte des Kantons gilt, dass sie am Streik teilnehmen dürfen. Im offiziellen Wording des Kantons klingt das so: «Der vom VPOD ausgerufene Streik ist kein typischer Streik, da er sich nicht ausdrücklich gegen den Kanton Thurgau oder die Schulgemeinden als Arbeitgeber richtet, sondern die Solidarität mit Frauenthemen bezweckt. Der Regierungsrat hat entschieden, im Fall des Frauenstreiks vom 14. Juni das Streiken der Staatsangestellten zu dulden (keine Verletzung der vertraglichen Arbeitspflicht; cf. auch Art. 28 BV), sofern unverzichtbare und lebenswichtige Funktionen nicht beeinträchtigt werden (Notfalldienste etc.) und falls für die streikbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz nicht bezahlte Arbeitszeit beansprucht wird.»

Weiterlesen: Infos zu den Aktionen zum Frauenstreik im Thurgau gibt es hier. Die allgemeine Seite zum Thema im Internet: https://www.14juni.ch 

 

 

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