von Barbara Camenzind, 25.03.2019

Wer kann, der kann

Wer kann, der kann
Solist in der Glorie: Benjamin Glauser begeisterte Orchester und Publikum mit seinen Marimbakünsten. | © Barbara Camenzind

Wieso kleckern, wer zu klotzen weiss? Dirigent Gabriel Estarellas kann gut mit der grossen Kelle anfüh - pardon - anrühren. Das Jugendorchester Thurgau folgt dem Maestro auf den Fingerzeig und spielte sich geschickt und erstaunlich differenziert durch Sibelius, Séjourné und Mendelssohns schottisches „Symphonieuniversum“ op. 56.

Etwa 56 junge Musikerinnen und Musiker drängten sich am vergangenen Samstagabend in die helle barocke Hallenkirche von Steckborn. Ungefähr gleich viele, wie sich jeweils in Bayreuth unter die „heilige Decke“ des Festspielhaus-Bühnenbodens drängen. Darum die ganz unironische Frage: Wann spielt das Jugendorchester Thurgau (JOTG) ein Werk des Meisters vom Grünen Hügel? Gabriel Estarellas am Taktstock liebt die romantische sinfonische Musik. Sein Team, bestehend aus Seth Quistad (Blechbläser) und Michael Reid (Holzbläser) leistet mit ihm zusammen ganze Arbeit. Zum Beispiel mit jungen Leuten, grosse musikalische Tiere zu zähmen.

Sibelius’ Romanze für Streichorchester war in seiner Kleinteiligkeit, bei gleichzeitiger klanglicher Opulenz in den Übergängen so etwa das Heikelste, was das JOTG an diesem Abend zu bieten hatte. Aber hey: Diese tiefen Streicher! Die wanderten direkt vom Ohr in den Bauch, verbunden mit allen Blautönen, die der Musik des berühmten Finnen so eigen ist. Das war Gänsehautmusik, gerade auch, weil die Akustik der Steckborner Kirche perfekt darauf abgestimmt war. Die Tonart traf die Eigenfrequenz des Raumes. Es war ein eindrückliches Erlebnis.

Hervorragender Solist, eigenartiger Komponist

Ebenso eindrücklich spielte sich Benjamin Glauser mit seinem Marimbaphon in die Herzen der Zuhörenden. Die virtuosen Passagen meisterte der junge Künstler, der an der Musikschule Weinfelden unterrichtet und in Bern studiert, mit grosser Sensibilität und Leidenschaft. Es war eine Freude, ihm zuzusehen und zuzuhören. Aber was war das für eine seltsame Komposition? Emmanuel Séjourné, *1961, Professor für Keyboard- Perkussion (Marimba, Xylophon, etc.) in Strassbourg, echauffierte sich darüber, dass sich die Schlagwerker seines Fachs zu sehr mit Zeitgenössischer Musik auseinandersetzten, als mit der überlieferten Musik der Klassik und Romantik. Zumal es für Schlagwerk aus der Zeit einfach wenig bis gar keine Kompositionen gibt.

Flugs komponierte er also ein Konzert für Marimbaphon und Streichorchester, das klang, als hätten sich Astor Piazolla und Johannes Brahms zum Bier getroffen, mit Pierre Boulez als Kellner. Der Marimbapart ist grossartig, sehr zeitgenössisch - der Orchesterpart ist irgendwas leicht Einfallsloses mit Dreiklangsbrechungen. Die Protagonisten des Abends haben aber ihre Sache super gemacht. Unter anderem auch Adrienne Walder, Studentin der Musikwissenschaften, deren sauber recherchierte Texte im Programmheft sehr aufschlussreich und in diesem Fall auch hilfreich waren.

Das war fulminant musiziert

Nach einer etwas leicht irritierten Pause hiess es: Anschnallen, es geht ab durch die Highlands. Mendelssohn’s „Schottische“ ist musikalische Schwerstarbeit und die jungen Leute stellten sich ihr mit Mut und Können. Klar gab es da und dort noch Stellen, die nicht ganz perfekt waren. Aber der Gesamteindruck überzeugte. Das war fulminant musiziert - vor allem die Tempoübergänge, die knappen Pausen zwischen den Sätzen, die heiklen Holzbläser - Kantilenen im letzten Satz. Standing Ovation in Steckborn. Verdient. Wann spielt Ihr Wagner, JOTG? Und wann Bruckner? Wer kann, der kann!

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