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von Barbara Camenzind, 21.09.2020

Schubert mit Mundschutz

Schubert mit Mundschutz
Parforceritt in Schutzmaske: Das Jugendorchester Thurgau in der Stretta von Schuberts italienischer Ouvertüre. | © Barbara Camenzind

Die Konzertreihe des Jugendorchesters Thurgau JOTG findet in diesen Wochen unter strengen Corona-Richtlinien statt. Wie schön, dass die katholische Kirche Weinfelden am Samstag trotzdem gut besucht war.

„Nicht kleckern, sondern klotzen“. Dieser leicht ironische Hintergrundsatz stand in den letzen Jahren oft leitmotivisch für die Programmwahl des Jugendorchesters. Grosse Werke, sehr grosse, hochromantischer Art. Dirigent Gabriel Estarellas Pascual musste immer viele Musiker beschäftigen. Können die auch klein? Sie können. Wobei klein nicht belanglos meint. Schuberts Ouvertüre in italienischen Stil C-Dur, Camille Saint-Saëns‘ Cellokonzert Nr. 1 in a-moll und Ludwig van Beethovens erste Symphonie in C-Dur erfordern Differenzierung in der Klanggebung - dann stellt sich auch der grosse Bogen ein.

Die Stringenz, mit der sich die hohen Streicherinnen und Streicher Schuberts sportlichem Stück stellten, war bewundernswert. Jeder, der mal Geige gespielt hat weiss, wie wichtig auch bei diesem Instrument der Atem ist. Und wie technisch herausfordernd ein Werk wie dieses sein kann. Schubert orientierte sich an Ouvertürenpapst Rossini. Viele, viele schnelle Töne und dann noch die fulminante Stretta zum Schluss. Da geht echt was ab in den Geigen.

Dirigent Estarellas als Klanggestalter

Die jungen Talente an den Bögen spielten mit Schutzmaske. Das ganze Konzert. Das. Ist. Mega. Anstrengend. Man merkte es ihnen nicht an. Chapeau! Wohl anzumerken war aber, dass das ganze Orchester gut aufeinander hörte, sich keinen Wackler in den Übergängen erlaubte und Estarellas weniger als Koordinator, denn als Klanggestalter agieren konnte.

Selbst ein bisschen Wiener Charme in dem ganzen „Italiänischen“ stellte sich ein. Sehr hübsch. So eine Art Privatheit in der Tongebung. Der Hilfslehrer aus dem Alsergrund im 9. Bezirk hätte bestimmt seine Freude gehabt, an der jungen, feinsinnigen Interpretation seiner Komposition.

Das bezaubernde Cello eines 15-Jährigen

Was ist fast gleich schön, wie die menschliche Singstimme? Der Klang des Violoncellos. Der 15-jährige Louis Hirst scheint der neue junge Thurgauer Geheimtipp an diesem Instrument zu sein. Da produziert sich kein dressiertes Wunderkind, da spielt ein junger Mann mit grossem Talent, der unendlich fleissig zu sein scheint. So ein sensibles Bewusstsein für die Klanggebung bei Saint- Saëns französischer Musik - und so ein feines Ohr für Intonation. Das geht nicht nur mit Talent. Dafür muss man wirklich viel üben.

Und was noch nicht so ganz optimal funktionierte, wird bald funktionieren. Bei Louis Hirst ist alles da, das kann wachsen. Das JOTG erfreute das Ohr mit einer sehr französisch wirkenden Nonchalance. Saint-Saëns Töne sind Klanglandschaften, zarte, aber auch gross gedachte. Ein Interpret tut gut daran, sich selber darin etwas zurückzunehmen, Teil der Landschaft zu werden. So wie einem das in den Weiten des Thurgaus ja auch passieren kann. Gut gefühlt und schön musiziert.

Louis Hirst begeisterte mit seiner Interpretation des Cellokonzerts von Camille Saint-Saëns. Bild: Barbara Camenzind

Fingerzeig in die heutige Zeit

Beethoven ist der historische Komponist der Stunde. Ehrlich. Die hemdsärmlige Parallele: Seine Welt war eine einzige Krise. Erst schlägert sich ein marodierender kleiner Korse mit Allmachtsphantasien durch Europa - und dann folgte die Restauration durch den Wiener Kongress. Wenn wer wirklich nichts zu sagen hatte, so waren das die Bürgerinnen und Bürger Anfang des 19. Jahrhunderts.

Anstelle sich in Verschwörungstheorien zu ergehen, komponierte Ludwig van B. wunderbare Musik. Selbst in seiner noch sehr klassisch gehaltenen ersten Symphonie ist sein ungestümer, unkorrumpierbarer Geist zu spüren. Er vertrat die Lebenslust des jungen Europas. Und das Jugendorchester Thurgau hat ihn am vergangenen Sonntag auch so gespielt. Frisch, frech, galant und mit genau der richtigen Portion Pathos, die Beethoven eben braucht.

Stark: Das Jugendorchester hat Beethoven verstanden

Grösse allein macht noch keine Musik. Aber das Versprechen, Trost und Hoffnung zu spenden. Und den Mut zu haben, aus Widrigkeiten das Beste zu machen. Das ist Beethovens Botschaft, die das Jugendorchester Thurgau verstanden hat und umsetzen konnte. Was für eine gelungene Rückkehr aus der Kunstpause.

 

 

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