von Maria Schorpp, 20.01.2020

Witz und Wirklichkeit

Witz und Wirklichkeit
«Eine grandiose Persönlichkeitsstudie liefert der Kabarettist Jan Rutishauser mit seinem neuen Programm ab.» Maria Schorpp über die Premiere von Rutishausers neuem Programm im Theater an der Grenze Kreuzlingen. | © zVg

Der Kabarettist Jan Rutishauser hat die Premiere seines neuen Programms „Absolute Perfektion“ ins Kreuzlinger Theater an die Grenze gelegt. Sein Protagonist trägt die ganze Last des heutigen Menschen. Trotzdem wurde viel gelacht.

Es gibt mindestens zwei Arten von Perfektionisten. Denen von der offensichtlichen Sorte scheint alles zu gelingen: Sie stellen ihre Arbeit vor – wow. Sie sitzen da, jedes Detail stimmt – nochmals wow. Ihr Zuhause – ein dreifaches wow. Der Freund mit dem 5‘000 Franken-Tisch könnte so einer sein. Weil das Luxusteil so perfekt bleiben muss wie sein Besitzer, wird unter jedes Glas, das auf ihm abgestellt werden soll, ein Untersetzer geschoben. Das Parkett darf selbstredend nur ohne Schuhe begangen werden.

Was lernen wir daraus? Perfektionisten sind dröge Spiesser. Die Erkenntnis könnte den Mann da vorne auf der Bühne trösten, aber nein. Er ist selbst ein Perfektionist, allerdings ohne perfekt zu sein. Eigentlich eine Binsenweisheit, weiss doch jeder, dass nichts auf dieser Welt, schon gar nicht, wenn sich hinter dem Nichts Menschen verbergen, perfekt ist. Dummerweise schafft er es aber auch nicht, sich den Anschein zu geben. Er sitzt in der Falle. Einerseits ist er als Perfektionist leistungsorientiert, kompetitiv und anspruchsvoll. Andererseits würde er sich am liebsten mit seinen 30 Jahren weiter in der Wohnung seiner Eltern verkriechen.

Die Sache mit der Mohrrübe vor der Nase

Die existenzielle Tragik des heutigen Menschen bringt Jan Rutishauser mit seinem dritten Programm „Absolute Perfektion“ auf eine Weise daher, die fast schon als unspektakulär bezeichnet werden kann. Da steht ein zierlicher, immer noch junger Mann auf der Bühne, ein alltägliches Exemplar Mensch, freundlich, ein bisschen schüchtern, der Junge von nebenan. Vielleicht braucht man deshalb eine Weile, um zu kapieren, dass sich in seinem Inneren eine Tragödie abspielt. Er rennt hinter der Mohrrübe her, die ihm vor die Nase gebunden wurde, und weil er kein Esel ist, weiss er, dass er sie sich nie schnappen kann.

Er müsste eigentlich ein zutiefst unglücklicher Mensch sein. Wenn da nicht die Freundin wäre. Inwieweit der Kabarettist aus dem Thurgau Anstösse aus seinem wirklichen Leben aufgegriffen hat, mag dahingestellt bleiben. Wo sollen Anstösse allerdings auch herkommen als aus dem wirklichen Leben. Ob real oder fiktiv, jedenfalls ist das Lebensmotto dieser segensreichen Partnerin, wenn wieder die ganze Welt über ihm zusammenbricht: Es kommt schon gut. Sie hat Vertrauen in die Welt. „Ich nicht.“

Der Kabarettist Jan Rutishauser. Bild: zVg

Eine Gesellschaft unter Leistungsdruck

Jan Rutishauser wäre kein Kabarettist, schon gar kein solch erfolgreicher, wenn er seine Geschichte nicht immer wieder mit diesen verbalen Blitzlichtern zum Funkeln brächte, die gutes Kabarett ausmachen. Wenn er sich zum Beispiel das Motto „Dabeisein ist alles“ zur Brust nimmt und mit so viel Witz wie Klarsicht dem Publikum im Theater an der Grenze vorführt, was für ein Quatsch das ist angesichts des alles beherrschenden „höher, schneller, weiter“. Unmerklich führt Jan Rutishauser sein Publikum aus der Privatsphäre in den öffentlichen Raum, wo es nicht mehr nur um ein kleines verschrecktes Männlein geht, sondern um eine Gesellschaft, die sich unter dem Leistungsdruck duckt.

Freilich lauert die Gefahr überall. Selbst von der Freundin kann sie ausgehen. Sie möchte mit ihm zusammenziehen! In eine einzige Wohnung! Da zieht sich die jederzeit alarmbereite Perfektionistenseele zu einer Backpflaume zusammen. Das ist die eigentliche Erkenntnis des Abends: Perfektionisten sind in Wirklichkeit verängstigte Hasenfüsse, die am liebsten in Ruhestellung verharren, um nichts falsch zu machen. Sie brauchen die absolute Kontrolle und haben sogar Angst vor dem, was sie sich so sehr wünschen: Erfolg. Eine grandiose Persönlichkeitsstudie liefert der Kabarettist mit seinem neuen Programm ab.

Gebrauchte Salatbestecke und eine Orientierungsläuferin

All das füllt der Schnellsprecher und quirlige Körpermensch mit Beobachtungen und Skurilitäten aus dem Alltag auf, wie die mit der Internetseite für gebrauchte Salatbestecke oder die über die Orientierungsläuferin Simone Niggli-Luder mit ihren 23 Weltmeistertiteln. Oder über den Laubbläser, der per Gesetz ab sieben Uhr in aller Herrgottsfrüh loslegen darf. Wenn das nicht alles so fein beobachtet wäre, könnte man auf die Idee kommen, dass es sich dabei um ein Manöver handelt, das vom eigentlichen Problem ablenken soll: dem Wunsch der Freundin nach einem gemeinsamen Zuhause.

Wie kann überhaupt jemand mit ihm zusammenleben wollen, fragt sich der Perfektionist ohne Ego und folgt der Freundin zu den Wohnungsbesichtigungen. Die Selbstzweifel seines Protagonisten werden immer wieder zu denen des Kabarettisten. Er sei als Künstler die Memory-Variante: Schon mal irgendwo gesehen, weiss nur nicht wo. Oder der Besuch beim Konstanzer Friseur, der ihm für fünfzehn Euro (!) genau die Frisur macht, die er haben will. Und das zwei Tage vor der Premiere. Wobei die Frisur des Kabarettisten bei der Premiere okay war. So gehen Witz und Wirklichkeit Hand in Hand.

Vielleicht hat Jan Rutishauser die Premiere seines neuen Programms auch deshalb in das kleine Theater an der Grenze gelegt, weil er so engeren Kontakt mit dem Publikum hat und dessen Reaktionen besser mitbekommt. Grundsätzlich kann er mehr als zufrieden sein. Das eine oder andere könnte man sich dagegen gut noch etwas zugespitzter vorstellen.

Weiterer Termin: Am 27. Mai spielt Jan Rutishauser das Programm auch in der Kellerbühne St. Gallen.  

 

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