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von Barbara Camenzind, 23.02.2026

Wie sich das Kloster Fischingen neu erfinden will

Wie sich das Kloster Fischingen neu erfinden will
Führen das Kloster Fischingen in die Zukunft: Co-Leiter Reto Müller, Vereinspräsidentin Katrin Schauberger, Geschäftsführer Benjamin Gsell und Co-Leiterin Nancy Flury. | © Barbara Camenzind

Mit 20 Millionen Franken aus dem Thurgauer Chancenpaket soll die Zukunft des Kloster Fischingen gestaltet werden. Jetzt hat das Projektteam erste Ideen vorgestellt. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Fast drei Jahre ist es jetzt her, dass die Thurgauer Stimmbürger:innen «Ja» sagten zur Umsetzung von 20 Zukunftsprojekten im Kanton. Finanziert mit Geldern aus dem Börsengang der Thurgauer Kantonalbank im Jahr 2014 sollten sehr verschiedene Projekte aus den Bereichen Bildung, Umwelt, Denkmalpflege, Kultur, Mobilität, Tourismus und Sport realisiert werden. Rund 127 Millionen Franken standen zur Verfügung, weil es beim Börsengang der TKB mehr Nachfrage als Angebot an Partizipationsscheinen gab. Diese Überzeichnung führte zu höheren Einnahmen.

Eines der Projekte war im Kloster Fischingen angesiedelt. 20 Millionen Franken standen in dem TKB-Topf für Restaurierung und Modernisierung von Gebäuden und Betrieb zur Verfügung (wir berichteten). Das Kloster sollte erlebbarer werden, sich über relevante Themen profilieren und in der Region stärker verankern. Gleichzeitig sollten die Eigenwirtschaftlichkeit des Vereins gesteigert sowie bestehende Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden. Bei einer Medienkonferenz gaben die Projektverantwortlichen jetzt Einblicke in den Stand ihrer Pläne.

Gar nicht so trivial, 20 Millionen klug einzusetzen

Es zeigte sich: Die 20 Millionen Franken des Chancenpakets der Thurgauer Kantonalbank klug zu investieren, ist komplizierter, als es auf den ersten Blick tönt. Der Verein Kloster Fischingen, dem die Klosteranlage seit 1879 gehört und der sie bewirtschaftet, zählt etwa 400 Leute. Historikerin Katrin Schauberger, seit Juni 2025 Präsidentin des Vereins, bringt es auf den Punkt: Für den engagierten, aber kleinen Verein mit Geschäftsführer Benjamin Gsell ist es eine Herkules-Aufgabe, im laufenden Betrieb ein Zukunftsmanagement dieser Grössenordnung zu stemmen.

Klug also, ein erfahrenes Expertenteam als Co-Leitung zu installieren: Da ist einerseits Reto Müller, Architekt, Bauherrenberater und Bausachverständiger, sowie Nancy Flury, die im April mit einsteigen wird. Sie ist noch Bibliothekarin und Geschäftsführerin im historischen Hof zu Wil und hat die dortige Neugestaltung begleitet und erlebt.

 

Kloster Fischingen, im Vordergrund der zu extensiv genutzte Westflügel.
Kloster Fischingen, im Vordergrund der Westflügel. Diese soll jetzt restauriert werden. Bild: VKF Fischingen

Neue Projektphase braucht neue Arbeitsstrukturen

In den letzten zwei Jahren gab es einige Rochaden auf der Führungsebene in Fischingen. Das ist in der Entwicklung und Evolution professioneller Organisationen gar nicht so ungewöhnlich. Präsidentin Schauberger fand wertschätzende Worte für den ehemaligen Geschäftsführer und TKB-Projektteam-Mitglied Walter Hugentobler.

