von Barbara Camenzind, 09.02.2026
Was Musik mit unserem Gehirn wirklich macht

Musik macht nicht automatisch schlau. Aber ein Abend in Weinfelden mit Hirnforscher Manfred Spitzer und jungen Musikerinnen zeigt, warum Musizieren Denken, Beziehung und Glück nachhaltig verändert. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Wie wirkt Musik auf Gehirn, Herz und Gemeinschaft? Diese Frage schwebte über dem vergangenen Wochenende in Weinfelden. Die Musikschule führte zum zweiten Mal ihre Talentschmiede, die Werkstatt Kammermusik, mit dem Geiger Christoph Streuli (Berliner Philharmoniker) durch.
Verbunden war das Ganze mit einem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer über «Das musikalische Gehirn – wie Musik auf uns wirkt». Konzert und Erkenntnis, Praxis und Theorie sollten sich gegenseitig befragen.
Das musikalische Gehirn
Am Anfang stand die Musik, dann antwortete die Wissenschaft. Manfred Spitzer, der Referent des Abends, liess, nach überstandener Autopanne, nicht lange auf sich warten – zumindest gedanklich. Musik ist ihm bei aller Wissenschaftlichkeit auch eine Herzensangelegenheit. Er bekannte mit einem Schmunzeln, es sei «fast brutal», nach so schönen Klängen so nüchtern über Musik und das Gehirn sprechen zu müssen.
Nach einem kurzen Exkurs über die organischen Prozesse beim Hören und die erstaunlich trainierbare Fähigkeit des Menschen im Bereich des Richtungshörens weitete Spitzer den Blick. Jede menschliche Kultur habe Musik entwickelt, erklärte er. Ihre Entstehung sei untrennbar mit der kulturellen Entwicklung des Menschen verbunden. Seit frühester Zeit habe Musik den Menschen unterstützt. Musik und Rhythmus habe es vor der Sprache gegeben – diese sei durch sie mitentwickelt worden.
Musik als soziale Klammer
In der Tat: Musik ist nützlich. Bei der Arbeit auf dem Feld, aber auch als zutiefst menschliche, soziale Klammer. Weitergedacht half Musik neben der Sprachentwicklung womöglich auch der Spiritualität auf die Sprünge sowie dem Erkennen und Entwickeln von Mustern und Codes.
Mit blitzenden Augen gestand Spitzer, es sei für ihn als Psychiater ungemein faszinierend, dass kein Medikament im Bereich der seelischen Balance schaffe, was Musik schaffe: Glücksgefühle zu steigern und gleichzeitig Angst zu drosseln. Die MRT-Bilder zeigten, was dabei im Kopf passiert. Das war – unausgesprochen – ein Plädoyer für die Musiktherapie, wie sie heute auch in Schweizer Psychiatrien mit Erfolg praktiziert wird. Musik senkt Stress. Wahrscheinlich auch in einer stressigen Konzertsituation – sonst würde sich ja niemand freiwillig aufs Podium stellen.
Klingende Praxis
Dass Theorie ohne Praxis blutleer bleibt, zeigte sich an diesem Abend ganz von selbst. Ein Missgeschick mit klingenden Folgen hatte dafür gesorgt: Der Referent war mit einer Autopanne liegen geblieben und musste mit der Feuerwehr – in der Person des Hauswarts Benjamin Fretz (Feuerwehr-Vizekommandant) – aus Konstanz abgeholt werden. So bekam der volle Rathaussaal zunächst mehr Musik aus der Kammermusikwerkstatt.
Hatten sich vor Spitzers Vortrag draussen die letzten Guggentröten schön schräg ins akustische Nirvana gewummert, da eroberten drinnen bereits in wenigen Bogenstrichen Joseph Haydn das Terrain. Christoph Streuli, ganz Auge und Ohr für die vier jungen Musizierenden des Quartetts Vivace, liess sie ein paar Laufmeter der Exposition einspielen, bevor er unterbrach. «Du musst keine Einsätze geben», erklärte er Lena Leuthold an der ersten Geige, «schaut euch an, atmet.»
Wie Musik entsteht
Streuli lächelt – zurück auf Anfang, jetzt klingt’s. Analog zu den präzisen Gebärden des Lehrenden zeichnen die jungen Musikerinnen Haydns Klangarchitektur in klareren Strichen. Streulis Bild der musikalischen Topografie im Kopf: Dieses existiert seit über 200 Jahren. Es sind Haydns Noten. «Es ist alles in der Musik, vertrau dem Komponisten. Wir müssen es nur singen.» Worte der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender im Unterricht mit ihren Studentinnen.
Und doch ist das nicht alles. Musik entsteht durch Klangvorstellung, Verbindung, Gefühl und Handlung – ein kleines grosses gemeinsames Wunder, vielleicht, und Übung. Ein Lächeln huschte über die Gesichter von Lena Leuthold, Vianne Kagerer, Hannah Alton und Rhea Durrer, als ihr Haydn immer mehr zu strahlen begann.
Lehren und Lernen
Die junge Geigerin Mariana Fröhlich brachte ein ganzes Klanggebirge mit in den Unterricht: Édouard Lalos Symphonie espagnole forderte dem Jungtalent einiges ab. Streuli entging nichts, auch nicht die körperliche Anstrengung. Ruhig und geduldig entflocht er die heiklen Passagen, zeigte langsam, wie die Lagenwechsel klanglich blühen könnten und wie sich Schritt für Schritt Kopf und Hand verbinden liessen.
