von Michael Lünstroth, 02.12.2019

Wer ist hier der Roboter?

Wer ist hier der Roboter?
Sie sind die Roboter: Marc Jenny am Bass (Bildmitte), Carlo Lorenzi am Schlagzeug (rechts) und Kafi-D (links) am Keyboard. | © zVg

Analoge Instrumente, selbstgebaute elektronische Effekte und ganz viel tanzbarer Sound: Das ist die Mischung des bemerkenswerten Projekts „The Robots“, das am 6. Dezember im Kreuzlinger Horstklub Station macht.

Als die legendäre deutsche Band Kraftwerk 1978 ihren Song „Die Roboter“ veröffentlichten, war der Musiker Marc Jenny gerade mal zwei Jahre alt. Kraftwerk textete damals: „Wir sind die Roboter/Wir sind die Roboter/Wir funktionieren automatik/Jetzt wollen wir tanzen mechanik“ Schwer zu sagen, ob das den kleinen Marc damals schon interessiert hat, aber dass die Musik von Kraftwerk den älteren Marc irgendwann begann zu interessieren, lässt sich aus seinem neuen Projekt „The Robots“ erahnen. 

Es ist, wenn man so will, eine konsequente Fortführung von dem, was Kraftwerk vor 41 Jahren beschrieben. War die Rollenzuteilung durch die Zeile „Wir sind die Roboter“ damals noch einigermassen geklärt, ist das bei Jennys Projekt eher offen. Vielmehr wird hier die Frage gestellt - wer eigentlich Maschine ist und wer Individuum. „Die Idee für das Projekt habe ich schon lange mit mir herum getragen“, sagt Marc Jenny im Gespräch mit thurgaukultur.ch Im Frühjahr 2019 folgte die Premiere im St. Galler ExRex bei den 25-Jahr-Feierlichkeiten des Magazins Saiten. Bei dem Ostschweizer Kulturmagazin ist er seit vier Jahren Verlagsleiter.

Video: So klingen The Robots

Improvisation trifft Sound-Ästhetik

„The Robots“ präzise zu beschreiben, ist gar nicht so einfach, weil das ganze Vorhaben sehr komplex ist. Was man von aussen vor allem sieht sind drei Musiker, die über iPads verbunden sind. Neben Marc Jenny am Bass sind das Carlo Lorenzi am Schlagzeug) und Kafi-D am Keyboard. Auf ihren einzelnen Bildschirmen erzeugt ein selbst entwickelter Algorithmus Arrangements, denen die Musiker folgen können. Oder eben auch nicht. „Der Algorithmus ist wie ein Wegweiser, er zeigt an, wie etwas gut klingen könnte. Die Musiker können dem folgen, oder ganz eigene Wege gehen“, erklärt Marc Jenny. Für ihn ist das auch eine Methode um zu improvisieren, aber eine gewissen Sound-Ästhetik dabei nicht zu vernachlässigen.

Deswegen hat er „The Robots“ mir seinen Elektronik- und Minimalklängen auch bewusst an der Grenze von Kultur und Kommerz gesetzt. Das Ziel am Ende soll sein: Kompromisslose Tanzmusik, die auch durch die Reaktion des Publikums geprägt wird. „Durch die gegenseitige Beeinflussung von Publikum und Musik entsteht eine grosse Energie“, ist Jenny überzeugt.

Reisen mit viel Kabel an: The Robots. Am 6.Dezember zu hören im Horstklub Kreuzlingen. Bild: zVg

Always beta - das Projekt soll nie fertig sein

Für den Bassisten ist das Projekt noch ganz am Anfang: „Es wird auch nie fertig sein, wir bleiben gewissermassen immer im Beta-Status, weil es sich ja ständig verändern soll“, so Jenny. So ist auch der entwickelte Algorithmus bislang noch keine künstliche Intelligenz, das heisst, er lernt nicht aus den Handlungen der Musiker, sondern macht immer nur Arrangement-Vorschläge auf der Basis der in ihn programmierten Sound-Ästhetik.

Für die Besucher des Konzertes ist das am Ende ohnehin zweitrangig. „Ich wünsche mir immer, dass es eine geile Live-Performance wird und die Leute ihren Spass haben“, sagt Marc Jenny. 

Termin: Am Freitag, 6. Dezember, spielen The Robots im Horstklub in Kreuzlingen. Türöffnung um 20 Uhr. Eintritt: 5 Franken vor 21 Uhr, danach 8 Franken.

Das ist Marc Jenny

Marc Jenny pflegt als Kontra- und E-Bassist eine intensive Konzert- und Studiotätigkeit in unterschiedlichsten musikalischen Kontexten (Jazz, Pop, Hiphop, zeitgenössische Improvisation, Klassik, Singer/Songwriter, Punkrock, Worldmusic). Nach dem Bachelorstudium Klassik an der Hochschule Luzern – Musik schloss er 2014 gleichenorts das Masterstudium „Music and Art Performance“ im Institut für „Contemporary Music Studies“ ab. Die Schwerpunkte setzte er dabei bei zeitgenössischer Improvisation, interdisziplinären Projekten und bei Computermusik.

 

Mit dem Projekt „PETs – programmierbare eigenständige Tonerzeuger“ ist Marc Jenny Werkpreisträger 2017 des Kantons St. Gallen. 2006 wurde er mit dem Werkpreis der Stadt St. Gallen ausgezeichnet. 2008/09 folgte ein Aufenthalt in Kairo als Stipendiat im Atelier der KSK und 2011 machte er einen Atelieraufenthalt im Kunstschlauch Berlin. Während zehn Jahren war Marc Jenny zuständig für die Programmation und Organisation verschiedener Jazzclubs und Veranstaltungsorte (unter anderem Gambrinus Jazz Plus – St. Gallen, ESSE Musicbar – Winterthur). Im 2018 kuratiert er die Konzertreihe JAZZ:NOW in Frauenfeld, im 2019 die Reihe «Weekly Jazz in concert» in Chur.

 

Marc Jenny war während acht Jahren Mitglied der Kulturkommission der Stadt St. Gallen. Er arbeitet seit 2015 im Teilzeitpensum als Verlagsleiter beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. (Quelle: https://marcjenny.com/bio/

 

 

 

 

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