Er habe Klinken geputzt, Vernetzungsarbeit geleistet, über attraktive Möglichkeiten nachgedacht, lange vor dem Urnengang am 18. Juli 2023. Hugentobler, der Pionier, zog sich mit dem Abschluss der Fördervereinbarung im Herbst 2025 ganz zurück. Frei nach Friedrich Glasl beginnt jetzt die Differenzierungsphase. Auslegen, planen, Meilensteine definieren und Kompetenzen verteilen. Und abwägen zwischen Utopie und Machbarkeit.

Eine Zukunft in vielen Teilprojekten – und abgerechnet wird am Schluss

Reto Müller erklärte, wie mit den 20 Millionen der TKB vorgegangen werde. 18 Millionen sind budgetiert, dazu noch zwei Millionen an Eventualpositionen, «wenn alle Stricke reissen». Dazu müsse der Verein Kloster Fischingen 5,4 Millionen Eigenmittel einwerben. Das gehe natürlich nicht mit den Vereinsbeiträgen von 400 Mitgliedern, stellte Müller fest.

Sie hätten aus dem «TKB-Topf» bereits Startgelder bekommen und eine erste Tranche für Arbeiten, die 2025 abgeschlossen wurden. Müller führte aus: Perspektivisch müsse das Kloster Fischingen und sein Zukunftsprojekt mit etwa 3 Millionen in Vorkasse gehen. Dies sei die grösste Herausforderung für den Verein. Das Bauen sei weniger schwierig.

 

Impressionen aus dem Westflügel: Beim Umbau sollen Vergangenheit und Zukunft zusammengefasst werden. Bild: Barbara Camenzind

Ohne zusätzliches Fundraising wird es nicht gehen

Konkret heisst das, der Verein Kloster Fischingen muss mit einem effizienten Fundraising Gelder generieren, um diese Vorleistung zu stemmen. Geschäftsführer Benjamin Gsell zeigte sich optimistisch: Es seien schon etwa 1,5 Millionen Franken eingegangen, und das Projekt wirke attraktiv auf Stiftungen und Gönner. Das Planungsdossier zeigt: Abgerechnet wird mit Pro Thurgau, die die Gelder verwaltet, nach Abschluss der Planungsschritte eines Teilprojekts und der Erfüllung aller Auszahlungsbedingungen.

Das ist kein einfaches Geschenk bei etwa 400’000 bis 500’000 Franken Ausgaben im Jahr. In zwei Etappen werden bis 2030 beziehungsweise 2032 die Projekte umgesetzt. Müller betonte, gerade als Architekt sei es faszinierend, ein Kloster im Stil des süddeutschen Barocks zukunftsfähig zu machen. Das Kloster Fischingen mit seiner kulturhistorischen Bedeutung unterliege dem öffentlichen Beschaffungswesen, so Müller.

Es sei ausserdem «der Baugeschichte des Kantons geschuldet», dass der private Verein als Klosterbesitzer die ganzen Arbeiten öffentlich ausschreibt. Man durfte das durchaus als Anspielung auf die gescheiterte Erweiterung des Kunstmuseums Thurgau in der Kartause Ittingen in den Jahren 2012/2013 verstehen. Dort hatte die Stiftung der Kartause Ittingen einige Aufträge ohne Ausschreibung vergeben, was letztlich ein Grund war, weshalb das Projekt vor dem Bundesgericht scheiterte.

Was sich ändern soll: Wirklichkeit und Ideenskizze

Geschäftsführer Benjamin Gsell erläuterte die nächsten Schritte, wie sie auch in der Medienmitteilung dargestellt werden. Das Klosterrestaurant, das sowohl Einheimische als auch Hotelgäste zum gemütlichen Verweilen einladen soll, wird heimelig-modern umgestaltet. Einerseits Dorfwirtschaft, andererseits Hotelstandard. Keine weissen Tischtücher mehr, lachte er.

Auch die Küche brauche eine Erneuerung, um wirtschaftlich und zeitgemäss arbeiten zu können. In einem weiteren Schritt wird der Klosterladen ausgebaut, mit regionalen Spezialitäten. Die grosse Skizze der Klosteranlage sei eine Art Traum oder besser Ideenskizze, betonte Gsell. Im Fokus stehe immer die Wirtschaftlichkeit, die Nachhaltigkeit und Ideen, die zum Kloster passen.