Faszinierend war zu beobachten, wie sich Mariana entspannte, als sie die Anweisungen umsetzen konnte – und wie sich der Lehrende freute, was wiederum motivierte. Lehren und Lernen als Beziehungsarbeit: In einer strukturiert-wohlwollenden Atmosphäre greift die Logik des Gelingens. Damit es einem, auf gut helvetisch, nicht verleidet.
Grossen Applaus erhielt auch das Quartett Vivace für Haydn und Tschaikowski sowie ein uriges Kodály-Duo, gespielt von Vianne Kagerer und Cellistin Sophie Dangl, das mit seinen Rhythmen passend karnevalesk wirkte.
Lernen, Denken, Glück
Inzwischen war Professor Spitzer eingetroffen – und knüpfte gedanklich dort an, wo die Musik bereits vorgespurt hatte. Musik helfe beim Denken und Lernen, sagte er, und verwies auf die evidenzbasierte Studie von E. Glenn Schellenberg (Music Lessons Enhance IQ). Zufällig eingeteilte Kinder erhielten Klavierunterricht, Gesangsunterricht, Schauspielunterricht oder keinen Unterricht. Nach zwei Jahren zeige sich: Die Intelligenzentwicklung fand bei allen statt, am stärksten jedoch bei den Musizierenden. Der Gesang liess das Klavier sogar leicht hinter sich.
Vielleicht – das ist eine Vermutung –, weil beim Singen besonders viel sensorische Integration geleistet wird: Sprache, Tongebung, Merkfähigkeit. Sängerinnen und Sänger musizieren oft auswendig. Singende Kinder seien gemäss Studie früher schulreif.
Neben kognitiven Aspekten betonte Spitzer auch die soziopädagogischen Effekte: gemeinsam singen heisst warten können, zuhören, aufmerksam sein, sich etwas trauen – und Spass haben. Jede Primarlehrperson weiss, wie gesund Singstunden sind. Und wie anstrengend lange Lektionen sein können. Besser sind Sing-Snacks.
Musizieren statt konsumieren
Die positivste Wirkung von Musik auf das Gehirn entfaltet sich, so Spitzer, beim Musizieren, nicht beim passiven Konsum. Zwar profitiere auch fokussiertes Zuhören – aber weniger stark.
Was das konkret bedeutet, zeigte die Kammermusikwerkstatt eindrücklich: Hände arbeiteten gemeinschaftlich, das Ohr verbündete sich mit den Fingern, das Auge mit dem Bogen – und der Kopf verknüpfte alles. Ein Streichinstrument zu spielen ist eine hochkomplexe, koordinative, psychomotorische Angelegenheit. Sie verlangt Geduld. Richtig üben heisst deshalb: richtig dosiert üben. Ohne Spass kein Ton – weil’s nur noch frustet. Besser viele regelmässige Einheiten als seltene Marathonproben.
Von Talent wurde an diesem Abend kaum gesprochen. Es seien rund 10’000 Stunden Übepraxis vor dem 20. Lebensjahr nötig, um an eine Profikarriere zu denken, sagte Spitzer. Wobei es in jedem Alter möglich sei, ein Instrument zu lernen – einfach langsamer.
Kein Wundermittel, aber ein Wunder
Lebenslanges Musizieren beuge Demenzerkrankungen vor, weil das Gehirn geschulter sei und der Abstieg «weiter oben» beginne. Dass aus jedem musikaffinen Kind ein Mathegenie werde, funktioniere jedoch nicht – ebenso wenig wie pränatale Mozartbeschallung Wunder wirke. Ein wertvoller Nebeneffekt sei hingegen die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung durch musikalische Früherziehung.
Die Botschaft des Professors aus Ulm war deutlich: Musik macht Menschen fit, wenn musiziert wird. Auch welche Musik sinnvoll sei und was Krach, beantwortete er differenziert: Musik, musizieren beschränke sich nicht auf europäische Traditionen und die so genannte Klassik.
Vor diesem Hintergrund wird auch seine Skepsis gegenüber digitalen Tools verständlich. Auf einem iPad herumzudrücken, allein auf den Bildschirm fixiert, schafft weniger Verknüpfungen als einen Geigenbogen zu führen, Finger zu koordinieren, Notencodes umzusetzen und auf Mitmusizierende zu achten.
Pestalozzi hatte recht
Auf dem Heimweg stellte sich die Frage nach Zugänglichkeit und Teilhabe. Die Talentförderung Musik Thurgau, vertreten durch Musikschulleiter Andreas Schweizer, unterstützt Eltern musikbegeisterter Kinder dabei, diese gezielt begleiten zu lassen. Für zwei Eltern war der grösste Mehrwert die sozialen Kontakte, die ihre Kinder knüpfen konnten. Das ist mindestens so wichtig wie Karriere.
Vielleicht kann Digitalisierung ja helfen, Brücken zu bauen, ans Musizieren zu erinnern und Teilhabe zu ermöglichen. Johann Heinrich Pestalozzi hatte recht: Mit Kopf, Herz und Hand zu lernen ist sinnvoll. Musik ist eine Königsdisziplin. Für alle übrigens. Wir alle können singen. Das hilft beim Denken – und macht glücklich.

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