Es war spürbar, wie sich Gsell bereits nach seinem ersten Jahr als Geschäftsführer voll mit dem Ort und seinen sensiblen Seiten identifiziert. Bestehendes erhalten, ausbauen, den Ort für Gäste attraktiv gestalten – das war das Credo bei seinen Erklärungen. Das gelte auch für die Konzerte und kulturellen Veranstaltungen.

 

Historische Wundertüte: Der Gewölbekeller im Westflügel des Klosters. Bild: Barbara Camenzind

Gemeinsam in die Zukunft gehen

Dem Verein Kloster Fischingen ist es wichtig, den Weg in die Zukunft mit den im Kloster eingemieteten Institutionen zu gehen. Allen voran den vier Benediktinern, die hier ihre klösterliche Gemeinschaft leben. Sie sind nach wie vor die Essenz des Ortes. Auch die Förderschule und die Handwerksbetriebe im Ökonomiegebäude gehören zur DNA Fischingens.

Das ganze Team war sich einig: Dass mit Pilgrim in Fischingen eine waschechte Klosterbrauerei angesiedelt ist, ist ein wertvoller kulinarischer Heimvorteil. In einem weiteren Schritt, so erläuterte Gsell, werde auch die Natur, der Klostergarten und die Landschaft mit einbezogen. Das Projekt Begegnungsort Hörnli-Bergland kann bereits besucht werden.

Besonderes Augenmerk auf das Grossprojekt Westflügel

Der alte und sehr sanierungsbedürftige Westflügel wird wohl der grösste «Hosenlupf» in Fischingen. Das mehrschichtige Gebäude mit mittelalterlichem Gewölbe, den entdeckten Fresken und dem zauberhaften Charme der Jahrhunderte ist eine historische Wundertüte. Zukunft Kloster Fischingen setzt daher auch auf wissenschaftliche Studienaufträge, die diesen Prozess begleiten werden.

Der Westflügel soll Raum schaffen für Mieter und Ideen, die passen. Ob das jetzt Appartements für Ferien im Baudenkmal werden oder Kulturschaffende, die sich dort einmieten, das würde sich ergeben, erklärte Gsell. Wichtig ist dem Verein, dass diejenigen, die zukünftig die Räume bespielen werden, mit dem Geist des Klosters umgehen können. Der Verein Kompetenzzentrum für sakrale Kunst sei bereits interessiert, erzählte Reto Müller.

 

Die Sanierung soll auch dem Tourismus dienen: Fischingen liegt schliesslich ideal, um Station auf dem Pilgerweg zu machen. Bild: Inka Grabowsky

Herausforderungen und Chancen

Allen Akteur:innen war anzumerken, dass ihnen der Ort und die Zukunft des Klosters Fischingen eine Herzensangelegenheit sind, aber kühlen Mutes geplant und gehandelt werden muss. Die TKB-Millionen müssen so eingesetzt werden, dass – um es salopp auszudrücken – der Laden läuft, in Sachen Eigenwirtschaftlichkeit. Dass der Verein «Zukunft Kloster Fischingen» die Region noch vertiefter miteinbeziehen und diese mehr beleben will, mitsamt der doch recht einmaligen Waldlandschaft, ergibt auch in dieser Hinsicht sehr viel Sinn.

Die Herausforderung ist: Der Verein «Zukunft Kloster Fischingen» wird neben der Baustelle auf viele Interessengruppen zu achten haben: seine bestehenden Mieter, die Kirchgemeinde, der die Kirche und die Iddakapelle gehört, das touristische Angebot, die Seminare und die Kultur.

Aber darin liegt auch eine Chance: Vielleicht wird es zum Alleinstellungsmerkmal des Klosters – dass es unter seinem Dach mit seiner barocken Vielfalt – die Vielfalt der Menschen miteinbezieht.

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